Gerlinger Regisseur mit preisgekröntem Film Mit der Kamera inmitten der Proteste

Der Protest in Chile richtet sich gegen die soziale Ungleichheit. Mehr Bilder finden Sie in der Bildergalerie. Klicken Sie sich durch. Foto: Nightrunner Productions Lowkey Films Ltd./Friedemann Leis

Der Nachwuchsregisseur Franz Böhm hat einen Dokumentarfilm über den Einsatz für eine bessere Welt gemacht – auch dafür ist er nun preisgekrönt. Für seine Porträts über junge Aktivistinnen nahm der 21-Jährige mit Familie in Gerlingen Risiken in Kauf.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Gerlingen/London - Der eine Preis ist gerade entgegengenommen, da folgt schon der zweite: Für sein Projekt „Dear Future Children“ hat der Regisseur Franz Böhm, 21 Jahre jung, erst auf dem Max-Ophüls-Festival den Publikumspreis in der Kategorie „Dokumentarfilm“ gewonnen – und jetzt am Wochenende den Publikumspreis des Internationalen Filmfestivals und Forums für Menschenrechte (FIFDH) in Genf. „Das ist für uns als Filmteam eine große Ehre und tolle Bestätigung unserer Arbeit“, sagt Franz Böhm, der 2019 von Gerlingen nach London zog.

 

Es helfe bei der Kinoauswertung – der Zeitraum, den ein Film im Kino läuft. Im Sommer ist es soweit, dann erscheint Franz Böhms Langfilmdebüt auf den Leinwänden. Es ist sein erster Film, der in die Kinos kommt.

Mit dem Film, der nun immer bekannter wird, hat Franz Böhm aber noch ein weiteres Ziel erreicht: „Wir wollen den Protagonistinnen eine möglichst breite Plattform bieten.“ Die Protagonistinnen, das sind drei junge Aktivistinnen auf drei Kontinenten, die Franz Böhm und seine Crew, darunter viele Stuttgarter, begleitet haben. Für den Film – nach aufwendigen Recherchen gedreht von August 2019 an jeweils sechs Wochen lang in Hongkong, Uganda und Chile – seien sie viele Risiken eingegangen, sagt Franz Böhm. Und damit meint er nicht nur das finanzielle Risiko, denn das Filmprojekt wurde über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert.

Die Aktivistinnen kämpfen an vorderster Front für ihre Ziele – und Franz Böhm und sein Team waren mittendrin: Da ist zunächst Pepper. Das ist nicht ihr echter Name. Wer sie wirklich ist, bleibt im Film geheim, weil sie in Hongkong gegen die Peking-nahe Regierung und für den Fortbestand der Demokratie kämpft. Bei den blutigen Massenprotesten gingen mehr als eine Million Menschen auf die Straße.

In Uganda lernte Franz Böhm Hilda kennen, eine Klimaaktivistin und die Mitgründerin der dortigen Bewegung Fridays for Future. Sie will ihre Mitmenschen auf den Klimawandel und seine Folgen aufmerksam machen. Rayen schließlich erträgt die soziale Ungleichheit in ihrer Heimat Chile nicht mehr.

Gefahr „kein Grund, den Film nicht zu machen“

Vergangenes Jahr reiste Franz Böhm erneut nach Hongkong. Im Juni hatte China das umstrittene Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong verabschiedet. Es stellt neben Terrorismus auch ausländische Einflussnahme und Separatismus unter Strafe – und Subversion. In der Zwischenzeit sei so viel passiert, der Film wäre nicht mehr aktuell gewesen, wäre er nicht noch einmal nach Hongkong geflogen, sagt Franz Böhm. Das Sicherheitsgesetz sei eine „sehr dramatische Erfahrung“ für Pepper gewesen.

