Geschäftsidee in Remseck Sieben Tage die Woche zum Metzger

Nikolas (links) und Ludwig Schäfer haben einen Laden eröffnet, der jeden Tag bis 22 Uhr geöffnet hat. Foto: Simon Granville

In Remseck-Hochberg hat ein Laden mit regionaler Ware eröffnet, in dem die Kunden selbst abrechnen. Im Dorf ist man happy. Könnte das Geschäftsmodell Schule machen?

Die Bäckereien sind über die Jahre aus dem Ortskern verschwunden, eine Metzgerei suchte man zuletzt ebenso vergebens. Eine Entwicklung, über die die Hochberger alles andere als glücklich waren. Umso größer ist nun die Freude im Remsecker Stadtteil, dass Mitte September Schäfers Deli in der Hauptstraße seine Pforten geöffnet hat. Und das auch noch mit einem innovativen Konzept: das Lebensmittelgeschäft heißt seine Kunden an sieben Tage die Woche von 6 bis 22 Uhr willkommen. Die Ware kann selbst abgerechnet werden. Ein Geschäftsmodell, mit dem zuletzt die Tante-M-Läden zum Höhenflug angesetzt hatten.

 

Eine Metzgerei steht am Scheideweg

Hinter Schäfers Deli steckt aber keine Kette auf Expansionskurs, sondern mit den Brüdern Nikolas und Ludwig Schäfer zwei waschechte Hochberger, die bis Oktober 2022 an selber Stelle eine klassische Metzgerei-Filiale am Start hatten. „Nach 35 Jahren waren die Räumlichkeiten aber nicht mehr auf dem neuesten Stand und wir haben uns gefragt: macht es Sinn, Geld für eine Renovierung in die Hand zu nehmen, um die Metzgerei wie gewohnt zu betreiben? Oder probieren wir es lieber mit einem anderen, vielleicht zukunftsträchtigeren Ansatz?“, erklärt Nikolas Schäfer. Die Waage neigte sich zugunsten eines neuen Konzepts. Der Selbstbedienungsladen wurde realisiert.

Neben Wurst und Fleisch aus dem Hause Schäfer haben die Brüder auch vegane Produkte aus eigener Herstellung im Portfolio. Ergänzt wird das Angebot um Waren von regionalen Partnern. „Das Mehl kommt zum Beispiel aus der Mühle in Waiblingen-Hegnach“, sagt Nikolas Schäfer. Dazu können sich die Kunden unter anderem mit Obst, Gemüse und Eiern von umliegenden Höfen eindecken. Täglich frisches Brot, Brötchen und Co. warten ebenso auf Abnehmer wie Kaffee-Spezialitäten. „Wir verkaufen aber ausschließlich Lebensmittel“, konstatiert der 36-Jährige.

Das Interesse der Kunden ist groß

Die Resonanz an den ersten Öffnungstagen sei „überwältigend“ gewesen. „Die Leute sind froh, dass sie wieder Metzger- und Backwaren direkt vor Ort kaufen können und sogar sonntags kurzfristig etwas besorgen können. Wir hatten selbst Besucher aus Ludwigsburg oder Stuttgart, die sich für den Laden interessieren“, berichtet er.

Nikolas Schäfer sieht in dem Geschäftsmodell auch einen Ansatz, auf den allseits grassierenden Verkäufermangel zu reagieren. „Wir können flexible Arbeitszeiten anbieten. Es muss nicht immer jemand vor Ort sein“, betont er. Könnte der Selbstbedienungsladen damit vielleicht sogar als Blaupause für eine ganze Branche dienen?

