Karin Dullat und Klaus Gottschalk aus Gerlingen sichern Lebensmittel. Diese verteilen sie in der Bachstraße im Treff Lebenswert. Foto: Simon Granville
Karin Dullat und Klaus Gottschalk aus Gerlingen haben allein voriges Jahr rund 1400 Tonnen Lebensmittel vor dem Müll gerettet. Aber sie stoßen an ihre Grenzen.
Binnen zwei Tagen haben sie 9000 Eier bekommen. Eine kaum vorstellbare Menge. Und doch bloß ein Bruchteil der Lebensmittel, die Karin Dullat und Klaus Gottschalk dieses Jahr bereits vor der Mülltonne gerettet haben. „Wir sind jetzt schon über dem Volumen von 2024“, berichtet Klaus Gottschalk. Da hatte der Gerlinger Verein Freefood etwa 1400 Tonnen Lebensmittel entgegen genommen. Vom Tiefkühlhändler Casa del Dessert in Gerlingen, von der Bäckerei Diefenbach im Ort und in Ditzingen, von Edeka Bonlanden. „Die anderen Betriebe dürfen wir nicht nennen.“
Ob namentlich erwähnt oder nicht: Die Unternehmen eint, dass sie Freefood Lebensmittel überlassen, die sie sonst wegwerfen würden. „Wir könnten noch viel mehr Ware bekommen, aber wir haben keinen Platz“, sagt Klaus Gottschalk. Deshalb sucht der Verein dringend neue Räume.
1400 Tonnen Lebensmittel hat Freefood aus Gerlingen schon jetzt gerettet
Im November ist es fünf Jahre her, dass Klaus Gottschalk, 57, Freefood gegründet hat, mit Niederlassungen in Heilbronn und Göppingen. Von Anfang an dabei: Karin Dullat, 63. Die Mission des Paars: Lebensmittel retten und kostenlos an Menschen verteilen. Die einen kommen, weil sie bedürftig sind, anderen Abnehmern ist Nachhaltigkeit wichtig. „Wer Angst hat, jemandem etwas wegzunehmen, kommt ab 16 oder 16.30 Uhr“, sagt Klaus Gottschalk.
Rund 25 Helfer packen jedes Mal mit an, um die wöchentlich 400 bis 600 Menschen zu versorgen. Mittlerweile verteilt Freefood Lebensmittel nicht nur in der Bachstraße (Dienstag bis Freitag von 15.30 bis 18 Uhr, Samstag von 9.30 bis 11 Uhr), sondern freitags auch in der Schillerstraße, wo ein Lager gemietet ist. Die Verteilung dort sei aber nur eine Lösung auf Zeit – und pausiert gerade bis 3. Oktober.
Im vergangenen Jahr haben die Gerlinger Lebensmittelretter 1400 Tonnen vor dem Mülleimer bewahrt. Foto: Simon Granville
Deutschlandweit werden laut dem Umweltbundesamt jedes Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Der World Wide Fund For Nature (WWF) spricht gar von mehr als 18 Millionen Tonnen. „Diese Ressourcenverschwendung von ungeheurem Ausmaß können und wollen wir nicht hinnehmen“, sagt Karin Dullat. Sie wollten mit den Massen auch Aufmerksamkeit erregen und zeigen, wie die Menschen mit Lebensmitteln umgehen und sie zum Umdenken bewegen. „Dass wir zugleich Bedürftigen helfen, ist ein positiver Nebeneffekt.“
Seit seiner Gründung hat sich der Verein stetig vergrößert. Personell wie räumlich, mit weiteren Ablegern in Calw und Mundelsheim. Trotzdem ist der Platzmangel ein ständiges Thema. Nach dem Auszug aus dem Hirsch sammelten die engagierten Vereinsmitglieder die Lebensmittel erst privat im Auto ein, von wo aus sie sie auch verteilten. Gut ein halbes Jahr lang. „Das war anstrengend“, erinnert sich Karin Dullat. Mehrere Umzüge folgten. Längst platzt nun auch das Domizil in der Bachstraße – der Treff Lebenswert – aus allen Nähten. In Eigenregie hatte der Verein den früheren Stall umgebaut und im Herbst 2022 bezogen. Dort eröffneten Karin Dullat und Klaus Gottschalk außerdem ein Café. Einen „Platz der Kommunikation und Geselligkeit“, einen Ort, an dem die Leute „gemeinsam statt einsam“ sein können. Mit viel Liebe hatten sie es eingerichtet.
