Bad Rappenau - Sie war blond und schön. Sie stieg mit Muscheln in den Händen aus dem karibischen Meer und sang selbstvergessen den „Mango Tree“-Song. Auf ihrer Haut trug sie nichts weiter als einen cremefarbenen Bikini und darüber einen Gurt mit respektablem Tauchermesser.
Die Szene in „James Bond jagt Dr. No“ wurde zu einem magischen Moment der Filmgeschichte. Wegen Ursula Andress und wegen des Bikinis. Das freizügige Teil war 1962 zwar keine neue Erfindung, aber noch von einem anrüchigen Hauch umweht und deshalb kaum verbreitet. Das änderte Andress.
Ähnliche Szenen spielen sich jetzt mit Beginn der Badesaison auch wieder in der Region Stuttgart ab. Schönheiten steigen aus Seen und Schwimmerbecken. Frauen in Bikinis, Monokinis, Umstandstankinis, Seniorinnen in Badeanzügen mit wattierten Cups und Miederverstärkung. Spargeltarzane in weiten Surfershorts, ältere Herren in sexy knappen Badehosen. Und als Beobachter fragt man sich: Wie war das früher? Was zogen die Leute früher zum Baden an?
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In einem weitläufigen Brackenheimer Gewerbegebiet neben Logistikzentren und Lagerhallen findet man das Bikini-Museum mit 1200 historischen Bademodenstücken. Der schwarze Samt-Einteiler der Monroe gehört dazu. Oder das rote Wollbadekleid, das die Taylor 1957 trug. Alexander Ruscheinsky ersteigerte es für 4000 Dollar. Der Louvre besitzt noch ein Originalmodell des Bikini-Erfinders Louis Réard, Ruscheinsky hat zwölf davon.
Der 65-jährige Geschäftsmann aus Regensburg ist Mathematiker, Eigentümer von 13 Autohöfen, Bauträger für Denkmalprojekte, Immobilienentwickler von Businessparks, geprüfter DFB-Fußball-Lehrer, Golfclub-Präsident und Macher des Bikini-Museums. Sein Motto: „Weil ich es will und weil ich es kann.“
Vor einiger Zeit begab es sich, dass er am Strand von Rio die 70-jährige Lebenskünstlerin Alda kennenlernte. Sie erzählte ihm von der Bademodenfabrik, die sie einst besaß. Von ihren turbulenten Ehen in Europa. Er durfte in ihrem Fotoalbum blättern: Alda auf einer Jacht neben Prinzessin Caroline, Alda mit Jean-Paul Belmondo im weißen Sand der Côte d‘Azur. Sie erzählte vom Traum, ihre Lebensgeschichte in einer Bikini-Ausstellung zu dokumentieren.
Ruscheinsky ließ die Sache keine Ruhe. Und wenn ihm was lange genug im Kopf herumschwirrt, setzt er es in die Tat um. Er schuf das Erste internationale Museum für Bademoden und pflanzte es nach Bad Rappenau an die A 6 auf halbem Weg zwischen Paris und Prag. In der Kurstadt wurde nicht nur 1936 Deutschlands erstes Wellenbad eröffnet, hier waren Bademodenhersteller wie Felina und Benger Ribana (bekannt für den Zweiteiler Paprika) zu Hause. Alda hat er nicht mehr gesehen, der Kontakt brach ab. Aber vielleicht steht sie ja eines Tages vor der Museumstür.
Die „Bademeisterin“ im Bikini-Museum
Die Badehr des Mittelalters kam mit ihrem Minimum an Stoff und Maximum an Frivolität dem Bikini schon ziemlich nahe: Ein Tuch, das mit einem Band am Hals befestig wurde und die Vorderseite des Körpers bedeckte. Wenn sich die Frau damit ins Wasser der öffentlichen Badestube begeben hatte (die Hand auf den Hintern haltend), schwamm der Stoff als Sichtschutz obenauf.
Selbst ein Mann der Kirche konnte sich dem Zauber der Badehr nur schwer entsagen. Anno 1417 schildert der päpstliche Sekretär Bracciolini seine Eindrücke aus Wien: „Nichts aber kann reizender zu sehen sein als eben mannbare oder in voller Blüte stehende Jungfrauen. Wenn ihr leichtes Gewand auf dem Wasser schwimmt, jede eine andere Venus. Dazu die naive Gewohnheit, das Röckchen hochzuheben und im Spiel zugeworfene Dinge zu fangen, so dass nicht selten die geheimen Schönheiten enthüllt werden.“
Bei dem unschuldigen Spiel blieb es nicht. Weil alkoholische und amouröse Eskapaden überhandnahmen, wurde das gemeinsame Baden von Männern und Frauen schließlich verboten. Und bald war ganz Schluss mit der Planscherei. Wer denkt bei Cholera, Beulenpest und Roter Ruhr ans Baden? „Wasser wurde als etwas Gefährliches, die See als unheimlich angesehen, man mied die Küsten“, sagt Lisa Otten. „Erst mit der Aufklärung verlor das Meer allmählich wieder an Schrecken.“ Die 30-Jährige ist Head of History im Museum und führt quasi als Bademeisterin durch die 1500 Quadratmeter große Ausstellung.
