InterviewGeschlecht und Evolution „Es wird versucht, alles gleichzumachen“

Von Richard Friebe 

Der Evolutionsbiologe Axel Meyer von der Uni Konstanz hadert mit der Gender-Forschung: Sie gehe aus ideologischen Gründen über biologische Unterschiede hinweg. Im StZ-Interview erklärt er, was typisch männlich und typisch weiblich ist.

Der Biologe Axel Meyer von der Universität Konstanz auf Tour Foto: privat
Der Biologe Axel Meyer von der Universität Konstanz auf Tour Foto: privat
Stuttgart - Die alte Frage nach dem Unterschied zwischen Mann und Frau wird auch in der Wissenschaft ausgetragen. In einem neuen Buch wendet sich der Evolutionsbiologe Axel Meyer von der Universität Konstanz gegen die Gender-Forschung und stellt dies als einen Konflikt zwischen Natur- und Geisteswissenschaften dar. Im StZ-Gespräch erklärt er seine Sicht der Dinge zur Rolle der Gene und zur Bedeutung von Fakten.
Professor Meyer, Sie arbeiten normalerweise mit Gen-Sequenziermaschinen und stellen Stammbäume von Tiergruppen auf. Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben, in dem es vor allem um Männer und Frauen geht – und die Ihrer Meinung nach nicht gerade kleinen Unterschiede zwischen ihnen. Wieso das?
Ich bin Evolutionsbiologe, und die Evolution hat diese Unterschiede hervorgebracht. Wir werden mit ihnen geboren, schon im Mutterleib gibt es sie. Männliche Föten etwa sind fordernder, weshalb sie, wenn sie geboren werden, im Durchschnitt schwerer sind als Mädchen. Aber der eigentliche Grund, das Buch zu schreiben, war, dass viele, auch im akademischen Bereich, das eben ganz anders sehen.
Sie meinen die Gender-Forscher.
Beziehungsweise -Forscherinnen, denn 95 Prozent sind hier weiblich. Sie meinen, wir würden jenseits des Organischen vollkommen gleich geboren. Und nur die Gesellschaft presst Menschen mit Vagina oder Penis dann in ihre jeweiligen Rollen. Biologen wie ich, die in Experimenten zeigen, dass Geschlechtsunterschiede auch in Verhaltens- und Denkaspekten angeboren, genetisch mitbestimmt sind, sind für die Gender-Forschung ein Feindbild.
Wenn man Sie reden hört, kann man denken, das ist andersherum auch so.
Eigentlich nicht. Die meisten Biologen wissen gar nichts davon. Bevor ich ein Jahr am Wissenschaftskolleg in Berlin war und da auch eng mit Geisteswissenschaftlern zu tun bekam, ging mir das ähnlich.
Das klingt nach wissenschaftlichen Paralleluniversen, die dasselbe Thema bearbeiten.
Ja, und das war die Initialzündung für das Buch, das jetzt herausgekommen ist. Es geht genau darum, welchen Einfluss die Gene auf das Leben – und speziell bezüglich der Unterschiede zwischen Mann und Frau – haben. Und da geht es um wissenschaftliche Evidenz, um Studien, um statistisch abgesicherte Daten. Und eben nicht um geisteswissenschaftliche Interpretation, nicht um Philosophie, nicht um Ideologie.
Die streng biologische Interpretation der conditio humana gilt aber selbst als ideologisch, als „biologistisch“. Und sie vermittelt auch einen Determinismus, der mit unserem Freiheitsbegriff und oft auch unserer Erfahrung nicht zusammenpasst.
Ich behaupte ja nicht, dass alles genetisch vorbestimmt ist. Manches ist eher oder sogar ganz genetisch vorbestimmt, manches ist sehr umweltabhängig, kulturbedingt, das meiste speist sich aus beidem. Und Umwelt nimmt Einfluss auf Biologie. Die Epigenetik-Forschung zeigt sogar, dass Umwelt-Inputs beeinflussen, welche Gene aktiv werden, zum Teil sogar über Generationen. Wissenschaftler werden kritisiert, wenn sie sagen, dass die Verteilung der Intelligenz zu etwas mehr als 50 Prozent erblich determiniert ist. Aber das bedeutet doch auch, dass die anderen knapp 50 Prozent beeinflussbar sind, durch Ernährung und Bildung etwa, aber auch dadurch, dass man Menschen ihren genetisch bedingten Neigungen nachgehen lässt.
Was ist mit der Gleichstellung der Frau?