Café von Freefood in Gerlingen muss weichen – wegen Platznot
Doch ihr Traum, den Dullat und Gottschalk realisiert haben, war rasch ausgeträumt. Mangels Platz haben sie die Tische, Stühle und Theke entfernt – das Café gibt es nicht mehr. Dabei sei es beliebt gewesen, erzählt Karin Dullat, die das Aus bedauert. Eine Handvoll Menschen sei immer da gewesen, Freundschaften seien entstanden. Die Leute hätten es geschätzt, einen Kaffee zu trinken und ein Stück geretteten Kuchen zu essen. Gekostet hat das die Gäste so viel Geld, wie es ihnen wert war zu geben. Eine ältere Dame habe einmal gesagt: „Ich kann leben, ich kann mir aber nichts leisten.“ Dieser Satz sei bei ihr hängengeblieben, sagt Karin Dullat. Und er treibt sie noch mehr an.
Karin Dullat und Klaus Gottschalk: Lebensmittel zu retten ist ein Fulltime-Job
Neue Räume zu finden gestaltet sich allerdings schwierig. Zentral sollen sie sein, idealerweise zwischen 120 und 150 Quadratmeter groß und barrierefrei. Bisherige Optionen waren entweder zu klein – oder zu teuer für den Verein, der sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden, kleinere Fördermittel und Erlöse aus Verkäufen finanziert. Manchmal sei Frustration da, doch man bleibe optimistisch. „Wir sind positiv gestimmt, dass wir irgendwann das Projekt verwirklichen können. Wir geben nicht auf, denn es liegt uns am Herzen“, sagt Karin Dullat. Zurzeit laufen Gespräche für eine Immobilie. Öffentlich will der Verein aber noch keine Details nennen.
Karin Dullat und Klaus Gottschalk hoffen bei ihrer Suche auch auf eine verstärkte Unterstützung durch die Stadt. „Wir wollen nichts geschenkt“, betont Karin Dullat, eine – finanzielle – „Starthilfe“ fänden sie jedoch schön. Um Anträge für größere Förderungen zu stellen oder ein Crowdfunding anzustoßen, „bräuchten wir jemanden an unserer Seite“.
Längst ist der Verein fester Bestandteil des Gerlinger Stadtlebens. Er engagiert sich unter anderem beim Straßenfest, beim Musiksommer und Neubürgerabend. Und er hilft Menschen im Alter oder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche inzwischen auch, Formulare auszufüllen. „Manchmal vergessen wir uns selbst“, stellt Klaus Gottschalk fest. Was sie täten, sei ein Fulltime-Job.
Die Stadt und die Vereine
Lob Die Stadt Gerlingen hat für Freefood nur Lob übrig. „Der Verein bereichert das Stadtgeschehen und setzt einen wichtigen Impuls für die Nachhaltigkeit“, sagt die Rathaussprecherin Sofie Neumann. Ein Ort, an dem er Lebensmittel verteilt und ein Café betreibt, sei wünschenswert. „Da sich der Verein für Lebensmittelrettung und Nachhaltigkeit einsetzt und auch eine soziale Komponente durch die Schaffung eines Ortes der Begegnung hier in Gerlingen einnimmt, ist er eine Bereicherung für das Stadtleben und fördert den Austausch hier vor Ort.“ Aktuell seien Gespräche mit anderen Organisationen über eine eventuelle gemeinsame Nutzung einer städtischen Immobilie im Gang.
Unterstützung Gerlinger Vereine erhalten von der Stadt Zuschüsse gemäß den Vereinsförderrichtlinien und können über die Bürgerstiftung Anträge zur Unterstützung von Projekten oder Anschaffungen stellen. Außerdem zahlt die Stadt den Vereinen bei Jubiläen eine Jubiläumsgabe. Zusätzlich organisiert die Stadt einmal im Jahr ein Vereinsvorsitzendentreffen, um den Austausch zwischen Stadt und Vereinen, aber auch untereinander zu ermöglichen und sich über die Wünsche und Bedürfnisse in einem gemeinsamen Kreis austauschen zu können.