Startup Nur wenige wagen ein zweites Mal

Von mih 

Feliks Eyser betrachtet das Scheitern seiner ersten Gründung Justaloud nicht als Misserfolg, sondern als gute Ausbildung. Mit der zweiten Firma Regiohelden hat er nun Erfolg. Eine Geschichte über Gründer im zweiten Anlauf.

Feliks Eyser ist der Gründer von Regiohelden. Foto: Achim Zweygarth
Feliks Eyser ist der Gründer von Regiohelden. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Ein 25-Jähriger wie Feliks Eyser geht eigentlich wie selbstverständlich als Jungunternehmer durch. Gemessen an seinen Erfahrungen ist der gebürtige Stuttgarter aber schon ein alter Hase. Er kann nicht nur vom Erfolg seiner Gründung Regiohelden berichten, die gegenwärtig im Eiltempo wächst – gerade hat Eyser wieder sechs neue Mitarbeiter an ihrem ersten Arbeitstag in der Zentrale in der Marienstraße begrüßt; er weiß auch, dass das Unternehmerdasein selten eine Aneinanderreihung von Erfolgen ist – ebenfalls aus Erfahrung. Sein erstes Unternehmen, der Internetmusikdienst Justaloud, den er mit zwei Bekannten gegründet hatte, verabschiedete sich 2009 aus dem Netz. Der Gründer selbst spricht freilich nicht von Misserfolg, im Gegenteil. „Justaloud war die beste Schule, die beste Ausbildung meines Lebens“, sagt Eyser, der 2009 auch sein Studium der Wirtschaftsinformatik an der Uni Stuttgart abgeschlossen hat.

Das sehen nicht alle enttäuschten Gründer so. Vier von fünf belassen es bei diesem einen Versuch. Aber die Zahl der anderen ist nicht unerheblich. Deshalb formuliert es das Bundeswirtschaftsministerium so: Jede fünfte Gründung, pro Jahr 80 000 Fälle, geht auf Restarter zurück, die ihre zweite Chance suchen. Zu ihnen hat einst auch Lars Hinrichs gehört, der Gründer des Karrierenetzwerks Xing, das mittlerweile im Tec-Dax an der Börse notiert ist. Für Alexander Hüsing, Chefredakteur und Gründer des Portals Deutsche Startups, sind Leute wie Hinrichs und Eyser die Ausnahme von der Regel. „Oftmals verschwinden gescheiterte Gründer wieder von der Bildfläche, werden Berater oder Angestellte. Nur wenige wagen den zweiten Anlauf.“

Justaloud hat viel Aufsehen erregt

Was ging bei Justaloud schief? Das Ziel war, die Musik junger, noch unbekannter Künstler via Internet zu verbreiten. Songs wurden zunächst gratis ins Netz gestellt; mit steigenden Downloadzahlen erhöhte Justaloud dann den Preis bis auf maximal 99 Cent. Erfolglos war das Projekt nicht. Zu den 10 000 Musikern auf der Plattform gehörten auch Größen wie der Hip-Hopper Jan Delay, 100 000 Nutzer meldeten sich an, und die Macher zählten am Ende fast eine halbe Million Downloads.

Nüchtern, fast im Stil eines Unternehmensberaters, zieht Eyser Bilanz: „Wir sind nicht gescheitert, aber das Projekt hat nicht zum Ziel geführt.“ Es habe drei Ziele gegeben: Lernen, ein Unternehmen aufbauen und Geld verdienen. Das Ergebnis: „Das erste hat geklappt, das zweite ein bisschen und das dritte nicht.“ Ähnlich kühl analysiert er die Gründe für den ausgebliebenen Erfolg. Es habe an der Komplexität der Musikbranche mit ihren vielen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette gelegen, glaubt er. Die weiteren Faktoren: sehr dünne Margen und ein enormer Kapitalbedarf, um eine Größe wie zum Beispiel der bekannte Musikdienst Spotify zu erreichen. Eyser: „Um Millionen Titel im Angebot zu haben, hätten wir Millionen Euro gebraucht.“ Davor schreckten er und seine Mitgründer damals zurück.

Eine Konzernkarriere war keine Option

Von der Musik hat Eyser dann die Finger gelassen, aber der Faszination des Web konnte er sich einfach nicht entziehen. Gespürt hat er das schon 2007, als er sich an einem Wettbewerb von StudiVZ zum Auffinden von Sicherheitslücken auf der Website des sozialen Netzwerks beteiligte und nach Berlin eingeladen wurde. „Das war eine Inspiration für mich“, schwärmt er von der damaligen (Wachstums-)Euphorie bei StudiVZ. Nebenbei lernte der damals 19-Jährige bei der Gelegenheit noch seinen späteren Partner bei Justaloud kennen.

