Paris - „In Massen strömten wir in die Stadt und stiegen über die Toten. Einige, die es noch nicht waren, hörten wir unter den Hufen unserer Pferde schreien, was mein Herz mit großem Mitleid erfüllte. Und es tat mir leid, ein so schreckliches Schauspiel mit anzusehen.“ Wer so klagte, ist der Chirurg Ambroise Paré (1510–1590). Er musste einiges mit ansehen, denn was er erlebte, war die Erfindung des technologisierten Tötens.
Seit dem 14. Jahrhundert hielten die Feuerwaffen auf den europäischen Schlachtfeldern, jenen „Vorhöfen der Hölle“, Einzug. Damit hatten die Heerführer eine Fernwaffe von nie gekanntem Potenzial bei der Hand, und sie machten reichlich Gebrauch davon.
Die Medizin konnte mit der rasanten Entwicklung der Waffentechnologie kaum Schritt halten. Das lag zum einen daran, dass es damals noch keinen geregelten Sanitätsdienst gab. Könige und Heerführer nahmen ihre Ärzte nur zur persönlichen Betreuung mit ins Feld und setzten sie nach eigenem Gutdünken für die Behandlung von Verwundeten aus ihrer unmittelbaren Umgebung ein.
Außerdem galten Medizin und Chirurgie zu jener Zeit als getrennte Fächer. Und das behinderte den medizinischen Fortschritt. Die Abkapselung der beiden Disziplinen rührte aus dem Mittelalter her: Die Kirche, hieß es, habe sich zwar der Heilkunde und Krankenpflege zu befleißigen, sie verabscheute aber das Blut – „ecclesia adhorret a sanguine“. So entstand die Chirurgie als eigenständige Disziplin der Heilkunde – und mit ihr der Beruf des „chirurgus“. Er war weniger angesehen als die akademisch ausgebildeten Ärzte.
Feuertaufe auf den Schlachtfeldern Oberitaliens
Dieser strikten Trennung musste sich auch der 1510 in Bourg-Hersent bei Laval als Sohn eines Baders geborene Ambroise Paré unterwerfen. Nach einer Barbierlehre in seiner Heimat erlernte er von 1533 bis 1536 das Chirurgenhandwerk im Hôtel-Dieu in Paris, der damals modernsten Krankenanstalt Europas. Hier assistierte er beim Versorgen von Wunden und eignete sich umfassende anatomische und praktische Kenntnisse im Umgang mit den Kranken an.
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Seine Feuertaufe erhielt Paré 1536 in Oberitalien, wo seit Ende des 15. Jahrhunderts ein erbitterter Kampf zwischen der französischen Krone und den Habsburgern um die Vormachtstellung in Europa tobte. Auf den dortigen Schlachtfeldern lernte Paré die verheerende Wirkung der Feuerwaffen kennen.
Paré gelingt der entscheidende Schritt
Eins der gravierendsten Probleme war, dass die alten Behandlungsmethoden nicht für Schusswunden übernommen werden konnten. Die Wunden waren oft viel größer und wiesen zerfetzte Ränder auf, brachten ungeahnte Komplikationen mit sich und heilten sehr schlecht. Die Chirurgen versuchten, die Wunden zu reinigen: Sie gossen siedend heißes Öl hinein und bedeckten sie mit ölgetränkten Pflastern, damit sie auseiterten. In einem Zeitalter, in dem jegliche Form der Narkose noch unbekannt war, durchlebten die Patienten Unvorstellbares – und gerieten erst recht in Lebensgefahr, weil sich die traktierten Wunden leicht entzündeten.
Erst Paré gelang ein entscheidender Schritt. Der junge Feldchirurg, der sehr schnell zu der Erkenntnis gelangte, dass man sein Metier „nicht durch Bücher lernt“, machte 1536 eine grundstürzende Entdeckung. Anstatt Schusswunden auszubrennen, versuchte Paré aufgrund des Umstandes, dass ihm das Öl ausgegangen war, die Wunden mit einem Gemisch aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin zu behandeln. Mit Erfolg, wie er 1545 in seinem Buch „Die korrekte Behandlung der Schusswunden“ schrieb.
