Geschäftsführer der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft „,Du Jude ist schon länger ein Schimpfwort unter Jugendlichen“

Haben beide viel Erfahrung in der Jugendarbeit: Ingo-Felix Meier (links) und Clemens Kullmann. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie haben Pandemie und Migration die Jugendarbeit in Stuttgart verändert? Gibt es Antisemitismus in den Jugendhäusern? Antworten wissen der neue Geschäftsführer der Jugendhausgesellschaft, Clemens Kullmann, und sein Vorgänger Ingo-Felix Meier.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Jugendhäuser, Stadtteil- und Familienzentren, pädagogische Teams in Ganztagsschulen, Kitas, Abenteuerspielplätze und Farmen – die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft (StJG) ist der größte freie Träger Offener Kinder- und Jugendarbeit in Baden-Württemberg mit mehr als 70 Einrichtungen. Im Interview erzählen der neue Geschäftsführer Clemens Kullmann (39) und sein Vorgänger Ingo-Felix Meier (53), wie Pandemie und Migration die Jugendarbeit verändert haben und ob es Antisemitismus in ihren Jugendhäusern gibt.

 

Herr Kullmann, Herr Meier, in Schulen wird die Eskalation der Gewalt in Israel teils heftig diskutiert. Wie ist das in den Jugendhäusern?

Kullmann: Das war von Tag eins an auch bei uns ein Thema. Wir haben deshalb für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Briefing und einen Workshop angeboten, wie sie solche Diskussionen begleiten können. Kinder und Jugendliche bringen solche Themen auch aus ihren Familien mit und aus dem Internet. Ob das in den 90er Jahren der Krieg auf dem Balkan war oder nun der Krieg in der Ukraine, Konflikte in der Türkei oder die Situation in Israel.

Gibt es Auseinandersetzungen?

Kullmann: Es gibt sicher konträre Meinungen, Haltungen und Diskussionen dazu. Das ist wie in der Erwachsenengesellschaft auch. Und solange diese ,nur’ kritisch sind, ist das ja auch völlig in Ordnung. Aber deshalb ist es umso wichtiger, dass sich unsere Fachkräfte sicher und firm fühlen in so einem Thema.

Gibt es Antisemitismus?

Meier: Äußerungen in diese Richtung gab und gibt es immer mal wieder. Deshalb haben wir seit 15 Jahren unseren Lernort Geschichte, ein Angebot, das unter anderem Führungen und Workshops zu Themen wie Verfolgung, Zwangsarbeit, jüdisches Leben oder Gastarbeiter-Geschichte umfasst. Das ist ein wichtiger Teil der politischen Bildung, die in unseren Einrichtungen immer auch stattfindet. Es geht auch viel um das Thema, wie wir als Gesellschaft miteinander leben.

Kullmann: Das Thema Antisemitismus schlägt aber nicht erst jetzt auf. Zum Beispiel wird „Du Jude!“ unter Jugendlichen schon länger als Schimpfwort benutzen. Unsere Aufgabe ist es, präventiv zu arbeiten und aufzuklären. Wenn man fragt „Weißt du überhaupt, was du da sagst, wenn du ,Du Jude’ sagst?“ stellt sich oft heraus, dass es viele gedankenlos benutzen. Aber da hat sich schon etwas verändert durch das Smartphone. Über soziale Medien kommen zum Beispiel Verschwörungstheorien direkt bei den jungen Nutzern an.

Was hat sich noch verändert in der Jugendarbeit?

Kullmann: Unser Publikum ist immer ein Abbild des Sozialraumes, in dem wir ein Angebot machen. Natürlich gibt es Gruppen, die neu hinzukommen, wie die Spätaussiedler früher oder heute die Geflüchteten aus der Ukraine, Afrika und arabischen Staaten. Dadurch ergeben sich neue Aufgaben. Zum Beispiel fand der Schulunterricht für die Ukrainerinnen und Ukrainer anfangs teilweise in unseren Einrichtungen statt. Und natürlich haben sich die Rahmenbedingungen geändert, in denen Kinder und Jugendliche heute leben, etwa durch die Ganztagsschulen, wo wir auch mit pädagogischen Teams eingebunden sind. Prinzipiell ist es unsere Aufgabe, einen Raum zu bieten, in dem dann pädagogische Arbeit gelingt.

