Geschäftsführender Leiter der Stuttgarter Gymnasien „Im IT-Bereich ist man als Schulleiter auf sich allein gestellt“

Holger zur Hausen verlässt das Stuttgarter Zeppelin-Gymnasium – und Stuttgart. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Er ist dann mal weg. Warum Holger zur Hausen seinen Job als geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien und des Zeppelin-Gymnasiums aufgibt und künftig lieber eine deutsche Privatschule in Barcelona leitet, erklärt er im Interview.

Stuttgart - Nun setzt auch Holger zur Hausen die Reihe der Stuttgarter Schulleiter fort, die dem Sog ins Ausland folgen. Von August an leitet er in Barcelona eine deutsche Privatschule. Im Interview verrät er seine Beweggründe.

 

Herr zur Hausen, haben Sie schon Spanisch gelernt?

(Lacht.) Gute Frage. Zum Glück fragen Sie mich das auf Deutsch und nicht auf Spanisch. Meine Frau und ich sind seit einem dreiviertel Jahr dabei, Spanisch zu lernen. Inzwischen sind wir etwa auf A2-Niveau.

Das reicht, um in der Kneipe ein Bier zu bestellen und im Lokal ein Menü.

Ja, Ziel ist aber, dass man im ersten Schuljahr einfache Elterngespräche und Begegnungen auf Spanisch führen kann.

Warum verlassen Sie Stuttgart und das Zeppelin-Gymnasium, um in Barcelona eine deutsche Privatschule zu leiten?

(Lacht.) Ich leite seit neun Jahren das Zeppelin-Gymnasium und bin seit drei Jahren geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien. Jetzt, mit 48, ist mir bewusst, dass ich das nicht 30 Jahre machen möchte – an einer Stelle. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, eine andere Schule im Umkreis Stuttgarts zu übernehmen. Auch der Weg in die reine Verwaltung oder Politik wäre nicht meine Sache. Da wir weltoffen sind, haben wir uns entschieden, es im Ausland zu probieren.

Was bietet Barcelona, was Stuttgart Ihnen nicht bietet?

(Lacht.) Da fang ich mal mit der Schule an. Die Struktur der deutschen Schulen im Ausland ist anders als die der staatlichen Schulen in Deutschland. Im Ausland sind es Privatschulen, die von Elterngeldern getragen werden, wo die Verzahnung mit Eltern und Schülern enger ist und die in einem Wettbewerb stehen und Repräsentationsaufgaben haben: nämlich das deutsche Bildungssystem zu repräsentieren. Und dann die Stadt: spanische Lebensart, spanisches Klima, am Mittelmeer – Barcelona ist eine wahnsinnig schöne Stadt.

Viele Schulleiter klagen über zu viel Verwaltungsarbeit und zu wenig Möglichkeiten, ihre Schule weiterzuentwickeln. War das für Sie auch ein Grund?

Ja. Bei 25 staatlichen Gymnasien und einer dreistelligen Zahl an weiteren Schulen allein in Stuttgart sind Entscheidungswege natürlich länger und es dauert, bis Dinge umgesetzt sind. In einer Privatschule mit eigenem Vorstand und eigener IT-Abteilung findet man sicher schneller Lösungen – ohne den Zwängen einer Stadtverwaltung zu unterliegen.

Stichwort IT: Hierzulande müssen Schulleiter ja viel improvisieren. Fühlen Sie sich damit alleingelassen?

Das ist das falsche Wort. Aber: für die Ausstattung der Schulen und das nicht lehrende Personal ist die Stadt zuständig, für den Lehrkörper das Land. Da kann man als Schulleiter zwar seine Freiräume finden, ist aber auch auf sich allein gestellt und muss eigene Lösungen stricken, gerade im IT-Bereich, weil so einer Verwaltung die Hände gebunden und Entscheidungswege umständlich sind.

Auch beim Thema Schulwechsler mussten Sie kreativ handeln.

Ja. Das war mir ein großes Anliegen. Die Kooperation zwischen den Schularten ist immer noch deutlich verbesserungsfähig ist – das gilt nicht nur für Stuttgart. Wir haben hier zwar einen großen Schritt gemacht, müssen einander aber noch stärker wahrnehmen. Man könnte vieles homogener gestalten. Ich bin gespannt, ob es in den Schulen, wo es neue Campuslösungen gibt, einfacher läuft.

Woran liegt es, dass es so zäh ist?

Jede Schule steht zunächst für sich selbst da. Es gibt zwar Kooperationen, aber auch Konkurrenz unter den Gymnasien, weil jeder eine bestimmte Zahl an Schülern braucht und für seine Konzepte auch will. Die Interessen der Schularten unterscheiden sich, und ich glaube, wir wissen auch nicht genug voneinander: die Realschulen von den Gymnasien, die Gymnasien von den Gemeinschaftsschulen.

Einer Studie zufolge haben von 405 befragten Schulleitern 88 Prozent angegeben, dass ihre Tätigkeit inspirierend sei. Was hat Sie inspiriert?

Die Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, Interessen, Hintergründe. Es gibt kaum einen spannenderen Beruf als den des Schulleiters, weil man täglich auf Situationen trifft, die man so noch nie erlebt hat. Weil man Sachen gestalten kann, gemeinsam mit Schülern, Eltern, Kollegen. Da kann man viel Energie rausziehen, auch wenn es mal Krisen gibt und es manchmal zäh ist, mit Schulträger oder Land zu verhandeln – aber auch darin liegt ein Reiz.

Viele Schulleiter leiden unter Stress und Überlastung. Und Sie?

Stress erlebe ich auch. Aber ich hab auf Dauer nie erlebt, an den Rand meiner Belastbarkeit getrieben worden zu sein. Manchmal hat man Sorge, dass einem die Aufgaben über den Kopf wachsen. Aber wenn man gute Teamstrukturen hat, dann findet man immer Unterstützung.

Wenn Sie am Schulsystem was ändern könnten, was wäre das?

Ich würde den einzelnen Schulen wieder mehr deutliches Profil geben und Klarheit in den Bildungsgängen und Abschlüssen, angefangen von den Sekundarstufe-1-Schulen. Das würde den Schülern und Eltern gut tun zur Orientierung, aber auch den Kollegien und Schulleitungen. Und ich wünsche mir, dass man Mittel findet, wie die Zusammenarbeit von Eltern und Schule beim Thema Übergänge auf die weiterführenden Schulen verbindlicher und präziser gestaltet werden kann. Ich finde es schwierig, dass der Informationsfluss nach Klasse vier abbricht. Dabei könnte man aufgrund der vierjährigen Expertise der Grundschulen viel zielgerichteter fördern und fordern. Und ich würde mir eine Aufwertung der Schulabschlüsse wünschen. Wenn ich Sprüche höre wie „Abitur oder tot“, da zuck ich zusammen.

Weitere Themen