Von Zeit zu Zeit: Stuttgarter Markthalle Ein kühner Entwurf

Von Thomas Borgmann 

Vor hundert Jahren öffnete feierlich die neue „Nahrungsmittelbörse“ in Stuttgart. Im Zweiten Weltkrieg ziemlich zerstört, in den Siebzigern fast abgerissen, hat die Markthalle die Zeitläufte doch überdauert. Ein Rückblick samt Bildern aus der StZ-Geschichtswerkstatt.

Die Markthalle Anfang 1952: Damals war der provisorische Wiederaufbau, mit dem man sechs Jahre zuvor begonnen hatte, so gut wie abgeschlossen. Die ganze Geschichte des Feinschmecker-Paradieses dokumentieren wir in der folgenden Fotostrecke. Foto: StZ-Archiv 12 Bilder
Die Markthalle Anfang 1952: Damals war der provisorische Wiederaufbau, mit dem man sechs Jahre zuvor begonnen hatte, so gut wie abgeschlossen. Die ganze Geschichte des Feinschmecker-Paradieses dokumentieren wir in der folgenden Fotostrecke. Foto: StZ-Archiv

Stuttgart - Als Karl Lautenschlager am 31. Januar 1914 bei der Eröffnung der neuen Markthalle ans Rednerpult tritt, wird er plötzlich sentimental: „Wieder ist ein Stück Alt-Stuttgart dahin: das Marktleben mit seinem malerischen Reiz, seinen oft etwas derben, aber doch bodenständigen Äußerungen des Volksgemüts.“ Die Eröffnung des monumentalen Gebäudes mit seiner 18 Meter hohen Stahlkonstruktion unter dem atemberaubenden Glasdach hat sich dem Stadtoberhaupt auf das Gemüt gelegt. 1,8 Millionen Reichsmark kostet dieser stattliche Neubau, ist zeitgerecht fertig geworden und innerhalb des Voranschlags geblieben. In den Annalen ist das ausdrücklich vermerkt.

Die StZ-Geschichtswerkstatt Foto: StZ
Von nun an gilt an der Dorotheenstraße diese ungewohnt strenge Hausordnung: „Das Ausspucken auf den Boden ist verboten, ebenso jedes Schreien, Lärmen, Singen, Pfeifen, Musizieren sowie sonstige Ruhestörung.“ Strikt untersagt ist zudem „das laute Ausrufen von Waren sowie das zweckfreie Herumtreiben von Personen“. Nicht von ungefähr hat man die zu klein geratene Markthalle von 1864 abgerissen und eine „Nahrungsmittelbörse“, so ihr offizieller Titel, an ihre Stelle gesetzt. 425 Händler finden darin, dicht gedrängt, Platz für sich und ihre Angebote. Nicht mehr die direkten Erzeuger der vielfältigsten Waren kommen dreimal die Woche in die Markthalle und unter ihre Arkaden im Freien, künftig darf an sechs Wochentagen verkauft werden, was die hauptberuflichen Händler bei ihren bodenständigen Erzeugern und gewitzten Lieferanten beschaffen können.

Am Ende seiner Rede vor den Honoratioren, an der Spitze Herzog Albrecht von Württemberg als Vertreter des Königs, fängt sich das Stadtoberhaupt Lautenschlager wieder, dankt dem benachbarten Haus Breuninger und diversen Bürgern für ihre Spenden und König Wilhelm II. für die rege Anteilnahme an der glückhaften Entwicklung seiner Residenz. Angesichts der Musik und der Fahnen, der erhabenen Stunde und all dieser schönen Worte kann der Chronist des „Stuttgarter Neuen Tagblatts“ nicht mehr an sich halten. Er schreibt in seinem Bericht, der am 2. Februar 1914 erscheint: „Mit unerwartet starker Echowirkung erklang das ,Hoch!‘ der Versammlung auf den König.“

Vorbild waren die weltberühmten „Les Halles“ in Paris

Eine kurze Rückblende. Wilhelm I. von Württemberg ist es, der 1863, knapp fünfzig Jahre zuvor, den Auftrag erteilt, zwischen Rathaus und Altem Schloss eine Markthalle zu errichten, natürlich nach dem Vorbild der weltberühmten „Les Halles“ in Paris. Wenn schon, denn schon. Die schwäbische Variante gerät zwar einige Nummern kleiner als die an der Seine, hat aber immerhin vierzig mal vierzig Meter Grundfläche, obendrüber ein gläsernes Dach. Und wichtig für die Stadtväter: der König bezahlt den Bau aus seiner privaten Schatulle. Es ist sein letztes Geschenk an Stuttgart, denn Wilhelm I. stirbt 1864, er erlebt die Eröffnung nicht mehr.