Meier: Sicherlich kommen Jugendliche nach wie vor zu uns, um sich mit Freunden zu treffen und abzuhängen, das ist wichtig und gehört dazu. Aber in unseren Räumen gibt es immer auch Angebote wie etwa die Werkstätten. Wir öffnen für Tanzgruppen, Musik, Spiel- und Kreativangebote. Was für uns als StJG als Aufgabe neu dazu gekommen ist, sind die Stadtteil- und Familienzentren und die Kitas. Sie sind ein wichtiger Ort auch für Senioren und Eltern. Bei Angeboten wie dem Mittagstisch oder dem Elterncafé findet man andere, mit gleichen Themen. Das hilft auch gegen Einsamkeit. Wir begleiten heute Kinder bei allen Übergängen vom Krippen- bis ins junge Erwachsenenalter: Jemand kommt als Kleinkind in unsere Kita, begegnet uns in der Ganztagsschule wieder, besucht vielleicht später ein Kinder- und Jugendhaus und bringt, wenn er selbst Mutter oder Vater wird, sein Kind wieder zu uns. Als Senior besucht er dann unser Stadtteilhaus.

Kullmann: Stark zugenommen hat der Bedarf an Einzelgesprächen, bis hin zu einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Das ist auch eine Folge der Pandemie-Jahre. Viele tragen einen Rucksack voll psychischer Belastungen mit sich herum. Es gibt zunehmend Ängste und Depressionen, Konzentrationsstörungen sowie Defizite im Umgang mit anderen.

Ist das alles eine Folge der Pandemie?

Meier: Sie hat Menschen, die heute junge Erwachsene sind, in einer Zeit getroffen, die für ihre Entwicklung unglaublich wichtig war. Es hinterlässt Spuren, wenn man über so einen langen Zeitraum keinen wirklichen sozialen Umgang hat. Dazu kommen die anderen Krisen der Welt in immens hoher Taktung. Die Familien können dies teilweise nicht oder nur unzureichend auffangen.

Kullmann: In dieser Altersgruppe wissen viele nicht, wie es sich anfühlt, unbeschwert jung zu sein. Die haben viel nachzuholen, gerade im Bereich Freunde und Freizeit. Danach lechzen sie geradezu, das merken wir daran, wie stark unsere Angebote wieder angenommen werden.

Warum können die Eltern hier oft nicht genug unterstützen?

Meier: Es gibt viele Familien, die völlig intakt sind und gut funktionieren. Aber jene, die auch vorher schon gefährdet waren, weil sie zum Beispiel weniger Geld haben, merken die Krisen jetzt deutlicher. Sie müssen den Gürtel enger schnallen mit Folgen für das Familienleben. Ich würde aber nicht sagen, dass es heute mehr Probleme in Familien gibt als vor 30, 40 Jahren. Vielleicht sind sie offensichtlicher, weil die Kinder durch Kitas und Ganztagsschulen mehr Zeit in Einrichtungen und dadurch mit Menschen verbringen, die darauf aufmerksam werden.

Kullmann: Es wird definitiv mehr Erziehungsarbeit in die Schulen verlagert, allein deshalb, weil die Kinder dort den ganzen Tag verbringen. Damit muss sich das System Schule auseinandersetzen. Die Frage ist für uns: Wie stellen wir uns mit Lehrkräften und Pädagoginnen und Pädagogen im Zusammenspiel der Systeme in Zukunft auf?

Haben Pädagogik und jene, die darin arbeiten, nicht in den letzten Jahren eine große Aufwertung erfahren, weil durch die Pandemie, aber auch die Zuwanderung oder die Probleme in den Schulen deutlich wurde, wie wichtig diese Arbeit ist?

Kullmann: Es wurde klarer, welche gesellschaftliche Relevanz die Arbeit von Berufsgruppen in diesem Bereich hat. Sie sind das Rückgrat einer modernen Wirtschaft, weil sie Eltern durch die Betreuung entlasten, präventiv arbeiten und dazu beitragen, dass junge Leute ihr Leben meistern können. Im Moment haben wir einen enormen Fachkräftebedarf. Es müsste politisch noch mehr getan werden, damit sich junge Menschen für Pädagogik und nicht für BWL als Studienfach entscheidet. Ich denke zum Beispiel an ausreichend Studienplätze und eine Bezahlung, von der man auch in einer Stadt wie Stuttgart leben kann. Die Herausforderung wird jetzt sein, genug Leute in das Feld zu bekommen und gleichzeitig die fachliche Qualität zu halten.

Hat die offene Jugendarbeit ähnlich große Probleme, Personal zu finden, wie Kitas?

Meier: Nicht ganz, aber auch, weil wir aufgrund des Personalschlüssels weniger Personal benötigen. Aber es ist nicht mehr wie früher, als wir wäschekörbeweise Bewerbungen auf offene Stellen bekommen haben. Teilweise haben wir jetzt auch mal monatelang gar keine Bewerbung und dann eine oder zwei.

Steckt die Stadt Stuttgart genug Geld in die offene Kinder- und Jugendarbeit?

Kullmann: Wir sind auf jeden Fall auf einem höheren Niveau als andere Städte in Deutschland. Und das ist auch richtig. Denn wir sind hier in wichtigen Bereichen wie Prävention, politischer Willensbildung und gesellschaftlicher Teilhabe unterwegs.

