Herr Baumann, seit vielen Jahren sind Sie in der regionalen Chorszene als Dirigent aktiv. Was hat sich in den vergangenen Jahren in der äußeren Wahrnehmung der Chöre verändert?
Man muss zwei Interessengruppen sehen. Da ist zum einen das Publikum. Früher waren die Chorkonzerte Selbstläufer. Man hatte einen großen Chor und somit auch ein Stammpublikum aus Angehörigen und Freunden. Da die Chöre heute oft kleiner geworden sind, ist auch das Publikum geschrumpft. Durch attraktive Programme muss man ein neues Publikum für den Chorgesang begeistern. Zum anderen ist zur Gewinnung neuer Chormitglieder wichtig, dass man interessante neue Dinge – beispielsweise einen Projektchor – anbietet. Zudem wird die Werbung, insbesondere auf der Homepage und in den sozialen Medien, immer wichtiger. Die beste Werbung sind jedoch tolle Konzerte.
Welche Veränderungen gab es intern?
Wenn man die Situation der „Cäcilia“ Wernau betrachtet, so waren vor 25 Jahren mehr als 200 Männer im Chor aktiv. Damals war die Altersstruktur sehr weit gespreizt: Es haben mehrere Generationen zusammen gesungen. Heute ist das nicht mehr so. Infolge der zunehmenden Überalterung der Chöre haben sich um das Jahr 2000 herum aus den Stammchören heraus Junge Chöre gebildet, die sich modernerer Literatur widmen. So entstand auch der Chor „Mann o Mann“. Dieser läuft in Wernau parallel zum Stammchor, der leider einen sehr hohen Altersdurchschnitt aufweist.
Was ist Ihre musikalische Philosophie?
Meine Sängerinnen und Sänger sollen in erster Linie Freude am Singen haben, da sie in der Freizeit ihrem Hobby nachgehen. Die Leistung ist wichtig – ich versuche meine Chöre zu fordern, aber nicht zu überfordern. Das Wichtigste ist der Spaß an der Musik.
Wie gehen Sie an die Arbeit mit Amateurchören heran?
Als Chorleiter muss man die musikalische Grundausrichtung der verschiedenen Chöre erspüren. Wie ist die Tradition des Vereins? Sind die Choristen offen für andere Stile oder fremde Sprachen? Wie motiviert und leistungsfähig sind die Sängerinnen und Sänger? Man muss den Chor immer da abholen, wo er steht und dann fördern, beispielsweise durch Stimmbildung. Darüber hinaus versuche ich, die Chöre mit neuen Stilrichtungen vertraut zu machen. Aber auch die Pflege des Repertoires ist ein zentraler Punkt.
Wie bringen Sie die verschiedenen Interessen und Leistungsstufen der Sängerinnen und Sänger unter einen Hut?
Das eine große Herausforderung und oft auch ein Spagat. Allen kann man es sowieso nicht recht machen. Leistungsmäßig versuche ich einen Mittelweg zu finden, damit sich niemand langweilt, aber auch keiner überfordert ist. Man darf dem Chor nichts aufzwingen. Bewährt hat sich, dass ich Werke oft selbst für die Chöre passend arrangiere.
Gibt es ein „Geheimrezept“ für einen guten Chorklang?
Nein, im Prinzip nicht. Aber es gilt: Nur was Spaß macht, kann gut klingen. Über eine geschickte Literaturauswahl und eine lebendige Probenarbeit kann man die Choristen motivieren und ihre Begeisterung erhalten.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?
Auch in Zukunft möchte ich die Menschen für den Chorgesang begeistern. Mit „Mann o Mann“ haben wir im Jahr 2025 eine Reise nach Texas in der Planung. Die Kontakte zum dortigen Chor wurden über einen ehemaligen Wernauer Chorsänger geknüpft, der jetzt in den USA lebt. Wir freuen uns alle sehr auf diese Konzertreise. An diesem Projekt interessierte, neue Sänger können sich gerne melden.
Dirigent und Klavierpädagoge
Vita
Andreas Baumann wurde 1967 in Plochingen geboren. Er wuchs in Wernau auf und wohnt seit 2002 mit seiner Familie in Altbach. Schon früh zeigte sich seine besondere musikalische Begabung: Bereits als Elfjähriger spielte er im „Ensemble für Alte Musik Esslingen“ mit. Das professionelle Rüstzeug holte sich Andreas Baumann beim Studium an der Stuttgarter Musikhochschule. Er leitet in der Region verschiedene Chöre, darunter den Polizeichor Esslingen und den Evangelischen Kirchenchor Altbach. Zudem ist Andreas Baumann als Klavierpädagoge und Kammermusiker sehr gefragt.
Termin
Das Jubiläumskonzert „25 Jahre Dirigent bei der ‚Cäcilia‘ Wernau“ findet am Sonntag, 20. Oktober, um 17 Uhr, im Quadrium in Wernau statt. Mitwirkende sind der Männerchor „Mann o Mann“ der „Cäcilia“ Wernau, der Posaunenchor Zell-Aichelberg und der Weilheimer Frauenchor „Salto vokale“. Das Programm bringt Pop-Lieder und Deutschrock. Der Posaunenchor sorgt mit modernen Bläsersätzen für Kontrast.