Daimler oder andere Konzerne waren nach dem Aus für den Musikdienst keine Option für den Sohn eines Lehrerehepaars: „Die einzige Frage, die sich gestellt hat, war: Was ist die nächste Idee?“ Dieser Geistesblitz ist ihm aufgrund von privaten Kontakten gekommen: zu einem Arzt, einem Rechtsanwalt, einem Event-Techniker und einem Masseur. Alle wollten das Gleiche von ihm wissen: Wie komme ich durch das Internet an potenzielle Kunden und an Aufträge heran? Eyser hat ihnen gezeigt, wie sie bei der lokal eingegrenzten Google-Suche nach einem Arzt, einem Rechtsanwalt, einem Event-Techniker oder einem Masseur ganz oben auf der Trefferliste landen und so zu regionalen Helden werden, wie es der 25-Jährige nennt – die Idee zu Regiohelden war geboren.

Regiohelden arbeitet mit dem Internetriesen Google zusammen

Anders als bei Justaloud beantwortete sich Eyser diesmal im Vorfeld die entscheidenden Fragen: Worin liegt der Nutzen? Kann die kritische Masse erreicht werden? Lässt sich damit Geld verdienen? Ist die Marge groß genug? Wie lange bleiben die Kunden treu? Passen Vertrieb und Marketing? Im Management-Deutsch wird so etwas „Proof of Concept“ genannt, eine Art Machbarkeitsbeleg. Eysers Antworten fielen so aus, dass er mit Regiohelden einen zweiten Anlauf wagte. Der Dienstleister ist einer von einem Dutzend Partnern des Suchmaschinenriesen Google, die sich in Deutschland um den Mittelstand kümmern. Die Kunden zahlen für die Werbeunterstützung und können zugleich über eine Internetseite exakt nachvollziehen, wie viele Anfragen und Aufträge ihnen das bringt. Das Interesse ist so groß, dass Regiohelden in Stuttgart bereits 70 Mitarbeiter hat, die sich im Bürogebäude gegenüber der Großbaustelle im Gerberviertel mittlerweile über zwei Stockwerke verteilen.

Auch wenn am Anfang alles stimmen mag, ist für den in Leonberg aufgewachsenen Unternehmer damit der Erfolg noch nicht garantiert. Denn nach der Startphase geht es aus seiner Sicht in der Regel nicht stetig und kontinuierlich aufwärts, sondern irgendwann ist der nächste große Schritt erforderlich. Eyser: „Viele die scheitern, verzetteln sich da und verlieren sich in Details“, weiß der in der heimischen Gründerszene bestens vernetzte Unternehmer, der zuletzt mehr als fünf Millionen Euro bei vier Investoren eingesammelt hat. Regiohelden braucht das Geld für das Wachstum – „um zu akzelerieren“, wie es Eyser ausdrückt. Der nächste große Schritt eben. Zunächst hat er eigentlich kaum mehr als die eigene Arbeitskraft investiert. Das war auch schon bei Justaloud so. Das Ende hat folglich auch keinen Schaden angerichtet. Jetzt hat er es mit Investoren zu tun, die Geld in seine Idee gesteckt haben und es zumindest nicht verlieren wollen. Aber das belastet den selbstbewussten jungen Mann augenscheinlich nicht.

Kritik am deutschen Insolvenzrecht

„Ausprobieren, Scheitern, Lernen, Wiederholen“ lautet ein in der Gründerszene verbreitetes Motto, das als Poster beliebt ist – auch bei Eyser. Ihm ist klar, dass seine systematische und zugleich flexible Herangehensweise nicht zum deutschen Gründerverständnis passt. Da geht es meist um die eine, geniale Erfindung, die zum Erfolg führen muss; andernfalls gilt der Initiator als Versager. „Bei vielen ist die Angst vor dem Scheitern so groß, dass sie gar nicht erst anfangen“, spottet er. Das deutsche Insolvenzrecht, so heißt es oft zur Erklärung, habe alttestamentarischen Charakter, sei also vom Gedanken an Strafe und Rache geprägt. „Die Amerikaner sehen die Sache viel experimenteller, was richtig ist“, sagt Eyser. „Die Idee selbst macht nur ein Prozent des Erfolgs aus. Es geht darum, dass es pivotet.“ Pivotet? Bei Gründern steht der Begriff Pivot für ständige Korrekturen am Geschäftsmodell und Anpassungen des Produkts an den Markt – was in Deutschland eher als unprofessionell gilt.

Alexander Hüsing von Deutsche Startups kennt zahllose Gründungsideen und weiß deshalb, dass keineswegs jedes Geschäftsmodell zu retten ist: „Vielleicht sind die Erwartungen manchmal zu hoch. Ab und an sind einige Konzepte der Zeit voraus, andere hinken hinterher. Etliche Ideen sind aber auch einfach nur für eine Zeit ein Thema und dann ist das Zeitfenster zu“, sagt er. Die Erfolgsquote von Startups schätzt er so ein, dass unter zehn Gründungen ein Überflieger ist, zwei Drittel kommen gut über die Runde, und der Rest schleppt sich so dahin. Hüsing bedauert, dass in Deutschland Scheitern anders als in den USA noch immer mit dem Makel des Versagens behaftet ist. Aber etwas amerikanischer wird die Welt. Dies zeigt auch eine US-Veranstaltungsidee: Failcon, eine Konferenz, bei der sich alles um das Scheitern dreht. Im November 2012 hat die Konferenz erstmals in Berlin stattgefunden.