Obermeister: Standort entscheidet über Erfolg

Wolfgang Herbst ist zwiegespalten in der Frage. „Grundsätzlich finde ich die Idee der Schäfer-Brüder gut. Und mir ist auch kein vergleichbarer, von einem Metzger betriebener Laden im Landkreis Ludwigsburg bekannt. Aber ob so etwas funktioniert, hängt vom Standort ab“, sagt der Obermeister der Fleischerinnung Böblingen-Ludwigsburg. Sei rund um so einen Selbstbedienungsladen zum Beispiel keine nennenswerte Konkurrenz angesiedelt, seien die Erfolgsaussichten größer. Dazu habe man in der Tat ein massives Nachwuchsproblem, das mit solchen Konzepten umschifft werden könne.

Die Kehrseite der Medaille ist für Herbst, dass sich seine Branche damit auf eine Ebene mit den Discounter stelle. „Den Kunden wird ja keine Beratung mehr geboten. Dabei ist es gerade das, was uns auch auszeichnet“, erklärt Herbst, der selbst in Besigheim eine Metzgerei betreibt. Außerdem könnten gerade ältere Herrschaften von den Selbstabrechnungs-Systemen überfordert sein.

Alles in allem kann sich Herbst vorstellen, vielleicht mit einem Fleischautomaten anzufangen, worauf schon mehrere Kollegen schwören. Werde die Maschine angenommen, könne man über einen Ausbau zum SB-Laden nach dem Vorbild in Hochberg nachdenken. „Aber ein Patentrezept gibt es dafür nicht“, stellt er klar.

Die Schäfers wollen auch nichts überstürzen, planen aktuell keine weitere Deli-Filiale. Wobei die Stadtverwaltung von Remseck nichts dagegen hätte. Man begrüße solche Projekte, sei „offen für weitere Selbstbedienungsläden, die in Ergänzung zum bestehenden Angebot in den Stadtteilen hinzukommen“, konstatiert Pressesprecher Philipp Weber. Er beteuert zugleich, dass man in Sachen Nahversorgung schon jetzt gut aufgestellt sei, ein weiterer Ausbau stehe aber auf der Agenda.

Auch in Hochdorf bewegt sich etwas

Konkret auch in Hochdorf, das zum Leidwesen etlicher Bürger aktuell weder mit einem Supermarkt noch mit einem Metzger punkten kann. Im Oktober öffne in Hochdorf „zusätzlich zu den bestehenden Angeboten von dem Hofladen Kaufmann und der Mühle Noller auch noch der Laden Herbinos“, verkündet Weber. Dorthin wechsele von Karosseriebau Übelhör auch die Postfiliale, zudem seien Pflanzen, „saisonale Besonderheiten, regionale Spezialitäten und vieles mehr“ im Angebot. Herbinos werde die Räumlichkeiten des früheren Blumenladens Geiger übernehmen.

Außerdem solle im anvisierten Baugebiet Bubelesäcker in Hochdorf ein Supermarkt angesiedelt werden. Gleiches werde für das Areal „Östlich Marbacher Straße“ in Neckarrems anvisiert, für das die Stadt derzeit die Planungen vorantreibt.

Schutz vor Langfingern

Kontrolle
Bei Selbstbedienungsläden stellt sich oft die Frage, wie man Diebstähle verhindern will. Nikolas Schäfer hat da für sein Geschäft in Hochberg wenig Bedenken. Die Familie lebe über dem Laden, die Produktion liege direkt daneben, man sei häufig vor Ort. Zudem müssten ja die Regale regelmäßig aufgefüllt werden, sodass eine Kontrolle vorhanden sei. Außerdem seien Kameras im rechtlich erlaubten Rahmen angebracht.

Systemneuheit
Auf der Branchen-Messe Süffa vom 21. bis 23. Oktober in Stuttgart werde zudem ein Konzept präsentiert, wie Läden ohne direkte Aufsicht geschützt werden können, kündigt Wolfgang Herbst an, Obermeister der Fleischer-Innung Böblingen-Ludwigsburg. Die Kunden würden am Eingang registriert. Öffnen lasse sich die Tür zum Geschäft nur via EC- oder Kreditkarte.

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