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Mitte des 18. Jahrhundert entstanden mit den See- und Heilbädern auch bürgerliche Anstandsregeln. Die sittliche Frau trug ein mehrteiliges Kostüm mit Haube, Korsett, Schnürstiefeletten. In die Röcke nähte sie Bleigewichte, die im Wasser vor Blicken schützten. Die Herren waren nicht so genant. Bei ihnen taten es auch Unterhosen.
Oder die Dame bestieg in großer Toilette eine Holzkabine auf einem Karren, der dann mit Pferden ins Meer gezogen wurde. Dort öffnete sie die Tür zur Seeseite und glitt diskret nackig in die Wellen.
Mit der Zeit wurde es am Strand etwas weniger steif, wobei das Badekleid aus rauem Wollflanell in vollgesogenem Zustand auch kein Hautschmeichler war. In Kombination mit den unförmigen Pluderhosen wog es trocken schon mehrere Kilo. Damit zog es einen schnell mal in die Tiefe. Der „bodenlose Sack“ soll einigen übermütigen Frauen das Leben gekostet haben. Männer waren sicherer in ihren Shorts. Sie mussten nur mit der Malaise ringen, dass sie im Wasser ständig von den Hüften glitten.
Aber Sommerfrischler wollen ja auch schön sein. Bei den Männern kam der legendäre gestreifte Zebrabadeanzug auf. Da konnte nichts mehr rutschen, außerdem sah er verwegen gut aus. Die Frauen mauserten sich von Vogelscheuchen zu Nixen in aparten Badekostümen mit Schleifen, Spitzen, Stickereien. Der Ballast blieb. Edwin Sandy, ein amerikanischer Schwimmlehrer, startete 1902 einen Selbstversuch mit der Kleiderbürde einer Frau und soll nach 100 Metern so kaputt gewesen sein wie sonst nach 1000.
Andere Strände, andere Sitten. Für den Wannsee galten andere Regeln als für das Admiralsgartenbad in Berlin-Mitte. Als es in Ostende schon Familienbäder gab, war der Strand von Swinemünde noch in fünf Zonen aufgeteilt: ein Bereich für die gehobene Männerschicht, daneben einer für die untere, dann ein breites Schutzgebiet, dann die zwei Frauenzonen.
Lastex brachte den Busen in Form
Um die Jahrhundertwende begann die Knie-Debatte. Der Disput, ob Damen kniefrei baden dürfen, zog sich eine Weile hin. In der Illustrierten „Lustige Blätter“ hieß es 1914 noch: „Das Knie ist in dieser Saison das gefährlichste Körperteil.“ Ebenso strittig die Frage: Soll das schwache Geschlecht schwimmen? Wie wirkt sich das auf die Gebärfähigkeit aus? Und führt die damit verbundene Kraftleistung zu unschönen Muskellinien? Ein Kenner sah das damals schon sehr wohlwollend: „Damen, die mit aufrechter Kopfhaltung und Badekappe im Bruststil daherziehen, wirken auf der Schwimmbahn nicht minder anmutig wie auf der Promenade.“
Eine Vorkämpferin des Frauenschwimmens war Annette Kellermann. Sie wollte keine Strandmumie mehr sein und tauschte ihre Rundumverkleidung gegen einen eng anliegenden Ganzkörperanzug aus Wolltrikot ein. Strandwächter in Boston sperrten sie dafür ein. Aber immer mehr schlüpften in die „zweite Haut“. Was tun? Im sauerländischen Werdohl wusste man sich nur noch mit einer polizeilichen Verordnung zu helfen. Der Schwimmverein wurde verpflichtet, bei Damenschwimm-Veranstaltungen alle männlichen Zuschauer 300 Meter vom Becken entfernt zu halten.
Die 30er Jahre brachten die modellierende Kraft eines neuen gummiartigen Gewebes. Lastex drückte den Bauch flach, betonte die Taille, brachte den Busen in Form. Männer konnten jetzt oben ohne baden, weil Lastex-Hosen nicht mehr rutschten. Aber ziemte sich das? In Atlantic City verbot man 1936 die neue Mode mit der Begründung, man wolle keine Gorillas an den Stränden. Preußens Innenminister Bracht versuchte, Auswüchse mit dem Zwickelerlass niederzuhalten: Badehosenverbot für Männer, die Badeanzüge für die Frauen mussten Brust und Leib vollständig bedecken. Im Schritt war außerdem ein Zwickel als textile Verstärkung Pflicht. Darauf konnten die Arbeitersportler nur noch mit Poesie antworten: „Wir badeten fröhlich, wir badeten nackt, da hat uns das neue Preußen gepackt: Der Badeanzug kompakt und gezwickelt, für Jungfrauen gelötet, aus Draht und vernickelt, den Badeanzug nach Vorschrift von Bracht. Ade, liebe Freiheit, leb wohl, gute Nacht.“
Die Bikini-Revolution
Die Revolution war nuklear. Im Frühsommer 1946 kreierte Jacques Heim in Cannes den „kleinsten Badeanzug der Welt“ und nannte ihn „Atome“. Im Juli konterte Louis Réard in einem Pariser Schwimmbad mit dem noch winzigeren „Bikini“. Das Wort war Tage zuvor um den ganzen Erdball gegangen, weil die USA auf dem gleichnamigen Südseeatoll eine Atombombe getestet hatten.