Den Schulmedizinern ist er ein Dorn im Auge
Geleitet von der Überzeugung, dem Wohl der ihm anvertrauten Patienten verpflichtet zu sein und die bestmögliche Behandlung zu wählen, suchte Paré stets nach Neuem. Dies gilt auch für die postoperative Krankenpflege. Früh erkannte er, dass eine gute Nachsorge die Heilung beschleunigt. Meist waren die durch die Operation geschwächten Soldaten nur notdürftig in löchrige Decken gehüllt, lagen in zugigen Baracken auf feuchten Böden und wurden nur unzureichend mit Essen und Trinken versorgt. Als er einem Soldaten einen Arm amputierte und der daraufhin von heftigem Fieber befallen wurde, reichte es Paré: Um den Mann zu wärmen, deckte er ihn mit Stroh und Dung zu, ernährte ihn mit Milch und weichen Eiern. Der Mann kam durch.
Der Schulmedizin waren Parés ungewöhnliche Methoden ein Dorn im Auge. Mehr und mehr sah er sich Rügen der medizinischen Fakultät in Paris ausgesetzt, die ihm falsche Therapien vorwarf. Doch Paré ließ sich nicht beirren. Die Heilungschancen waren bei seinen Methoden größer, zudem waren sie einfacher anzuwenden.
Paré wird zum Pionier der Prothetik
Paré entwickelte zudem zahlreiche chirurgische Instrumente und ein Verfahren, um stecken gebliebene Geschosse aufzufinden. Hierzu ließ er den Verwundeten in die Position bringen, in der er die Verletzung erlitt, sodass der Schusskanal mit einer Sonde oder Fasszange besser verfolgt werden konnte. Diese Methode hatte bis zur Einführung der Röntgendiagnostik Gültigkeit.
Großes Aufsehen erregte Paré 1552 mit dem Wiedereinführen der Schlagaderligatur bei Amputationen, die seit dem Altertum nicht mehr durchgeführt worden war. Statt wie bisher bei Amputationen die Wunden mit glühenden Eisen zu „kauterisieren“, also auszubrennen, um die Blutung zu stillen, stoppte Paré den Blutfluss, indem er die verletzten Blutgefäße mit einem festen Faden abband.
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Neben neuen operativen Techniken bei der Wundbehandlung beschäftigte sich Paré auch mit der Frage des künstlichen Ersatzes von Körperteilen, was ihn gewissermaßen zu einem Pionier der Prothetik machte. Neben gelenkigen Oberschenkel- und Armprothesen mit beweglichen Fingern durch Zahnrad- und Hebelantrieb entwarf er auch Gesichtsprothesen mit künstlichen Ohren aus Pappmaschee, Vorlegeaugen aus Glas und Nasen aus emailliertem Silber.
Nach seinem letzten Feldzug greift er zur Feder
Paré machte sich auch im zivilen Bereich verdient: Er verpflanzte künstliche Harnröhren aus Holz, entwickelte Vorderzähne aus Elfenbein, ein stabilisierendes Metallkorsett gegen Rückgratverkrümmungen und eine Vorrichtung zum Verschluss von Kiefer- und Gaumendefekten infolge der damals in Europa grassierenden Syphilis, deren Erreger im fortgeschrittenen Stadium auch den Mund- und Rachenraum befiel und den Gaumen durchlöcherte.
1570, im Alter von 60 Jahren, nahm Paré ein letztes Mal an einem Feldzug teil. Erst danach fand er die Zeit, seine Erlebnisse zu verarbeiten. Die Hand, die jahrzehntelang das Skalpell geführt hatte, griff nun zur Feder und schrieb zahlreiche Fachbücher, in denen er sein Wissen, das er sich im Laufe seiner Jahre als Feldchirurg angeeignet hatte, akribisch zusammentrug. Nachdem ihn die akademische Medizin lange abgelehnt hatte, wurde seine Leistung noch zu seinen Lebzeiten gewürdigt. Als Paré im Dezember 1590 starb, bekam der „Pionier der modernen Chirurgie“ ein ehrenvolles Begräbnis in der Pariser Kirche Saint-André-des-Arts.