Geschichte des Fahrrads Unbeliebt waren Radler schon immer
Das Fahrrad ist eine Erfolgsgeschichte und treibt Tüftler zu immer neuen kuriosen wie innovativen Modellen an. Aber wird in Zukunft noch jemand in die Pedale treten?
Das Fahrrad ist eine Erfolgsgeschichte und treibt Tüftler zu immer neuen kuriosen wie innovativen Modellen an. Aber wird in Zukunft noch jemand in die Pedale treten?
Ein wenig albern sah es ja schon aus, das Bonanza-Rad. Man lag eher auf dem Bananensattel, als dass man saß. Die Arme weit vorgestreckt zum Hochlenker, der wie bei einem Chopper-Motorrad aufragte. Wenn sie dann noch an der Antenne einen Fuchsschwanz anbrachten, dann fühlten sich kleine Jungs wie Rocker oder Filmhelden. Kaum etwas hat das westdeutsche Kindheitsgefühls der 1970er Jahre so geprägt wie das Bonanza-Rad.
Tempi passati. Heute radeln Jungs nicht mehr selbst – sondern jagen mit ihren Mountainbikes nur noch den Berg runter, sodass man sich fragen kann, ob die Erfolgsgeschichte des Fahrrads schon bald endet. Noch aber ist es das weltweit am häufigsten genutzte Fortbewegungsmittel, weil es nach wie vor das effizienteste Gefährt ist, das sich mit schierer Muskelkraft antreiben lässt.
Deshalb ist es absolut gerechtfertigt, dass das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt dem Rad nun eine eigene Ausstellung widmet, denn der Streifzug durch die Geschichte macht bewusst, was für eine tolle Erfindung das war, mit der das Individuum seinen Aktionsradius sprunghaft erweitern konnte. Es muss ein lustiges Spektakel gewesen sein, als die Menschen plötzlich auf Hochrädern in den Städten und Parks unterwegs waren – bei Fußgängern aber schon genauso unbeliebt waren, wie die Radler es heute oftmals sind. Oder die Tandems, auf denen die Familie fortan gemeinsam einen Ausflug machen konnte, sie boten ein Gruppenerlebnis, das man heute bei der gemeinsamen Radtour nicht mehr hat.
Das Fahrrad ist also mehr als ein schnödes Fortbewegungsmittel. Während es für Menschen in armen Ländern mitunter überlebenswichtig ist, hat es sich in den reichen Konsumgesellschaften zu einem lukrativen Lifestyle-Produkt entwickelt. Ob maßgefertigte Rennräder oder High-End-Mountainbikes, Holzräder aus edlen Manufakturen, Vintage-Modelle oder minimalistische Stadträder – Fahrräder sind oft Ausdruck der eigenen Identität und kultisch aufgeladenes Designobjekt. Selbst das pragmatische Lastenrad verbreitet en passant eine gesellschaftspolitische Botschaft.
So staunt man auch in der Frankfurter Ausstellung, wie interessant aus technischer wie kulturgeschichtlicher Sicht ist, was man für selbstverständlich nimmt. Was macht das Fahrrad überhaupt aus? Die zwei Räder oder die Pedale? Die Kette oder der Rahmen? Die berühmte Laufmaschine, die Karl Drais 1817 erfand, hatte zumindest zwei Holzräder, aber man trat nicht in die Pedale, sondern schob sich mit den Füßen vorwärts.
Es wird anstrengend gewesen sein, das hölzerne Gefährt zu bewegen und mit dem Drehschemel zu lenken. Zwanzig Kilo wog die Laufmaschine – und doch war es ein grandioser Fortschritt, weil man die Pferdekutsche nun lässig überholen konnte. Trotzdem wurde Karl Drais, der in Mannheim als Erfinder tätig war, verspottet. „Verrückter Baron“ nannten die Leute ihn und sahen in seiner Laufmaschine nur ein „zweckloses lächerliches Ding“.
