Geschichte des Torpedos Der „stählerne Fisch“

Ladevorgang an Bord eines englischen U-Boots 1939 Foto: Imago// Archives International

Robert Whitehead, ein englischer Ingenieur in österreichischen Diensten, machte aus dem Torpedo die Angriffswaffe, die wir heute kennen. Der Erfinder wollte damit dem Frieden dienen – und schuf ein Instrument des Grauens, das Tausende das Leben kostete.

Mailand - Es gibt Erfindungen, die genau das Gegenteil von dem erreichen, was ihre geistigen Väter bezwecken wollten. Eine davon war die des Torpedos, jener Waffe, die ihr Ziel lautlos und für den Feind unsichtbar selbstständig ansteuert und vernichtet. Was die Seekriegsführung revolutionierte, war nicht im Sinne des Erfinders. Robert Whitehead wollte mit seinem 1866 entwickelten „Fischtorpedo“ „den zukünftigen Seekrieg verhindern“, schuf aber ein „Gerät des Teufels“, wie der Historiker Edwyn Gray die Erfindung des britischen Ingenieurs bezeichnete.

 

1823 in Bolton-le-Moors nahe Manchester geboren, wuchs Whitehead in einer Zeit auf, als in England die Industrialisierung in vollem Gange war. Maschinen faszinierten ihn von früher Jugend an, und die Neigung zu technischen Dingen wurde von seinem Umfeld gefördert.

Englische Ingenieure sind in Europa gefragt

Mit 16 begann er eine Lehre in einer mechanischen Werkstatt in Manchester, in der ein Onkel von ihm Betriebsdirektor war. Abends studierte er Maschinenbau, Mechanik und Konstruktionszeichnen. 1846 war seine Ausbildung abgeschlossen. Inzwischen hatte die Industrialisierung auch das europäische Festland erreicht, und englische Ingenieure waren dort sehr begehrt.

Auch Whitehead arbeitete zunächst in Marseille, später in Mailand, wo er eine Reihe von Verbesserungen für Seidenwebmaschinen erfand, die er alle in Wien – Mailand gehörte damals noch zu Österreich – als Patent anmeldete. Die Lizenzgebühren versprachen guten Gewinn.

Plötzlich mitten in der Revolution

Doch urplötzlich sah sich Whitehead, ein Gegner aller Unordnung und Gewalt, inmitten einer Revolution. Am 18. März 1848 zündete, wie überall in Europa, auch in Mailand der liberale Funke. Als dessen Bewohner die österreichische Garnison vertrieben, hielt Whitehead einen Verbleib in der unruhigen Stadt für sinnlos, zumal die provisorische Mailänder Regierung alle in Wien angemeldeten Patente für null und nichtig erklärte. Seine wirtschaftliche Zukunft war infrage gestellt.

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Es war die Zeit, als man in Wien der Marine größeres Augenmerk zu schenken begann. Neue Schiffstypen mussten entwickelt werden. Whitehead, inzwischen technischer Direktor bei „Stabilimento Strudthoff“, der führenden Schiffsmaschinenfirma an der Adria, entwickelte in diesen Jahren Dampfmaschinen. Er baute 1854 einen Schraubenantrieb und zwei Jahre später den ersten zylindrischen Schiffsdampfkessel.

Österreichs Marine setzt auf Rammstöße

1856 wechselte Whitehead zur „Stabilimento Tecnico Fiumano“ (STF), die für ihr neues Werk in Fiume, heute Rijeka, einen Betriebsdirektor suchte. Das Werk florierte, dank Finanzspritzen vom Kaiserlichen Marineamt. Der wichtigste Auftrag war der Bau von Maschinen für die neue Panzerfregatte „Erzherzog Ferdinand Max“, die mit zu Österreichs Erfolg in der Seeschlacht von Lissa (1866) beitrug. Diese war mit Rammstößen entschieden worden.