Zwei geizige Dreiecke bedeckten die Bikini-Brüste. Nur ein um den Nacken gewundenes Fädchen hielt alles zusammen. Untenrum sah es auch nicht besser aus. An zweiteilige Badeanzüge war man ja schon gewöhnt. Aber ein entblößter Nabel, blanke Pobacken und nackte Beine bis zu den Hüftknochen? Selbst Réards Mannequins weigerten sich, das Teil zu tragen. Eine Varieté-Nackttänzerin machte es dann.
Frauenvereine fanden abstoßend, was sie sahen. Eine Reporterin sprach von einem „Textil, das über seine Trägerin alles verrät – außer dem Mädchennamen ihrer Mutter“. In den USA wurde das „Nichts“ ebenso boykottiert wie in Europa. Noch 1957 las man in der Illustrierten „Das moderne Mädchen“: „Es ist nicht notwendig, ein Wort über den sogenannten Bikini zu verlieren. Ist es doch undenkbar, dass ein Mädchen mit Takt und Anstand je so etwas trägt.“
Doch das Stück verschwand nie ganz von der Bildfläche. Im Showbiz riskierte man Nabelschauen. Pin-up-Girl Bettie Page posierte im Bikini. Superweib Jayne Mansfield ließ sich mit Bikini ablichten. Brigitte Bardot war das Bikinimädchen in „Sommernächte mit Manina“ (1952). Und dann kam Ursula Andress.
Im vergangenen Jahr sollte ihr Bond-Bikini in Los Angeles unter den Hammer kommen. Startgebot: 300 000 Dollar. Alexander Ruscheinsky war schon bereit einzusteigen, „aber niemals als Erstbieter“, wie er meinte. Und weil keiner den Anfang machte, blieb der Zweiteiler am Ende beim alten Besitzer. Warum voreilig lossteigern, wenn man das Teil bei anderer Gelegenheit günstiger bekommen kann.
Das Burkini-Verbot in Schwimmbädern
Der Bond-Auftritt ließ den Knoten platzen. Der Bikini hatte fortan nicht nur seinen festen Platz auf den Covern von „Life“, „Sports Illustrated“ oder „Neue Revue“, sondern auch in den Familienfotoalben. In der DDR dauerte es noch etwas, bis 1974 nach einigen Versorgungsengpässen die Serie Oluba-Madame des VEB Strickwaren Oberlungwitz die Wende brachte. „In dieser Saison stehen Badeanzüge aus texturiertem Grisuten, Dederon und Wolpryla bereit“, hieß es damals. „Nach wie vor stehen die einteiligen Badeanzüge im Vordergrund, dennoch sind für junge und schlanke Trägerinnen auch genügend Bikinis im Angebot.“
„Der Bikini war Freiheit. Allein schon die Stoffmenge und die damit verbundene Beweglichkeit. Wenn man das mit den lebensgefährlichen Wasserkostümen von früher vergleicht“, sagt Lisa Otten vom Museum. „Und der Bikini stand für gesellschaftliche Emanzipation. Frauen mussten sich nicht mehr verbergen.“
Weitere Revolutionen blieben aus. Der Stringtanga der 70er, der Zahnseidentanga von Ipanema? Da kam es auch nicht mehr drauf an. Heute ist alles erlaubt. Verbote gibt es höchstens noch, wenn eine Badekleidung zu viel Haut verhüllt. Wie vor zwei Jahren in Koblenz, als man das Tragen von Burkinis in öffentlichen Schwimmbädern untersagte. Ein Gericht pfiff die Stadtväter wieder zurück.
Der Bikini ist ein Sinnbild der weiblichen Befreiung geblieben, auch wenn sein Schöpfer die Sache mit der Befreiung damals noch etwas anders verstand. Eine Frau im Bikini, meinte Louis Réard in einem Interview, sei doch ein wunderschön verpacktes Geschenk: „Man will das Seidenband abnehmen, die Schachtel öffnen und sehen, was drin ist.“
Buchtipps: Werner Timm: „Vom Badehemd zum Bikini“, Verlagsgesellschaft Husum.
Vera Bachmann: „Bademode – Zwischen Schamgefühl und Lebenslust“, Begleitbuch zur Bademoden-Ausstellung 1997 in Kassel.
Beate Berger: „Bikini – Eine Enthüllungsgeschichte“, Mare-Verlag.