Geschichte einer Lokomotive Die kleine Schwarze

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Die T3-930 wurde 1905 in Heilbronn gebaut. In den 60er Jahren wurde sie ausgemustert. Jetzt ist die Lok frisch restauriert und steht wieder unter Dampf.

109 Jahre alt und frisch restauriert: die T3 Foto: Joachim Lenk
109 Jahre alt und frisch restauriert: die T3 Foto: Joachim Lenk

Münsingen - Versonnen schaut Bernd-Matthias Weckler hoch zu der Dampflok. Dieser Anblick bewegt das Herz eines jeden Eisenbahnfreunds. Stolz steht sie da in einem Münsinger Schuppen: die T3-930, eine kleine Tenderlokomotive. Die einzige fahrbereite Lok der Königlich-Württembergischen Staatseisenbahn (K.W.St.E.). Knapp fünf Jahrzehnte verbrachte sie auf diversen Abstellgleisen. Jetzt ist sie wieder wie neu. Aber Weckler sagt: „Ich bin noch nicht ganz warm geworden mit ihr, sie packt mich emotional noch nicht so.“ Weckler, Vorsitzender des Vereins Schwäbische Alb-Bahn, der die Linie Schelklingen– Kleinengstingen als Kulturdenkmal erhalten will, hatte die Hoffnung fast aufgegeben, dass die Lok je wieder fährt. Vielleicht ein Grund für seine Zurückhaltung.

Die T3-930 verdankt vielen Menschen ihre Rettung – vor allem aber Thomas Kirchner. Er war es, der die Aufarbeitung auf den Weg brachte. Mit Bernd-Matthias Weckler verband ihn eine tiefe Freundschaft. Beide hatten sich zum Ziel gesetzt, bis 1995 – also zum 150-Jahr-Jubiläum der K.W.St.E. – mit der kleinen Lok einen echten Württemberger Zug zurück auf die Schiene zu bringen. Es sollte fast zwei Jahrzehnte länger dauern, bis immerhin die Lokomotive fährt. Aber weiter hinten in dem Münsinger Lokschuppen arbeiten Bahnfreunde gerade auch an einem originalen Württemberger Waggon. Dem schon recht ansehnlichen Aufbau fehlen noch die Fensterscheiben. Sie sollen eingesetzt werden, sobald der Wagen auf dem richtigen Fahrgestell sitzt.

„Fast alle der 865 Dampflokomotiven der K.W.St.E. wurden verschrottet, von den großen Loks blieb nicht einmal ein Radsatz übrig“, sagt Werner Willhaus. Andernorts, in Bayern oder in Baden, sei man heute so stolz auf die immer noch vorzeigbaren eigenen Exemplare. In Württemberg aber sei praktisch nichts mehr übrig geblieben. Der 65-Jährige führt den Gast durch die Räume seines Reihenhauses in Stammheim. Sie werden beherrscht von Dampfloks im H0-Maßstab und von Aktenordnern, gefüllt mit Material zur Geschichte historischer Züge. „So sieht es bei einem Eisenbahnverrückten aus“, sagt er schmunzelnd. Neben der Eingangstür hängt ein Foto: Werner Willhaus als Heizer in einer alten Lok.

Jede Menge Fachliteratur

Mehr als ein Dutzend Bücher hat der Ingenieur über Dampflokomotiven verfasst. Eines mit dem Titel „Die Baureihe 89.3-4 – die Württembergische T3“. Alle 114 gebauten Lokomotiven sind darin einzeln aufgelistet – auch die 930. Sie wurde am 21. Februar 1905 von der Maschinen-Gesellschaft Heilbronn an die K.W.St.E. ausgeliefert. Preis: 32 500 Reichsmark. Zwischen 1891 und 1913 haben die Maschinenbaufabrik Emil Kessler in Esslingen und die Maschinen-Gesellschaft Heilbronn im Auftrag des Königs Lokomotiven der Baureihe produziert. In Heilbronn waren bis dahin vorwiegend Feldbahnloks entstanden. Weil es dort keinen eigenen Schienenanschluss gab, mussten die rund 36 Tonnen schweren T3-Maschinen auf einen hartgummibereiften Anhänger gesetzt und von einem Dampftraktor zum Bahnhof gezogen werden.

Die 930 wurde noch im gleichen Jahr der Maschineninspektion Ulm zugeteilt. Dort zog sie kleinere Gütertransporte nach Blaubeuren und Schelklingen oder half bei den Rangierarbeiten im Ulmer Bahnhof. Gut möglich, dass sie auch Personenwaggons auf die Alb nach Münsingen oder Kleinengstingen gezogen hat. Viele dürften es nicht gewesen sein, dazu war die Lokomotive mit ihren 330 PS nicht kräftig genug. Beschaulich war die Reise auch, denn die Höchstgeschwindigkeit lag bei 45 Stundenkilometern. Und alle 30 Kilometer musste der Wasservorrat von 5,3 Kubikmetern aufgefüllt werden. Kein Problem damals, alle Bahnhöfe hatten Wasserkräne, die die Tanks der Loks mit großem Druck in wenigen Minuten auffüllten. Der Kohlevorrat von 1,3 Tonnen reichte über diesen 30-Kilometer-Radius hinaus.

1920 ging die K.W.St.E. in der Reichsbahn auf, die 930 erhielt für ihren weiteren Lebenslauf die Nummer 89 363. Und weil Eisenbahner äußerst gründliche Menschen sind, konnte Werner Willhaus auch noch nach Jahrzehnten die Betriebsbücher einsehen. „Bis zum 31. August 1931 hat diese Lokomotive 757 000 Kilometer zurückgelegt“, sagt er.