David Will wäre liebend gerne nach Stuttgart gekommen. Der Profi aus Dagobertshausen zählt zu Deutschlands besten Springreitern. Doch man hat ihm sein Spitzenpferd über Nacht unter dem Sattel wegverkauft. Keine schöne Geschichte: 2020 bekam er einen zwölfjährigen Holsteiner namens C-Vier in den Stall. Dessen Besitzer, das Elmshorner Ehepaar Rijkens, erhoffte sich, Will möge den Wallach in den großen Springsport bringen. Das glückte dem erfahrenen Profi schnell: 2021 siegte er im Großen Preis von Rom, wenig später, bei der EM in Riesenbeck, zählten Will und sein C-Vier zur deutschen Silber-Equipe.
Im April dann der Schock. Die Besitzer verkauften das Klassepferd von einer Stunde auf die andere an einen schwerreichen Mäzen des irischen Springreiters Cian O’Connor – für eine Millionensumme, wovon man angesichts der Klasse des Pferdes ausgehen darf. David Will konnte nichts dagegen tun, bedankte sich noch artig bei den Besitzern, dass er C-Vier überhaupt hatte reiten dürfen; in der Szene munkelt man, er habe von dem lukrativen Deal keinen Cent erhalten. Mittlerweile ist das Pferd in den USA – bei einem Reittalent aus reichem Elternhaus.
Der Pferdehandel läuft diskreter als diskret
Dieser krasse Fall zeigt ein Spitzenpferd als reines Spekulationsobjekt und bloße Handelsware. Nur Mittel zum Zweck. Dazu muss man wissen, dass der internationale Springsport – insbesondere so attraktive Serien wie die Global Champions Tour, der Nationscup, der Grand Slam oder auch der Weltcup – nichts anderes sind als die moderne Form des uralten Pferdemarktes: Alles ist in Bewegung, nichts ist undenkbar.
Für den vermeintlichen Wunderhengst Totilas hat Paul Schockemöhle nach eigenem Bekunden 2010 neun Millionen Euro bezahlt – Rekord in der Dressur, zumindest der offizielle Rekord. Denn zumeist herrscht über die konkreten Summen Verschwiegenheit. Sie können noch höher liegen, das Springpferd Palloubet d’Halong beispielsweise soll bei seinem Verkauf 2013 weit mehr als zehn Millionen Euro eingebracht haben.
Der Pferdehandel läuft diskreter als diskret. Manches Geschäft geht noch per Handschlag. Aber es gibt auch Verträge und teure Gutachten von Tierärzten – im Streitfall, der gar nicht so selten ist, trifft man sich vor Gericht. Fachanwälte, die sich nur um Pferdehändel kümmern, verdienen prima daran.
Ein Motiv der finanzkräftigen Käufer ist Liebhaberei respektive Prestige. Neben Mäzenen gibt es aber auch Händler und Investoren, für die sich mit den Sportpferden viel Geld verdienen lässt. Zum einen eben durch den Verkauf gut ausgebildeter Tiere für den Turniersport, zum anderen durch den Verkauf des Spermas von Hengsten zur Zucht.
Zum weltweiten Wanderzirkus mit mutigen Artisten im Sattel und starken Athleten auf vier Beinen zählt auch das German Masters in der Stuttgarter Schleyerhalle, das noch bis Sonntag zum 36. Male stattfindet. Auf den Tribünen und in der Trainingshalle des Reitturniers sieht man allerhand Scouts, die für ihre Auftraggeber mit Argusaugen nach jungen „Krachern“ Ausschau halten – so nennt man im Reiterjargon die auffälligen Talente.
Hunderttausende von Euros oder Dollars für Fohlen
Eines der begehrtesten Pferde in der Schleyerhalle ist der 13-jährige Holsteiner Limbridge, den Ralf Pawlowski aus Heidenheim gezüchtet hat. Geritten wird er von der WM-Neunten Jana Wargers. Die 33-Jährige, der ein Drittel des Pferdes gehört (die anderen zwei ihrem Chef Enda Carroll sowie Jos Lansink), sagt offen und ehrlich: „Angebote gab es genug, sogar eines über drei Millionen. Aber Limbridge bleibt unter meinem Sattel – zumindest bis Olympia in Paris!“
Selbst Corona hat den Pferdehandel nicht zum Erliegen gebracht, im Gegenteil: Die Zahl der Online-Auktionen hat sich vervielfacht, man kauft und verkauft Pferde, die man leibhaftig noch gar nicht kennt. Hunderttausende von Euros oder Dollars werden für Fohlen oder für die sogenannten Remonten, also die Drei- bis Vierjährigen, aufgerufen und bezahlt.
Die Mehrzahl der Spitzenreiter wie etwa der in Stuttgart sattelnde Marcus Ehning sind zugleich Händler. Andreas Krieg, Pferdehändler aus Villingen und Mitglied der Stuttgarter Turnierleitung, sagt: „Die Nachfrage nach tollen Sportpferden ist weltweit enorm, das Angebot kann leider nicht Schritt halten. Wir könnten weit mehr Pferde verkaufen, aber die Zucht schafft es nicht.“
Auch André Thieme, den amtierenden Europameister, hätte man gerne in der Schleyerhalle reiten sehen – der clevere Profi ist aber mit einem Dutzend an Verkaufspferden in die USA geflogen und sagt lapidar: „Ich lebe nun mal vom Pferdehandel!“ Sein bestes Pferd, die Fuchsstute Chakaria, hat er allerdings als „unverkäuflich“ deklariert, wofür ihn Bundestrainer Otto Becker lobt: „Ich bin allen dankbar, die ihre Toppferde nicht verkaufen. Wir brauchen Spitzenteams für die wichtigen Wettkämpfe. Nicht zuletzt für Paris 2024.“
An dieser Stelle kommen Menschen wie Madeleine Winter-Schulze aus Berlin ins Spiel. Die schwerreiche Tochter des legendären Autohändlers Eduard Winter unterstützt seit vielen Jahren die Reitstars Isabell Werth und Ludger Beerbaum. Viele Pferde, die beide reiten, gehören der 81-Jährigen. Fragt man sie, wie viele Pferde sie besitzt, lächelt sie nur und sagt kokett: „Ich hab sie lange nicht mehr gezählt.“ Dass sie aus Passion zu den Pferden und der Freude am Sport viele Millionen investiert hat – das überspielt sie mit einem charmanten Schulterzucken.