Meier: Was passiert, wenn diese Arbeit gekürzt wird, wenn Plätze zum Treffen fehlen, hat man in der Krawallnacht 2020 in Stuttgart gesehen als junge Leute in der Innenstadt randalierten. Ich will damit nicht sagen, dass das die direkte Folge war, aber es hing damit zusammen, dass in der Pandemie alles zu war. Da hatte sich etwas aufgestaut.

Stuttgart trägt das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“. Werden Kinder und Jugendliche in Stuttgart genug gehört?

Kullmann: Ich finde, es passiert eine Menge. Es gibt gute Kinder- und Jugendbeteiligungsformate, nicht zuletzt etablierte Gremien wie den Jugendrat. Dass Beteiligung wichtig ist, ist in der Verwaltung, aber auch in der Stadtgesellschaft und bei den politischen Vertreterinnen und Vertretern über alle Fraktionen hinweg angekommen. Es ist aber wichtig, junge Menschen noch weiter einzubeziehen, sie erfahren so eine wichtige Selbstwirksamkeit. Das fängt bei der Planung von ÖPNV und Fahrradwegen an und geht bis hin zur Frage, wie Kinder aus ihrer Sicht hier gesund aufwachsen wollen. Wir verstehen uns dabei auch als Sprachrohr und Anwalt für ihre Interessen. Insgesamt kann unsere Stadt aber sicher noch jugendfreundlicher werden.

Hat Sie eigentlich überrascht, dass so viele junge Leute bei den letzten Wahlen, etwa in Bayern, AfD gewählt haben?

Meier: Teils schon, aber man kann junge Menschen eben nicht losgelöst von ihren Familien und der Gesellschaft sehen. Sie sind sehr empfänglich für das, was dort gesprochen wird und natürlich auch für die sozialen Medien wie Tiktok. Und die bespielt die AfD deutlich intensiver als alle anderen Parteien. Aber umso wichtiger sind Räume wie unsere, in denen wir Demokratiebildung betreiben, über Werte sprechen, über Vorurteile und die Frage, wie eine Gesellschaft zusammenleben sollte.

Herr Kullmann, was ist Ihre Vision für die Kinder- und Jugendarbeit in Stuttgart?

Kullmann: Jugendliche brauchen Räume zur Entfaltung und Selbstverwirklichung für Kreativität, Bewegung, aber auch Platz für verschiedene Jugendkulturen und Veranstaltungen. Wir bieten da schon Vieles, in unseren Einrichtungen und auch auf Abenteuerspielplätzen und Jugendfarmen an. Gleichzeitig müssen wir unsere Angebote und unsere pädagogische Qualität weiter dem Wandel der Zeit anpassen. Denn Jugendarbeit bedeutet viel mehr, als einfach nur die Tür aufzumachen.

Viele Jahre Erfahrung in der Kinder- und Jugendarbeit

Der bisherige Geschäftsführer
Nach elf Jahren bei der StJG, davon fünf als Geschäftsführer, widmet sich Ingo-Felix Meier neuen Aufgaben. Der Vater von zwei Kindern wurde 1970 in Neuenbürg geboren und hat in Heidelberg und Madrid Soziologie, Politische Wissenschaft und Kriminologie studiert. Er lebt mit seiner Familie in Bad Cannstatt. Bevor er zur StJG kam, leitete Ingo-Felix Meier fünf Jahre das Kinder- und Jugendreferat in Rottweil und war zugleich Integrationsbeauftragter der Stadt. Bis 2006 war er in der Jugendhilfe in Heidelberg tätig.

Der Nachfolger
Clemens Kullmann war seit 2018 Bereichsleiter der StJG für die Offene Kinder- und Jugendarbeit und zuvor Einrichtungsleiter des Kinder- und Jugendhaus Fasanenhof. 2011 ist der Sozialarbeiter als pädagogische Fachkraft bei der StJG gestartet – direkt nach seinem Studium in Ludwigsburg. Clemens Kullmann wurde am 1984 in Reutlingen geboren und lebt heute in Stuttgart Heslach.

StJG
Die Stuttgarter Jugendhausgesellschaft ist eine gemeinnützige Gesellschaft. Gesellschafter sind Stadträtinnen und Stadträte. Mit mehr als 70 Einrichtungen ist sie der größte Träger Offener Kinder- und Jugendarbeit in Baden-Württemberg, betreibt unter anderem 41 Kinder- und Jugendhäuser mit Treffs, 22 Abenteuerspielplätze und Jugendfarmen sowie fünf Kindertagesstätten und sechs Stadtteil- und Familienzentren. Außerdem organisiert sie die Ganztagsbetreuung an 20 Schulen und stellt Schulsozialarbeiter an 43 Schulen.

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