Wenn der Gerichtsvollzieher klingelt, geht es um menschliche Schicksale. Oft erlebt Adrian Peschla Emotionen. In Stuttgart öffnet er eine Wohnung, deren Mieter als verschollen gilt.
Er klingelt. Erst einmal, dann noch ein zweites und ein drittes Mal. Er klopft laut an die weiße Wohnungstür. Es bleibt still dahinter. „Peschla, Gerichtsvollzieher. Machen Sie auf“, ruft er. Wieder nur Stille. Adrian Peschla, 36, nimmt den Schlüssel, der ihm vorliegt, und schließt die Tür auf. Er öffnet sie und ruft noch einmal in die Drei-Zimmer-Wohnung hinein. Sein Ruf klingt dumpf, wie er so auf Stapel an Papier, Müllsäcke und Hunderte von leeren Pappkaffeebechern trifft. Die Wohnung ist leer – und doch überbordend voll.
Peschla ist sich an diesem Tag, an dem er mit der Zwangsräumung beauftragt ist, schon von vornherein ziemlich sicher, dass er den Mieter der Erdgeschosswohnung in Stuttgart-Untertürkheim nicht antreffen wird. Der 62-Jährige, der seit 20 Jahren Mieter in dem Haus ist, ist seit Monaten nicht mehr erreichbar. Bereits vor zwei Jahren war Peschla mit einem Durchsuchungsbeschluss in seiner Wohnung, um ein Pfändungsverfahren vorzunehmen.
Der Stuttgarter Gerichtsvollzieher muss sich bei der Dokumentation des Wohnungszustands durch Berge von Müll kämpfen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Gerichtsvollzieher in Stuttgart: Zwangsräumung, weil der Mieter verschollen ist
Dieses Mal jedoch geht es um Mietschulden: Der Mann hat seit über einem Jahr keine Miete mehr gezahlt. Andere Gründe für eine Zwangsräumung können Eigenbedarfskündigungen sein oder dass der Mieter den Hausfrieden gefährdet. „Dieser Mieter jedenfalls ist quasi verschollen“, berichtet der neue Eigentümer und gleichzeitig Gläubiger, der das 17-Parteien-Haus vor einem Jahr gekauft hat. Es ist eine GmbH, sie will namentlich nicht genannt werden. „Wir haben von Anfang an keine Miete bekommen. Im zweiten Monat kam eine – und dann gar nichts mehr.“
Alle Versuche, den Mann zu kontaktieren, bleiben erfolglos. Auf vier Briefe reagiert er nicht, selbst zum Gerichtstermin erscheint er nicht. Eine weitere Wohnung des Mannes in Tübingen wird derzeit ebenfalls geräumt. Er soll zudem noch eine in Berlin bewohnen.
Gerichtsvollzieher Adrian Peschla dokumentiert in Stuttgart-Untertürkheim
Dennoch muss Peschla sich freilich bemerkbar machen, bevor er die Wohnung betritt. Dass er einen Schlüssel für die Wohnung hat, ist die große Ausnahme. „Der Vermieter darf eigentlich keinen Zweitschlüssel haben, das ist gesetzeswidrig“, sagt er. In diesem Fall hat der Hausverwalter Marc Roller einen Schlüssel, weil wegen eines technischen Notfalls die Wohnung betreten werden musste. Damals hat ein Schlüsseldienst das Schloss ausgetauscht – normalerweise passiert das erst am Tag der Zwangsvollstreckung.
Peschla betritt die Wohnung. Er steigt über ungeöffnete Rechnungen hinweg, klettert über Kisten und Müllsäcke und dokumentiert systematisch den Zustand: Er macht Fotos von jedem Zimmer. „Man sieht einfach die Überlastung“, sagt er. „Offensichtlich hat hier jemand gewohnt, der völlig überfordert war mit seinem Leben und es nicht mehr geschafft hat, den Haushalt zu führen oder seine Rechnungen zu öffnen – geschweige denn zu bezahlen.“ Der Gerichtsvollzieher hat in seinem Bezirk – Neugereut, Luginsland und Untertürkheim – mit einem Querschnitt der Gesellschaft zu tun. „Ich habe Ärzte, ich habe Rechtsanwälte, aber ich habe eben auch solche Umstände.“
Für den 36-jährigen Beamten ist es einer von vielen Einsätzen. „Ich würde sagen, so zehn bis 20 Räumungen habe ich im Jahr“, sagt Peschla, der seit acht Jahren als Gerichtsvollzieher arbeitet. „Ich hatte auch schon Jahre, da hatte ich gar keine Räumungen. Aber auch solche mit 20, 30.“
Viele von Zwangsräumung überrascht
Die Räumung einer Wohnung gehört zu den heikelsten Aufgaben im Beruf des Gerichtsvollziehers. „Im Gegensatz zu den alltäglichen Geldzwangsvollstreckungen ist das natürlich eine der wenigen, die wirklich existenzbedrohend sind“, sagt Peschla. „Wenn der Gerichtsvollzieher kommt, hat der Schuldner keine Möglichkeit mehr, das in irgendeiner Form abzuwenden. Er wird in dem Moment aus dieser Wohnung gesetzt.“
Viele Betroffene sind von der Zwangsräumung überrascht, weil sie ihre Post nicht mehr öffnen. Auch bei dem Mieter aus Untertürkheim haben die vielen Briefe bereits den Briefkasten gesprengt, der Boden der Wohnung ist übersät mit ungeöffneten Briefen. „Das ist natürlich für viele eine Situation, die emotionaler werden kann“, sagt Peschla. Gefährliche Situationen gehören zu seinem Berufsalltag. Einmal wurde er von einem aufgebrachten Schuldner gar am Kragen gepackt.