Franz Böhm sagt, er war informiert und gewappnet, dass es beim Dreh gefährlich werden könne. „Das war aber kein Grund, den Film nicht zu machen.“ Auch nicht die Tatsache, dass er Gegenwind und Drohungen bekam und bekommt, sogar Morddrohungen etwa per E-Mail aus Hongkong von Menschen, die die Proteste verneinen, von chinesisch-nationalistisch eingestellten Menschen – vor allem, seitdem er und sein Team mehr in der Öffentlichkeit stehen. Der 21-Jährige nimmt all das erstaunlich gelassen. „Hier müssen wir konzentriert arbeiten“, sagt er, er habe „tolle Unterstützung“ von einer Universität in den USA.

Bis heute ist Franz Böhm mit den drei Aktivistinnen in Kontakt. Sie seien Freundinnen geworden. Pepper lebe auf der Flucht, Hilda finde Wege, ihre Aktivitäten weiterzubringen – und in Chile habe sich wenig geändert. „Wir waren in der interessantesten Zeit vor Ort“, sagt Franz Böhm, der keine Fortsetzung plant. Jetzt stehe der Film erst einmal für sich.

Warum er diesen Film gedreht hat? Es habe eine riesengroße Debatte über junge Aktivisten gegeben – Stichwort Greta Thunberg. „Ich habe jedoch einen Film vermisst, der den Personen und ihren sehr wichtigen Geschichten ungefiltert eine Plattform gibt“, sagt Franz Böhm, den wie sein Team das Phänomen des jungen Aktivismus beschäftigt. „Unsere junge Generation ist politisch interessiert und teilt mehr Werte, als vielen bewusst ist“, stellt Franz Böhm fest – sie wollten zum Beispiel die Zukunft schützen. „Unsere Generation fragt dringend nach Mitspracherecht und holt es sich, komme, was wolle. Ich bin beeindruckt, wie sie alle Werkzeuge einsetzt.“ Für „alteingesessene Autokraten und Diktatoren“ gebe es keinen Platz mehr.

Er vermisst die Maultaschen seiner Großmutter

Für den Film, der für die breite Gesellschaft gemacht sei, erhalte er viel Lob, berichtet Franz Böhm. Zugleich löse er „teils sehr interessante, gesunde“ Diskussionen aus. „Viele Leute haben ihre eigene Meinung.“ Er freue sich, wenn sich die Menschen mehr mit den Konflikten auf der Welt befassen. „Nur weil sie weit weg sind, heißt es nicht, dass sie uns nicht betreffen“, sagt der 21-Jährige. Beispiel Klimaschutz: Mit dem Klimawandel kämen mehr Flüchtlinge nach Europa.

Pandemiebedingt hat Franz Böhm seine Familie in Gerlingen schon eine Weile nicht mehr besucht. Die Maultaschen seiner Großmutter vermisse er schon, sagt der Regisseur und lacht. Er lebt mit zwei Schauspielern in einer Wohngemeinschaft in Greenwich, einem Stadtteil im Südosten Londons, und hat einen Teilzeitjob in einer Filmproduktionsfirma.

Mit London habe er eine internationale und hochinteressante Stadt gefunden, die filmisch viel zu bieten habe und in der er „unheimlich viel“ lernen könne. „In London ist die Filmindustrie ein großer Teil der Wirtschaft“, sagt Franz Böhm, dessen Karriere mit 13 Jahren als Set-Runner begann, quasi ein Mitarbeiter für alles, ehe er mit 16 Jahren seinen ersten Kurzfilm „Harmonie der Anderen“ drehte.

Wegen Corona sei es zurzeit schwer, am Set zu drehen. Allerdings könne man gut Filme in der Postproduktion bearbeiten – und Stoffe entwickeln. Was Franz Böhm gerade auch tut: Sein nächstes Projekt ist in vollem Gang. Der 21-Jährige hält sich bedeckt, verrät nur so viel: Es wird ein szenischer Spielfilm, „basierend auf der wahren Geschichte einer mutigen Journalistin“.

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