Geschichte der Linse in Baden-Württemberg Auf der Spur der Alblinse

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Öko-Bauer und Linsenfan Woldmar Mammel

Die Linsen, die hier zu Lande auf den Teller kommen, werden vor allem in der Türkei, Spanien, Kanada und in den USA angebaut. Die Alblinse, die botanisch der neolithischen Ur-Linse am nächsten steht und sich durch einen intensiven, aromatisch-nussigen Geschmack auszeichnet, war um 1960 ausgestorben. Niedrige Erträge, aufwendige Verarbeitung und veränderte Konsumgewohnheiten (ab dem 1950er Jahren war Fleisch zum einem Grundnahrungsmittel geworden) hatten den Linsenbauern das Geschäft verhagelt.

Die Vorliebe der Schwaben für ihr Nationalgericht Linsen und Spätzle blieb davon zwar unberührt. Nur kamen die Linsen nicht mehr von der Alb, sondern von ausländischen Äckern. Damit war eine jahrtausendealte Tradition erloschen. Es ist dem ehemaligen Biologielehrer und Öko-Bauern Woldemar Mammel aus dem 600-Seelen-Dorf Lauterach im Alb-Donau-Kreis zu verdanken, dass die unscheinbare Pflanze mit den kleinen fiederigen Blättern und den weiß-violetten Blüten wieder in Baden-Württemberg heimisch wurde.

Suche führt nach St. Petersburg

1985 begann Mammel französische Du Puy Linsen in seinem Selbstversorger-Garten anzubauen. Doch die Suche nach der Ur-Alblinse ließ ihn nicht mehr los. Der Züchter Fritz Späth aus Haigerloch hatte sie unter dem Namen „Späth Alblinse I“ und „Späth Alblinse II“ kultiviert. Saatgut gab es allerdings keines mehr, nachdem der Eintrag 1966 aus dem Register des Bundessortenamts in Hannover und der Saatdatenbank Gatersleben gelöscht worden war.

Die Spur führte nach Russland. 2006 wurde der Saatgut-Sammler Klaus Lang aus Wolfegg im Allgäu im Wawilow-Institut in St. Petersburg fündig. Das Institut beherbergt die älteste und drittgrößte Gen-Datenbank der Welt. In seinen Archiven lagern 3000 Linsenzüchtungen, darunter Saatgut von Späths Alblinse. Alle sechs Jahre wurde es auf kleinen Flächen vermehrt, um seine Keimfähigkeit zu erhalten.

Original Alb-Leisa

Mit 350 Samen in zwei Tütchen verpackt kehrte Lang nach Deutschland zurück und begann zusammen mit Mammel mit der Aussaat. Heute werden die Alblinsen von 70 Bio-Höfen der von Mammel gegründeten Öko-Erzeugergemeinschaft Alb-Leisa angebaut und vermarktet. „Getreideeiweiß und Linseneiweiß ergänzen sich perfekt“, erklärt der Öko-Bauer. „Wenn man das in der Ernährung kombiniert, kommt ein mit tierischem Eiweiß vergleichbares Aminosäurenmuster zustande.“

Die Alb-Leisa ist ein anspruchsvolles Gewächs. Die Ernteerträge der zwischen Ende Juli und Anfang September reifen Samen schwanken Mammel zufolge enorm – zwischen zwei und zehn Doppelzentner pro Hektar (zum Vergleich: Der mittlere Weizen-Ertrag in Deutschland lag 2016 bei 77 Doppelzentner pro Hektar).

Aufwendige Verarbeitung

Linsen müssen aufwendig getrocknet und von Hülsenresten, Spelzen, Erdbrocken, Steinchen und Ährenstücken gereinigt werden, bis sie am Ende eine Reinheit von 99 Prozent aufweisen. Hinzu kommt die lange Anbaupause. „Erst nach fünf oder sechs Jahren kann man wieder Linsen in den gleichen Acker säen, wenn man gesunde Pflanzen bekommen will“, erläutert Mammel.

Das Sortiment von Alb-Leisa umfasst mittelgroße dunkelgrün marmorierte Linsen, „Späths Alblinse I“ (große hellgrün bis ockerfarbene Linsen) und „Späths Alblinse II“ (kleine hellgrün-beigefarbene Linsen). Für jeden Liebhaber von „Lens culinaris“ sind diese historischen Sorten zusammen mit Spätzle aus Emmer-, Dinkel- oder Albweizenmehl ein kulinarischer Hochgenuss.