Gerichtsvollzieher Peschla erinnert sich an dramatischen Fall
Besonders dramatisch wird es, wenn Kinder betroffen sind. Peschla erinnert sich an einen Fall, der ihm sehr naheging: „Ich hatte eine Situation, dass wir in eine Wohnung gekommen sind und die Mieter das Säuglingskind in der Wohnung alleine gelassen haben, um zu versuchen, diese Räumung abzuwenden. Das ist menschlich nicht nachvollziehbar.“
Peschla ist es wichtig, den Schuldnern mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. „Ich versuche das tatsächlich mit allen, immer. Wenn die Schuldner als Menschen wahrgenommen werden und man ihnen erklärt, was passiert, dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass man damit eigentlich ganz gut fährt“, erklärt der 36-Jährige. „Man darf nie vergessen, dass es um einen Menschen geht.“
Dabei verliert Peschla auch nie die andere Seite aus dem Blick: „Der Gläubiger hat ein Recht auf sein Eigentum.“ Seine Aufgabe sieht er darin, dafür zu sorgen, „dass Recht auch Recht wird, indem es umgesetzt wird“.
Stuttgarter Gerichtsvollzieher hat berufsbegleitend studiert
Zum Gerichtsvollzieher wurde Peschla eher durch Zufall. Nach einer Ausbildung im mittleren Justizdienst und dem nachgeholten Abitur wollte er eigentlich zur Polizei. Doch das klappte nicht. In Baden-Württemberg braucht es für den Beruf des Gerichtsvollziehers ein dreijähriges Studium, das Peschla nebenberuflich absolvierte. Als sein Verwaltungsleiter ihn auf die Möglichkeit aufmerksam machte, Gerichtsvollzieher zu werden, hospitierte er einige Wochen. „Ich dachte mir, das ist eigentlich ein sehr schöner Job, weil man vermitteln kann und versucht, eine Lösung zu finden.“
Die Aufgaben gehen weit über Räumungen hinaus: Geldzwangsvollstreckungen, zwangsweise Zutritte für Gasableser oder in seltenen Fällen auch Kindeswohlgefährdungen.
In der Wohnung in Untertürkheim ist die Räumung nach einer knappen halben Stunde abgeschlossen. Die Wohnung wird offiziell an die Eigentümer übergeben. „Kein Urteil ist ohne Gerichtsvollzieher irgendwas wert“, sagt Peschla. „Wir setzen letztendlich diesen Anspruch um.“
Stuttgarter Wohnung wird entrümpelt
Hausverwalter Marc Roller, der ebenfalls vor Ort ist, spricht von einer „Erleichterung“. Die verschlossene Wohnung hatte zuvor Probleme bereitet – der Schornsteinfeger kam nicht rein, es bestand Legionellengefahr. Bei der Entrümplung, die der Eigentümer durch eine Firma vornehmen lässt, ist der Eigentümer dazu verpflichtet, wertvolle Gegenstände und wichtige Unterlagen auszusortieren und vier Wochen für den ehemaligen Mieter vorzubehalten. Die Wohnung kann dann entkernt, saniert und neu vermietet werden.
Peschla schließt die Tür hinter sich und geht. Seine Job ist erledigt. Zurück lässt er einen zufriedenen Eigentümer und einen abwesenden Mieter, der soeben seine Wohnung verloren hat. Letzterer bleibt die große Leerstelle in dieser Geschichte, die überbordend voll ist, aber doch ein Gefühl von Verlassenheit hinterlässt.