Mit dem Wachsen der Großstadt – zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Stuttgart an die 170 000 Einwohner – taugt diese Markthalle nicht mehr, Schwitzwasser löst heftige Korrosion aus, der Stadtrat sinnt auf Abhilfe. Die Debatte zieht sich bis 1910, dann wird ein Architektenwettbewerb ausgelobt: 77 Entwürfe gehen ein, die Idee mit der Nummer 64 gewinnt den ersten Preis, 5000 Reichsmark. Der blutjunge Stuttgarter Architekt Martin Elsässer, erst 26 Jahre alt, ein Schüler des renommierten Theodor Fischer (Siegle-Haus, Kunstgebäude) feiert seinen ersten Prestigeerfolg. Das Urteil der Jury: „Bei klarer zweckmäßiger Gestaltung der Grundrisse zeigt dieser Entwurf im Äußeren eine ungewöhnlich vornehme und monumentale Haltung, welche den Zweck des Gebäudes in vortrefflicher Weise zum Ausdruck bringt.“ Elsässers Erfolg wiegt doppelt, denn der prominente Paul Bonatz muss sich mit Platz zwei und 3000 Reichsmark begnügen.

Auch Martin Elsässer tritt an jenem denkwürdigen Samstag vor hundert Jahren ans Rednerpult, um sich feiern zu lassen und seinen kühnen Entwurf zu erläutern: „Ich möchte einen neuen Typus schaffen, der zwischen Lagerspeicher und Warenhaus die Mitte hält.“ Sein Bau soll „der Stadt zur Ehre gereichen und für spätere Zeiten ein Denkmal unserer Zeit und unserer Arbeit sein“. In jenen Januartagen ist es bitterkalt, viele der Eröffnungsgäste tragen frostrote Nasen, dennoch herrscht Aufbruchstimmung. Das „Neue Tagblatt“ berichtet am Montag, 2. Februar, nicht nur von der Eröffnung der Markthalle, sondern auch heiter bis euphorisch von der Jungfernfahrt mit der „Elektrischen“ nach Botnang. Keiner ahnt, dass der Frieden bröckelt, sich ein Krieg zusammenbraut, der am 6. August im Hof der Rotebühlkaserne beginnt, wo Wilhelm II. seine Truppen verabschiedet, wieder unter dreimal „Hoch!“

Über den reinen Marktbetrieb der nächsten zwanzig Jahre findet man kaum etwas Habhaftes in den Annalen. Das ändert sich schlagartig in der Nazizeit. Schon im September des Jahres 1933 richtet die Stadt unter ihrem neuen Oberbürgermeister Karl Strölin – Lautenschlager hat man abserviert – im Bürotrakt der Markthalle eine „Beratungsstelle für Luftschutzbauten“ ein. Wenig später drangsalieren die Nazis jüdische Händler, drängen sie rabiat hinaus. In den schwierigen Kriegsjahren murren die Bürger, weil man an einigen Marktständen Waren vom allgemeinen Verkauf zurückhält, um sie „bestimmter Kundschaft“ zuzuschanzen, nämlich den Frauen örtlicher Nazigrößen.

Im Sommer und im Herbst 1944 wird die Markthalle bei drei Luftangriffen schwer getroffen, nur die Außenwände und kleine Teile des Hauses bleiben noch stehen. Die Innenstadt ist zu mehr als achtzig Prozent ein Trümmerfeld. Im Jahr 1946 beginnt dann der provisorische Wiederaufbau der Markthalle, er zieht sich hin bis 1953. Vom Abriss redet niemand, die Versorgung der Menschen hat Vorrang.

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