Gescheitertes Plastikabkommen Menschheitsinteressen müssen über Profitinteressen stehen

Plastikmüll vergiftet Ökosysteme, zerstört Strände und lagert sich als Mikroplastik im menschlichen Körper ab. Foto: Rajanish Kakade/AP/dpa

Das Scheitern des Plastikabkommens zeigt die brachiale Unverfrorenheit der Öl-Lobby, meint unser Berliner Korrespondent Norbert Wallet.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

Selbst unter der Maßgabe ausgewogenster Berücksichtigung aller Standpunkte kommt man an der Erkenntnis nicht vorbei: Bei den gescheiterten Verhandlungen über ein globales Plastikabkommen hat sich die Öl-Lobby in brachialer Unverfrorenheit durchgesetzt.

 

Den dreijährigen Verhandlungsprozess kennzeichnete eine doppelte Unwucht. Zum einen war es keineswegs so, dass sich hier zwei gleichgroße Lager unvereinbar gegenübergestanden hätten. Wäre eine schlichte Mehrheitsentscheidung bindend gewesen, hätten sich jene Länder klar durchgesetzt, die eine wirkungsvolle Begrenzung der Produktion festschreiben wollten.

Plastik – das ist Big Business

Dort stand die wirtschaftliche Macht einer kleinen Gruppe von Ölproduzenten (Saudi-Arabien, Iran und Russland), zu der sich Staaten gesellten, in denen die ölverarbeitenden Konzerne entscheidenden Einfluss auf die nationale Politik haben (wie in den USA), der Menge an Staaten gegenüber, die allesamt politisch nicht genug Einfluss in die Waagschale werfen können, um sich gegen die staatlichen oder privatwirtschaftlichen Profitinteressen zu behaupten. Auch die Europäische Union hatte in diesem Kampf nicht genug Gewicht.

Denn man kann die schlichte Tatsache gar nicht überschätzen: Plastik – das ist Big Business. Die weltweite Umstellung auf nachhaltige Energieträger hat die Ölförderländer und -konzerne erkennen lassen, dass der Markt für Plastikprodukte die sinkenden Einnahmen infolge der Energiewende kompensieren könnte. Seit den 70er Jahren hat sich die Produktion von Plastikerzeugnissen auf fast 400 Millionen Tonnen im Jahr versiebenfacht. Bis 2050 prognostizieren Experten einen Anstieg auf 600 Millionen Tonnen.

Vergiftete Ökosysteme, zerstörte Existenzen

Den damit verbundenen Gewinnspannen stehen die eklatanten Schäden für die Allgemeinheit gegenüber. Manche davon sind mit bloßem Auge zu erkennen: Die riesigen treibenden Plastikflächen auf den Weltmeeren, die mit Plastik vermüllten Strände.

Manche Folgen sind schwerer zu erkennen, aber doch ziemlich offenbar: die vergifteten Ökosysteme, das Sterben der Fische und anderer Meeresbewohner, die zerstörten Existenzen von Fischern und ihren Familien.

Manche Schäden sind noch gar nicht hinlänglich erforscht. Wobei das, was man weiß, schon ziemlich beängstigend ist: Dazu zählt die Langzeitablagerung von Mikroplastik im menschlichen Körper, gerade im Gehirn. Was alleine schon zeigt, dass das Thema nicht das Problem einiger weit entfernter Inselstaaten ist, sondern uns alle angeht.

Proteste in Genf vor dem Ort der gescheiterten Verhandlungen. Foto: Christiane Oelrich/dpa

Die Mehrheit der Länder darf sich nun nicht entmutigen lassen. Sie muss vorangehen im Kampf gegen Einweg-Plastik und für den Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft. Und sie muss die politische Machtfrage stellen: Menschheitsinteressen müssen mehr Gewicht haben als Konzerninteressen.

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