Die Regale leeren sich. Ein Fondueset hält neben einigen Haushaltsgeräten im Schaufenster wacker die Stellung, ein Restbestand an Staubsaugerbeuteln und Glühbirnen ist noch da, doch grundsätzlich schreitet der Ausverkauf bei Elektro Reihle in Degerloch deutlich voran. Alles muss raus. Ende August schließt das Geschäft an der Epplestraße. Es wird der Abschied von einem traditionsreichen Namen sein. Vor nahezu 100 Jahren, im Jahr 1930, war der Betrieb in Degerloch gegründet worden.
Volker Reihle und seine Frau Konstanze führen das Geschäft in dritter Generation. Geplant gewesen war das so nicht. Volker Reihle ist Elektroinstallateurmeister, war aber 2014 aus gesundheitlichen Gründen aus dem Betrieb ausgeschieden. Damals war sein Vater Rudolf Reihle noch am Drücker gewesen; ein Mann, der sich in vielfältiger Weise um den Bezirk verdient gemacht hat. Von 2005 bis 2011 war er Bezirksbeirat, 16 Jahre lang Vorsitzender des Gewerbe- und Handelsvereins, zwölf Jahre lang Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Für sein Engagement wurde er mit der Ehrenmünze und der Ehrenplakette der Landeshauptstadt ausgezeichnet. „Mein Vater ist bis 84 im Büro gesessen“, erzählt Volker Reihle. 2022 erlitt der Senior einen Schlaganfall, im Jahr drauf starb er. Im Herbst soll er in Degerloch posthum öffentlich geehrt werden, kündigt der Sohn an.
Der Fachkräftemangel machte ihnen zu schaffen
Inhabergeführte Geschäfte wie Elektro Reihle, die sowohl Haushaltsgeräte verkaufen als auch die handwerklichen Leistungen und Kundenservice anbieten, gibt es immer weniger. „Das ist eine aussterbende Schiene“, sagt Volker Reihle. In den vergangenen Jahren hätten Kollegen in Vaihingen oder Möhringen aufgegeben. Personal sei kaum zu finden, zudem machten die großen Ketten den kleinen Fachgeschäften die Kundschaft streitig. In Degerloch habe es zumindest letzteres Problem nicht gegeben. Die Leute dort legten Wert aufs Persönliche. „Das hat was mit Vertrauen zu tun“, sagt Konstanze Reihle. Der Fachkräftemangel indes habe auch den Reihles zu schaffen gemacht. Mitarbeiter seien nicht zu finden gewesen, ebenso wenig ein Nachfolger. Sowohl die beiden Söhne als auch die Nachkommen des Bruders stünden für eine Übernahme nicht zur Verfügung.
Und so schließt Elektro Reihle Ende August. Für den Laden an der Epplestraße 34 hat sich laut Volker Reihle ein Nachmieter gefunden. Im Haus befinden sich Arztpraxen, und auch auf der bald freien Fläche sei etwas Medizinisches angedacht. Was an der Epplestraße 26 passieren soll, wo die Reihles eine Art Showroom haben, stehe noch nicht fest. Es gebe Bewerbungen. Aktuell ist vieles im Fluss in Degerloch. In den Laden, wo bis vor Kurzem der Raumausstatter firmierte, zieht von gegenüber das Schreibwarengeschäft Schreibfant ein. Der einstige AOK-Sitz wird derzeit renoviert, ein LBS-Büro wird eröffnen. Auch der Drogeriemarkt dm wird in den nächsten Monaten umziehen, von der Epple- an die Löffelstraße. „Im Moment gibt es große Umwälzungen“, sagt Volker Reihle.
„Das Leben ist dummerweise endlich“, sagt Volker Reihle
Der nahende Abschied betrübt ihn. „Es war ganz ohne Zweifel die schwerste Entscheidung, die ich bislang in meinem Leben getroffen habe.“ Das, was der Vater und der Großvater einst aufgebaut haben, zu beenden, falle ihm nicht leicht, und „es tut uns auch sehr leid für die vielen Kunden“. Jedoch müssten die Eheleute auch an sich selbst denken. „Das Leben ist dummerweise endlich“, sagt Volker Reihle. 63 ist er. Er wird dorthin zurückkehren, wo er eigentlich schon war – in die Rente. Auch will er sich mehr um seine betagte Mutter und den Schwiegervater kümmern. Konstanze Reihle ist 60 und wird sich einen neuen Job suchen. Den Menschen erhalten bleiben werden die Reihles zumindest privat. „Wir leben in Degerloch und bleiben in Degerloch.“