Geschichte der Weberei in Sindelfingen Mit der Webschule verwobene Lebenswege

Von Carolin Klinger 

Zum 150-Jahr-Jubiläum der Webschule haben Verein und Museum eine Sonderausstellung konzipiert, die die Menschen in den Vordergrund rückt, die das Haus prägten. Schüler aus aller Welt lernten in Sindelfingen das komplizierte Handwerk.

Ursula Ebel webt mit dem Jacquard-Webstuhl. Foto: factum/Weise 8 Bilder
Ursula Ebel webt mit dem Jacquard-Webstuhl. Foto: factum/Weise

Sindelfingen - Wenn Ursula Ebel den komplizierten Jacquard-Webstuhl mit Schwung betätigt, tönt laut ein Rattern durch die Räume der früheren Webschule. Die riesige Maschine mit der ausgeklügelten Technik aus dem Jahr 1805 ist noch immer einsatzbereit und webt an einem hellblauen Stoff mit weißem Vogel-Muster. Dass Ursula Ebel sie betätigen kann, liegt daran, dass sie im Jahr 1987 mit einer Ausbildung zur Handweberin in der Webschule begonnen hat und mit der Meisterprüfung abschloss. „Damals gab es noch eine Aufnahmeprüfung, für rund 75 Interessierte gab es nur 25 Plätze“, erinnert sich Ebel, die inzwischen sowohl den Vorsitz des Vereins Interessengemeinschaft Handweberei (IGH) inne hat, als auch als Museumspädagogin im Weberei-Museum tätig ist. Beider Sitz ist in die frühere Webschule.

Heute existiert der Ausbildungsberuf Weber in der damaligen Form nicht mehr, er wurde vor sechs Jahren zu dem Beruf Textilgestalter im Handwerk umgewandelt. Auch in der früher so renommierten Webschule in Sindelfingen werden nun keine Weber mehr ausgebildet. Dennoch ertönt heute noch das Klappern der Webstühle in den Räumen der Schule, denn der Verein Interessengemeinschaft Handweberei bietet Weberei-Kurse an.

Textiles Erbe der Stadt wird bewahrt

Und auch im Museum wird das textile Erbe und das technologische Wissen bewahrt. Zum 150-Jahr-Jubiläum der Webschule erinnern Verein und Museum deshalb mit der Sonderausstellung „Lebensfäden – 150 Jahre Webschule Sindelfingen“ an das wichtige Kapitel in der Stadtgeschichte. „Wir rücken mit der Ausstellung vor allem die Menschen in den Vordergrund, die eng mit der Geschichte der Webschule verknüpft sind“, sagt die Leiterin des Weberei- und des Stadtmuseums, Illja Widmann. Besucher werden in der Ausstellung dazu eingeladen, selbst auf eine Entdeckungsreise zu gehen.

In einem für die Ausstellung gedrehten Film erzählen neun Interviewpartner, was sie mit der Weberei verbindet. Der Bildschirm mit dem Film ist in einem Fach eines alten Schulschranks untergebracht, in dessen Schubladen noch weitere Überraschungen auf die Besucher warten. So findet sich darin beispielsweise ein altes Gästebuch, das davon zeugt, dass Besucher aus aller Welt in der Webschule ein und aus gingen. „Das Besondere an der Schule war, dass es einen regen internationalen Austausch gab und das Fachwissen in die Welt hinausgetragen wurde“, betont die Museumsleiterin.

Bedeutende Webereistadt Sindelfingen

In der Ausstellung lernen die Besucher frühere Lehrer oder Schüler wie die Jüdin Paula Ostrach kennen, die im Jahr 1927 in Sindelfingen ihre Gesellenprüfung absolvierte und ihre eigene Handweberei eröffnete. 1933 emigrierte sie nach Frankreich, ihr Vater kam in Auschwitz ums Leben. Paula Ostrachs Tochter wandte sich an das Webereimuseum, da sie noch Aufzeichnungen aus der Ausbildung ihrer Mutter gefunden hatte. „An solchen Geschichten merkt man, wie eng sich die Schüler ein Leben lang mit der Webschule verbunden fühlen“, sagt Illja Widmann.

Sindelfingen war im 19. Jahrhundert eine über die Region hinaus bedeutende Webereistadt. Im Jahr 1832 beherbergte die Stadt 237 Web-Meister und 140 Gesellen. Die Weber spezialisierten sich auf möglichst interessant gestaltete Entwürfe der Jacquard-Weberei und kümmerten sich darum, das Wissen an den Nachwuchs weiterzugeben. Eine eigene Schule war nötig, die eine Ausbildung von hoher Qualität für die Webschüler gewährleistete. So öffnete im Jahr 1900 der markante gelbe Backsteinbau der Webschule seine Pforten – und tausende von Menschen gingen seither hindurch, um das komplizierte Handwerk zu lernen.

Die Sindelfinger Weber setzten nicht auf Masse, sondern hoben sich mit besonderen Entwürfen und Qualität ab – deswegen haben sie auch so lange überlebt“, erklärt Illja Widmann. Erst 2001 schloss der letzte Jahrgang seine Ausbildung an der Webschule mit dem Gesellenbrief ab.