Gerlingen holt Dokumente aus einer goldenen Kugel Eine Zeitkapsel in der Kirchturmspitze

Der Archivar Klaus Herrmann (links) und der Pfarrer Jochen Helsen sind beeindruckt, welche Dokumente in der  Kirchturmkugel aufbewahrt sind. Foto: factum/Granville
Der Archivar Klaus Herrmann (links) und der Pfarrer Jochen Helsen sind beeindruckt, welche Dokumente in der Kirchturmkugel aufbewahrt sind. Foto: factum/Granville

Zurzeit wird die Petruskirche saniert. Eine gute Gelegenheit für einen Dialog über die Generationen hinweg, den alte Dokumente ermöglichen. Dafür musste auch ein Schlosser aktiv werden.

Ludwigsburg: Ludwig Laibacher (lai)

Gerlingen - Es gibt Schätze, die sind weder in der Erde vergraben noch hinter streng bewachten Mauern verborgen. So manches Geheimnis schlummert an einer für alle sichtbaren Stelle – im Falle der Gerlinger Kirchengemeinde in der Turmspitze der Petruskirche. Genauer in einer vergoldeten Kugel unter dem Wetterhahn. Die darin enthaltenen alten Münzen, Urkunden und Bilder sowie Fotos aus der Kaiserzeit wurden im Rahmen des Kelterplatzfestes am Samstag vorgestellt.

Goldene Kugel hinter Glas

Die Kirche wurde vor 555 Jahren erbaut und die Kugel immerhin auch schon im Jahr 1739 installiert. Die darin aufbewahrten Stücke sollen eine Art Kommunikation über Jahrzehnte und Jahrhunderte ermöglichen – es sind Kassiber aus anderen Zeiten. „Es war ganz schön schwierig, die fünf Plomben zu öffnen“, sagte der Pfarrer Jochen Helsen. Darum seien die zylinderförmigen Behälter schon tags zuvor von einem Schlosser aufgesägt worden.

„Die heutige Öffnung ist die sechste“, erklärte der Gerlinger Stadtarchivar Klaus Herrmann. Ein Grund dafür: Die Petruskirche wird zurzeit saniert. Auch die Turmspitze wird dabei erneuert. Eine günstige Gelegenheit also, die Kugel nicht nur herunterzuholen und zu öffnen. Nein, sie wurde auch wieder neu vergoldet, weshalb sie am Samstag nur hinter einer trennenden Glasscheibe betrachtet werden konnte. „Sie einfach so aufzustellen erschien uns zu riskant“, sagte Helsen.

Warum von den ganz alten Dokumenten nichts mehr erhalten ist, erfuhren die Festbesucher, als Herrmann eine Urkunde von 1916 – dem Jahr der dritten Öffnung der Turmkugel – vorlas: Durch Schüsse waren der Turm und damit auch die Kugel beschädigt worden. Darin enthaltene Pergamente aus dem 18. Jahrhundert waren feucht geworden und verfault.

Darum sind bei dieser Öffnung mitten im Ersten Weltkrieg ergänzende Informationen mit aufgenommen worden. Klar benannt wird dabei nicht nur, dass sich Deutschland im Krieg befand, sondern auch, dass der damalige Pfarrer Schwarz sehr kaisertreu und nationalistisch war: Zu den Beigaben im Kassiber von 1916 gehören mehr als ein Dutzend Fotos von Kaiser, König und Generalität. „Es gab auch noch nach dem Krieg Probleme mit diesem national gesinnten Pfarrer“, sagte Herrmann.

Arbeiter statt Bauern

40 Jahre später sah die Welt völlig anders aus: Die Dokumente, die 1956 in die Kugel gelegt wurden, verraten, dass aus dem bäuerlichen Gerlingen eine Stadt der Arbeiter geworden war. Damals musste der Turm erneuert werden, weil er sich gefährlich geneigt hatte. Der Vollständigkeit halber wurde der Kostenvoranschlag für die Sanierung beigelegt: Er lag bei 18 000 Deutsche Mark. Im Zuge diese Renovierung – auch das ist den Urkunden zu entnehmen – erhielt die Turmuhr zwei weitere Zifferblätter. Zuvor zeigte sie die Zeit nur in zwei Himmelsrichtungen hin an.

Nicht alles, was am Samstag aus der Kugel geholt wurde, war dem Stadtarchivar neu. Doch zum Beispiel eine in altdeutscher Schrift verfasste Urkunde von 1916 machte ihn neugierig: „Die werden wir bald übersetzen und sie den Gerlingern zukommen lassen“, versprach Archivar Herrmann. Noch sind eben nicht alle Gerlinger Geheimnisse erzählt.




Unsere Empfehlung für Sie