Das Bemerkenswerte am Rad ist, dass es völlig unabhängig ist von Bewegungsabläufen, die in der Tierwelt vorkommen. Und anders als beim Gehen oder Laufen, ist Radfahren eine Kulturtechnik, die recht mühsam erlernt werden muss. In der Frankfurter Ausstellung scheitern die meisten Besucher schon beim Versuch, auf ein Hochrad zu steigen, dessen Sattel gut 1,50 Meter hoch thront. Wer es schafft, darf nur im Stand in die Pedale treten, denn auf freier Strecke wäre das gefährlich. Fuhr man mit dem großen Rad über ein Hindernis, musste man schnell abspringen, um nicht kopfüber auf die Straße zu fliegen.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein regelrechter Wettbewerb unter den Konstrukteuren. Immer neue Techniken und Materialien wurden erprobt, große und kleine Räder eingesetzt und Ein- und Mehrsitzer produziert. Was heute als letzter Schrei gilt, ist älter, als man denkt: So bestand der Rahmen des „Old Hickery“, das 1897 in den USA produziert wurde, aus Walnuss, auch die Gabel und das Tretlagergehäuse wurden aus gebogenem Holz gebaut. In Klagenfurt brachte man dagegen zur gleichen Zeit ein Bambusrad heraus, dessen Handgriffe aus Kork besonders schön sind. Das ist ein Modell, das auch heute Furore machen würde.
In Deutschland wurden die Räder, wie man sie heute kennt, ab 1880 unter anderem von der Neckarsulmer Strickmaschen Fabrik, dem Vorläufer von NSU, produziert. Führend waren aber bald die Adlerwerke in Frankfurt-Offenbach. Ihr Gründer Heinrich Kleyer ging 1879 als Student nach Boston, wo er in der Fahrradfabrik Sturtevant arbeitete und so bei der Rückkehr allerhand Neuigkeiten nach Deutschland mitbrachte. Zunächst verkaufte er in seiner „Maschinen- und Velocipedhandlung“ amerikanische Hochräder, ließ aber schon bald vor Ort produzieren. Mit Erfolg. Im „Fahrsaal“ konnten die Kunden unter Anleitung von Instruktoren das Fahren lernen. Dass sich der Name „Adler“ alsbald verbreitete, lag auch am einprägsamen Slogan: „Radler, fahr Adler!“
Wem heute trotz gepolsterter Radlerhose der Hintern nach der Radtour wehtut, der schaut neidisch auf die verschiedenen Sattel in der Frankfurter Ausstellung. Sie boten vermutlich mehr Komfort als manch heutiges Modell. Es gab bewegliche oder auch zweigeteilte Sitzflächen, Sattel zum Aufpumpen oder aus geflochtenen Naturmaterialien.
Der Streifzug durch die Vergangenheit wartet mit vielen Varianten auf. Hier ein Klapprad, das 1940 fürs Militär entwickelt wurde, sich in zwei Teile zerlegen ließ und so robust war, dass man es mit dem Fallschirm abwerfen konnte. Not macht erfinderisch, weshalb man nach dem Krieg Räder aus ausgemusterten Flugzeugbauteilen baute.
Bis heute wird getüftelt und versucht, das Rad immer weiter zu optimieren. Man kann sich schon fragen, warum hier Entwicklungen stagnierten, während andere Maßstäbe setzten. So legten die Hesperus-Werke in Stuttgart 1919 ein Sesselrad auf, das keine klassische Tretkurbel mit Kette besaß, sondern mit einem Fußhebelantrieb ausgestattet war, der wie ein Stepper im Fitnessstudio funktioniert. Durchgesetzt hat sich das Patent nicht – im Gegensatz zur Gangschaltung. Als Adler 1934 ein Rad mit 3-Gang-Wechselgetriebe herausbrachte, markierte das den Beginn einer neuen Ära.
Manches war wohl einfach zu kurios, um sich durchzusetzen. Der Rahmen aus achteckigem Aluminium mag ja noch angehen, aber das „Hercules Cavallo“ von 1978 war doch gewöhnungsbedürftig: Man setzte es nicht mit Pedalen in Bewegung, sondern durch die Körperbewegung. Während man mit den Händen quasi ruderte, vollführte der Körper eine schaukelnde Bewegung, die ans Reiten erinnert. Nachdem „Cavallo“ unter anderem im „Aktuellen Sportstudio“ vorgestellt wurde, kannte es so ziemlich jeder in Westdeutschland. Kaufen wollte es dagegen kaum jemand.
Sicher ist, die Entwicklung des Fahrrads wird weitergehen. Aber vermutlich wird die Zukunft eher motorisiert sein. Oder werden wir schon bald alle auf Rädern wie dem „New01 bike“ in die Zukunft radeln? Das 2022 entwickelte Rad mit dem eigenwillig geformten, milchigen Rahmen aus Polycarbonat ist individuell konfigurierbar, lässt sich zu hundert Prozent recyceln – und kommt direkt aus dem 3-D-Drucker.
Ausstellung „Der eigene Antrieb. Feine Fahrräder“ bis 14. September im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr