Gesamtkirchengemeinde in Stuttgart-Möhringen Der Abriss der Kirche ist kein Tabu mehr

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Die Gemeinden St. Hedwig und St. Ulrich bilden seit dem 1. Januar 2017 eine Gesamtkirchengemeinde. Nun sollen und müssen sie weiter zusammenwachsen. Während in St. Hedwig in Möhringen Sanierungsarbeiten geplant sind, steht auf dem Fasanenhof auch der Abriss der Kirche zur Debatte.

Eine Möglichkeit wäre es, nur den Turm der St.-Ulrich-Kirche zu erhalten und die übrigen Gebäude abzureißen, um was Neues bauen zu können. Foto: Archiv Alexandra Kratz
Eine Möglichkeit wäre es, nur den Turm der St.-Ulrich-Kirche zu erhalten und die übrigen Gebäude abzureißen, um was Neues bauen zu können. Foto: Archiv Alexandra Kratz

Möhringen/Fasanenhof - Seit einem Jahr sind die Gemeinden St. Ulrich und St. Hedwig eine Gesamtkirchengemeinde. Es war die kleine Lösung. Insbesondere die Kirchengemeinderäte in St. Hedwig und auch Pfarrer Heiko Merkelbach hätten eine Fusion der beiden Gemeinden bevorzugt. Doch der Kirchengemeinderat von St. Ulrich lehnte in letzter Minute ab. Nun sind es nach wie vor zwei rechtlich selbstständige Gemeinden. Sie haben eigene Kirchengemeinderäte und ihr eigenes Vermögen. In pastoraler Hinsicht hat sich wenig geändert. Denn vor der Gesamtkirchengemeinde gab es bereits eine Seelsorgeeinheit. Merkelbach ist seit 2006 Pfarrer von St. Hedwig und St. Ulrich. „Unser Personal ist ohnehin zuständig für beide Gemeinden“, sagt Merkelbach.

Merkmale einer Gesamtkirchengemeinde sind der gemeinsame Haushalt und dass für den laufenden Betrieb der Gesamtkirchengemeinderat, beziehungsweise der geschäftsführende Ausschuss zuständig ist. Das betrifft unter anderem Personal-, Grundstücks- und Investitionsentscheidungen. Die beiden Gemeinden sind unterschiedlich groß. St. Hedwig hat 5400 Gemeindeglieder und 14 gewählte Mitglieder im Kirchengemeinderat. St. Ulrich hat 1600 Gemeindeglieder und sieben gewählte Mitglieder im Kirchengemeinderat. Alle Kirchengemeinderatsmitglieder sind im Gesamtkirchengemeinderat.

Der Knackpunkt sind die Gebäude

Trotz der unterschiedlichen Größe der beiden Gemeinden ist der geschäftsführende Ausschuss mit jeweils vier Kirchengemeinderäten besetzt. Das war eine bewusste Entscheidung. Es galt, Vertrauen zu schaffen und deutlich zu machen, dass die deutlich größere St.-Hedwig-Gemeinde der kleineren St.-Ulrich-Gemeinde nichts überstülpt. Dennoch macht Merkelbach klar: „St. Ulrich ist allein nicht mehr überlebensfähig.“

Der Knackpunkt sind die Gebäude. In beiden Gemeinden ist der Investitionsbedarf hoch. Die Gebäude in St. Ulrich sind zudem zu groß dimensioniert. Sie wurden in den 1960er Jahren für 6000 Katholiken gebaut. Das Bistum macht die Bewilligung von Geld für Sanierungen und Umbauten von der Zahl der Gemeindeglieder abhängig. „Das muss kommuniziert werden. Wir brauchen ein Gesamtkonzept. Da sind wir gerade mittendrin“, sagt Franz-Xaver Friedel. Er ist der Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats von St. Hedwig.

St. Ulrich bleibt ein kirchlicher Standort

Konkret bedeutet das, dass die Gesamtkirchengemeinde für den Fasanenhof ein neues Konzept braucht. Die Caritas ist Kooperationspartner für die Standortentwicklung. Eine Idee sieht vor, die Kirche zu erhalten und die erforderlichen Gemeinderäume dort zu integrieren. Wo derzeit die Gemeinderäume sind, könnte ein Kooperationspartner etwas Neues bauen, zum Beispiel ein Pflegeheim. Der Kindergarten könnte vergrößert werden.

Doch Fakt ist, dass eine Sanierung plus Umbau der Kirche teurer ist als ein Neubau für 1600 Gemeindeglieder. „Es gibt eine große Differenz von etwa 1,5 Millionen Euro“, sagt Merkelbach. Darum steht seit Kurzem auch die Kirche selbst zur Debatte. Zumindest in Teilen könnte diese abgerissen werden. „Möglich ist zum Beispiel, nur den Turm zu erhalten. Er hat Signalwirkung und zeigt, dass wir auf dem Fasanenhof präsent sind“, sagt Merkelbach. Gemeinsam mit dem Kooperationspartner könnten dann Räume entstehen, die auch für Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen genutzt werden. Merkelbach betont aber, dass St. Ulrich „auf alle Fälle ein kirchlicher Standort bleibt“.

Es ist auch ein Stück Trauerarbeit

In St. Hedwig muss saniert und teilweise umgebaut werden. Der Saal ist nicht barrierefrei, die Gruppenräume sind schlecht ausgestattet und die sanitären Anlagen nicht mehr zeitgemäß. „Es wäre logisch, erst in St. Hedwig zu sanieren und dann auf dem Fasanenhof abzureißen“, sagt Friedel. Die Planungen werden parallel vorangetrieben. Bevor auf dem Fasanenhof etwas Neues entstehen kann, muss der Bebauungsplan geändert werden. Das dauert.

Merkelbach und Friedel ist klar, dass wenn auf dem Fasanenhof Kirchengebäude abgerissen werden, dies auch ein Stück Trauerarbeit ist. „Es gibt viele Menschen, die das Gemeindezentrum mit aufgebaut haben. Viele identifizieren sich mit der Kirche. Das muss man wissen und bearbeiten“, sagt Merkelbach. Friedel betont: „Wir machen alles transparent und auf Augenhöhe.“ Doch letztlich sei es nicht die Aufgabe der Kirche, Gebäude vorzuhalten. „Es geht um Menschen. Wenn ich eine Gemeinde habe, der ich mich zugehörig fühle, sind mir die Gebäude egal“, sagt Merkelbach.

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