Geschichtsdoku über Rastatter NS-Prozesse Große und kleine Nazis vor Gericht

Inzwischen frei für die Forschung: Die Akten der Rastatter Prozesse 1946 bis 1954 Foto: SWR
Inzwischen frei für die Forschung: Die Akten der Rastatter Prozesse 1946 bis 1954 Foto: SWR

Nicht nur in Nürnberg, auch in Rastatt standen nach Ende des Zweiten Weltkriegs große und kleine Nazis vor Gericht. Die Archive waren jahrzehntelang für die Öffentlichkeit gesperrt. Nun schaut eine SWR-Doku erstmals in die Akten.

Kultur: Tim Schleider (schl)
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Stuttgart - Göring, Hess, Keitel, Ribbentrop, von Schirach vor Gericht – die Aufnahmen vom Nürnberger Prozess gegen die noch lebende NS-Führungsriege von Ende 1945 gehören längst zu den Schlüsselbildern des 20. Jahrhunderts. Erstmals versuchten die Gewinner eines Völkerkrieges, die Verursacher weltweiter Gräuel vor ein öffentliches Gericht zu stellen – nicht als Akt einer Siegerjustiz oder eines Schnellverfahrens, sondern nach den Prinzipien internationalen Rechts und eines fairen Verfahrens.

Doch nicht nur in Nürnberg wurde gegen NS-Täter verhandelt, auch in Rastatt. Zwischen 1946 und 1954 fanden im Rastatter Schloss insgesamt 235 große und kleine Verfahren statt, durchgeführt vom Tribunal général der Militärverwaltung der französischen Besatzungszone. Im prachtvollen Ahnensaal standen im Lauf der Jahre mehr als 2000 Angeklagte vor Gericht. Prinzipiell konnte jedes Nazi-Verbrechen verhandelt werden, das bis zur Kapitulation an einem Ort innerhalb der französischen Besatzungszone begangen worden war, also auf dem Terrain der heutigen Bundesländer Saarland und Rheinland-Pfalz sowie großen Teilen Baden-Württembergs. Immerhin 105 Todesurteile wurden hier gesprochen; 62 von ihnen auch vollstreckt.

Die Sperrfrist wurde vorzeitig aufgehoben

Die Rastatter Prozesse waren öffentlich, Zeitungen und Rundfunk berichteten ausführlich. Dass die Verfahren im Gegensatz zu den Nürnberger oder auch den Dachauer Prozessen dennoch fast ganz in Vergessenheit gerieten, lag vor allem an einer hundertjährigen Sperrfrist, denen nach französischem Recht alle Akten von Militärprozessen unterliegen. Diese Sperrfrist wurde vor einigen Jahren vorzeitig aufgehoben. Seitdem sichten deutsche und französische Historiker das umfangreiche Material. Der SWR-Dokumentarfilm „Kriegsverbrecher vor Gericht“ ist nun der erste Versuch, die dramatischen Geschehnisse im Südwesten einem größeren Publikum neu bewusst zu machen.

In Rastatt gingen die Ankläger davon aus, dass sich nicht nur die Befehlsgeber des NS-Terrors zu verantworten hatten, sondern auch Beihelfer und Ausführende. So mussten sich nicht nur SS- und Gestapo-Führer hier verantworten, sondern auch Wach- und Hilfspersonal der zahlreichen großen und kleinen Konzentrationslager. Die Autorin und Regisseurin Judith Voelker hat aus der großen Zahl an Verfahren einige ausgewählt, die zeigen sollen, dass es den Franzosen keineswegs um die Unterstellung einer Kollektivschuld ging, sondern in jedem Einzelfall um individuelle nachzuweisende Schuld.

Die Filmmusik nervt

Die Collagetechnik aus Spielszenen, dokumentarischer Aufnahmen und Interviews mit Experten ist im deutschen Fernsehen ja inzwischen der Standard, wenn es um die Darstellung historischer Stoffe geht. Voelker stellt in den Mittelpunkt der Spielhandlung den französischen Staatsanwalt Joseph Granier und die junge deutsche Pflichtverteidigerin Helga Kloninger. Ob die zum Teil recht simpel gestrickten Konversationen dem heutigen Zuschauer wirklich den Zugang zu früheren Zeiten erleichtern, sei mal dahingestellt. Ärgerlich ist in jedem Fall die aufdringlich-dräuende Filmmusik, die beinahe jede Szene effektheischend untermalt.

Eines aber macht der Film deutlich: so wie Nürnberg markieren auch die Rastatter Prozesse den Beginn eines Weges, der Verbrechen an der Menschlichkeit, egal, wo sie geschehen, vor Gericht bringen kann. Mit diesem Risiko müssen alle Schlächter dieser Welt seitdem leben.

Arte, Dienstag, 20.15; und in der Mediathek.




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