Gerissenes Reh bei Aidlingen Geht am Venusberg der Wolf um?
Am Samstagmittag wurde unterhalb des Venusbergs bei Aidlingen ein getötetes Reh gefunden. Noch ist ungewiss, wie es zu Tode kam. Doch es gibt eine große Sorge.
Am Samstagmittag wurde unterhalb des Venusbergs bei Aidlingen ein getötetes Reh gefunden. Noch ist ungewiss, wie es zu Tode kam. Doch es gibt eine große Sorge.
Die Gegend unterhalb des Venusbergs Richtung Aidlingen ist eine der idyllischsten Gegenden im Kreis Böblingen. Auf dem Wanderparkplatz dort starten viele Spaziergänger, der Kirchtalhof der Familie Rott schmiegt sich an den Hang. An der Wegekreuzung betreibt Franz Rott ein Garten- und Landschaftsbauunternehmen, züchtet nebenbei Shropshire-Schafe. Doch am Samstag ist es mit der Idylle vorbei. Ein Mitarbeiter Rotts findet neben einer nahe gelegenen Scheune ein gerissenes und ausgeweidetes Reh im Gebüsch.
„Mir hat sich schnell der Verdacht aufgedrängt, dass es sich hierbei um einen Wolf handeln könnte“, sagt Franz Rott, der außerdem Jagdpächter in diesem Gebiet ist, das intern als Aidlingen III bezeichnet wird. „Aus dem Waldstück auf dem Hangrücken kommen immer wieder Rehe zum Grasen, bis zu 20 von ihnen habe ich schon beobachtet“, sagt der 77-Jährige. „Doch zuletzt waren es nur noch wenige, ich hatte schon das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht im Revier.“
Er und sein Mitarbeiter informierten die Forstliche Versuchsanstalt (FVA) in Freiburg, die den Kadaver am Montag zur weiteren Untersuchung abholte. Dies ist das vorgesehene Verfahren in so einem Fall, da der Landkreis hierfür nicht zuständig ist. Von der FVA bestätigt Andreas Joos als Pressesprecher den Fall: „In einem ersten Schritt findet eine Rissbegutachtung durch die FVA statt, das heißt eine äußerliche Untersuchung des Tierkörpers.“ Doch ob der Riss wirklich von einem Wolf stammt, lasse sich erst in einem zweiten Schritt feststellen.
„Sofern erforderlich, werden in einem zweiten Schritt Proben zur genetischen Untersuchung genommen und an ein externes Institut zur Analyse übermittelt“, sagt Joos. Dies dauere in der Regel 14 Tage. Bis es soweit ist, herrscht rund um den Fundort Ungewissheit – und Verunsicherung. Franz Rott sorgt sich vor allem um seine Zuchtschafe der seltenen Rasse Shropshire. „Ich habe 2018 mit der Zucht der Tiere begonnen, mein Zuchtbock hat auch schon einige Auszeichnungen erhalten“, sagt er. Entsprechend groß sei der Aufwand für Aufzucht und Pflege der Tiere. Ein umherstreifender Wolf sei das Letzte, was er gebrauchen kann.
Ähnlich geht es seinem Neffen Thomas Rott, der etwas weiter den Hang hinauf den Kirchtalhof der Familie betreibt. Als Landwirt hält er ebenfalls Weidetiere und macht aus seinem Unbehagen keinen Hehl. „Kein Weidetierhalter braucht einen Wolf“, sagt Rott, der für die CDU im Böblinger Kreistag sitzt. „Wir hatten jetzt Hunderte von Jahren keinen hier in der Gegend und konnten alle gut damit leben.“ Die Menschen, die sich über die Wildtiere in der Umgebung freuten, bekämen diese ja gar nicht zu Gesicht.
Auf seinem Hof gibt es eine Reihe von Weideflächen, die er kaum anders bewirtschaften kann, als Tiere zum Grasen darauf zu stellen: Sie seien entweder zu steil oder zu steinig, um sie mit dem Traktor befahren zu können. Also zäunt er sie ein und hält Tiere darauf; 25 Mutterschafe etwa oder seine Charolais-Rinder. „Am Donnerstag ist bei den Rindern der Weide-Austrieb geplant“, sagt er. Nun wächst bei ihm freilich die Sorge.
„Die Tiere vor dem Wolf zu schützen, ist unheimlich schwierig“, sagt er. Zwar könne er den Elektrozaun verstärken, aber hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht. Rott: „Am Ende ist es ein Wettlauf Mensch gegen Wolf.“ Denn ob die Angst vor dem Stromschlag am Ende größer ist als der Hunger, wisse man nicht. Zumal der Riss allein gar nicht das größte Problem sei.
Rott: „Die restlichen Tiere sind nach so einem Vorfall völlig durch den Wind und viel schwerer zu handhaben.“ Von daher hofft er, dass ein achtlos laufen gelassener Hund das Reh in der Nähe des Hofes gerissen hat, von dem er außerdem glaubt, dass es schon schwach war. Doch aufgrund der gesicherten Sichtung eines Einzelgängers nahe Rutesheim vor wenigen Wochen liegt der Verdacht auf einen Wolf freilich nahe.
Das Landratsamt kann zu dem Fund auf Nachfrage nicht viel sagen, so lange die Ursache nicht klar ist. „Im Landkreis Böblingen liegen Aidlingen, Deckenpfronn, Jettingen, Mötzingen, Bondorf, Gäufelden und Teile der Gemarkungen Herrenberg im Fördergebiet Wolfsprävention Schwarzwald“, sagt Sprecherin Simone Hotz. Tierhalter innerhalb des Gebiets erhalten bei nachgewiesenem Wolfsübergriff Schäden erstattet: Ausgleichszahlung für gerissene oder verendete Nutztiere, Tierkörperbeseitigung, Tierarztkosten, Arbeitsaufwand für die Suche, das Einfangen oder die Bergung versprengter Tiere. Der Schaden werde jedoch nur erstattet, wenn der Grundschutz bei Schafen, Ziegen oder Gehegewild zum Zeitpunkt des Übergriffs korrekt installiert war, sagt Hotz.
UPDATE: Wie das Landratsamt Böblingen am Donnerstag nach dem Wochenende des Fundes mitteilte, hat eine Expertenuntersuchung ergeben, dass das Reh bereits altersbedingt ohne Fremdeinwirkung verendet war und dann von einem hungrigen Fuchs derart zugerichtet wurde.