Die meisten Kriegsschiffe waren damals mit Rammbugs ausgestattet, die als wirkungsvolle Waffe galten. Doch zu dieser Zeit war Whitehead schon mit der Idee zu einer Waffe beschäftigt, die den Krieg zur See revolutionieren sollte.

Den Anfang macht ein Kapitän

Inspiriert wurde er von dem pensionierten Fregattenkapitän Giovanni de Luppis. Der hatte auf der Suche nach einem Mittel zur Verteidigung der Küsten vor Seeangriffen das Modell des Salvacoste („Küstenretter“) entwickelt, ein mit Sprengstoff gefülltes und von einem Propeller angetriebenes Überwasserboot, das über Perkussionszünder beim Auflaufen auf sein Ziel zur Explosion gebracht werden sollte. Doch die Angriffswaffe erwies sich als viel zu langsam: Schon der Stoß eines Bootshakens genügte, um sie vom Ziel abzulenken.

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Die Idee jedoch, eine schwimmende Waffe mit Eigenantrieb zu entwickeln, ließ Whitehead keine Ruhe. Davon ausgehend, dass man ein Schiff unter der Wasserlinie treffen müsse, um es zum Sinken zu bringen, kam er zu dem Schluss, es brauche eine Waffe, die während des Angriffs getaucht läuft, unsichtbar für die Besatzung des Ziels.

1866 war der Prototyp fertig. Der delfinförmige, 3,50 Meter lange „Fischtorpedo“ mit scharfer Sprengnase hatte eine Reichweite von nahezu 200 Metern bei sechs Knoten Geschwindigkeit. Angetrieben wurde er durch einen von Whitehead entwickelten Pressluftmotor. Das eigentliche Problem offenbarte sich bei den Testläufen: Der Torpedo konnte keine konstante Tiefe halten.

Whiteheads Erfindung wird zum Erfolgsmodell

Nach monatelangem Tüfteln fand Whitehead 1868 eine Lösung für das Problem, indem er den Torpedo mit einer Auftriebskammer ausstattete. In ihr presste der Wasserdruck eine Gummischeibe über eine Spiralfeder auf einen einstellbaren Widerstand. Das hält den Torpedo auf Kurs – ein Prinzip, das man bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beibehielt. Schon die Versuche von 1868 zeigten eine Abweichung von nur noch 15 Zentimetern. Die österreichische Marine war begeistert, von der Treffsicherheit wie von der Sprengkraft.

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Bald zeigten auch andere Staaten Interesse. Whitehead, der 1872 die vom Bankrott bedrohte „STF“ aufkaufte, konnte sich vor Aufträgen kaum retten. England erwarb 1871 eine Lizenz, gefolgt von Frankreich (1873) und dem Deutschen Reich (1875). 1875 entwickelte Whitehead ein Modell, das ein dreizylindriger Sternmotor antrieb, ab 1895 wurden die Torpedos mit einem von Ludwig Obry gefertigten Gyroskop bestückt, ein Navigationsinstrument, das die Abweichung von der Ziellinie bei einer sieben Kilometer langen Strecke auf ein halbes Grad senkt.

Ein tödlicher Irrtum

Dem schwedischen Rüstungskönig Thorsten Nordenfelt blieb es vorbehalten, den Whitehead-Torpedo dort zu platzieren, wo er noch heute den größten Schaden anrichtet: als Hauptangriffsmittel eines U-Boots. Whitehead, der am 4. November 1905 reich und hochgeehrt starb, hatte geglaubt, seine Erfindung werde abschrecken und deshalb dem Frieden dienen – ein Irrtum, wie sich bald herausstellte.

Neun Jahre später begann der Erste Weltkrieg, in dem allein deutsche U-Boote fast zwölf Millionen Bruttoregistertonnen Schiffsraum versenkten. Wie viele Menschen seither durch diese Waffe den Tod gefunden haben, weiß keiner so genau.

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