Die ist doch hierzulande weitestgehend erreicht, und es ist wichtig, das zu verteidigen. Aber die Aufsichtsratsquote – die ist Unsinn, sie ist selbst eine neue Form von Geschlechterdiskriminierung. Und sie schadet der Gesellschaft und der Wirtschaft. Wenn man konsequent wäre, müsste es dann ja auch eine Soldatinnen- oder Müllfrauenquote geben. Und wenn die Lebenserwartung von Frauen fünf oder sechs Jahre höher ist, wird auch nicht gefordert, dass Frauen um so viele Jahre länger arbeiten sollten, was ja nach konsequenter Gleichheitslogik eigentlich nur fair wäre.
Meinen Sie, dass Gleichheit und Diversität, zwei der Leitbegriffe der freien Welt, gar nicht zu vereinen sind?
Die Menschheit ist jedenfalls wunderbar divers, wie die ganze Natur. Und es wird mit ideologischem Impetus vollkommen übertrieben versucht, alles gleichzumachen. Eben auch das, was nicht gleich ist.
Martin Luther-King . . .
. . . meinte ja tatsächliche Konstrukte von Ungleichheit aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe. Ihm ging es um gleiche Rechte und die Universalität der Menschenwürde, welcher vernünftige Mensch würde dem widersprechen? Was ich kritisiere, sind Konstrukte von Gleichheit, wo sie schlicht nicht existiert.
Was ist denn typisch männlich und typisch weiblich?
Jungs spielen lieber mit Baggern, Mädchen eher mit Puppen, das ist sogar bei Menschenaffenbabys so. Männer können sich im Allgemeinen besser räumlich orientieren als Frauen, vielleicht ein Erbe der Zehntausenden Jahre, die sie Jäger waren. Aber es gibt auch Orientierungsgenies bei Frauen, nur eben etwas seltener. Die Nobelpreisträgerin Dorothy Hodgkin etwa, die die dreidimensionale Struktur von Molekülen erforschte, war vielleicht so eine. Sie war dann aber eben eher eine Ausnahme von der statistischen Regel.
Sie sprechen von statistischen Wahrscheinlichkeiten. Das finden die meisten Leute ziemlich abschreckend, unkonkret, abstrakt.
Gut. Die, die das so sehen, sollten sich klarmachen: Sie wären ohne Statistik wahrscheinlich längst tot, oder nie geboren worden. Ohne Statistik gäbe es zum Beispiel kein einziges modernes und einigermaßen sicheres Medikament, denn deren Wirkung wird in biomedizinischen klinischen Studien statistisch analysiert.
Aber statistische Wahrscheinlichkeiten bedeuten immer auch Unsicherheit. Zum Beispiel was Krankheitsgene angeht.
Teilweise werden aus solchen Wahrscheinlichkeiten gruselige Tatsachen. Ich selbst habe zum Beispiel mein Genom im Selbstversuch charakterisieren lassen. Da kam ein im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt mehr als dreifach erhöhtes Thromboserisiko heraus. Und raten Sie mal, weswegen ich, während ich an dem Buch schrieb, ins Krankenhaus musste?
Was bringt so ein Test dann?
Gentests sind zwiespältig, bei manchen Krankheitsgenen kann man bislang wenig machen, denen für Alzheimer etwa. Da sollte man sich vorher genau überlegen, ob man das Ergebnis wissen will. Bei Thrombose hat mir der Test aber vielleicht geholfen, schnell genug die Verdachtsdiagnose zu stellen und ins Krankenhaus zu fahren, und jetzt nehme ich Medikamente zur Vorbeugung. Angelina Jolie hat sich wegen ihres Krebsrisikos die Brüste, Eierstöcke und Eileiter entfernen lassen. Ohne dieses Wissen und ihre Konsequenz – und ohne die Möglichkeit, diese Tests und Eingriffe machen zu lassen, denn die hat ja ein Großteil der Weltbevölkerung gar nicht – wäre sie mit etwa 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit erkrankt.
Sollte es, sobald es technisch möglich ist, erlaubt werden, solche Gene schon im Embryo abzuschalten?
Da stehen uns tiefgreifende Diskussionen bevor. Ich habe keine abschließende Antwort. Aber wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es wahrscheinlich gemacht werden wird – wenn nicht bei uns, dann anderswo.
Zurück zu den beiden Paralleluniversen. Wie kann man eine Annäherung erreichen?
Durch Bildung und Kommunikation. Es wäre gut, wenn Studenten der Geisteswissenschaften Grundkurse in Genetik und Evolutionsbiologie besuchen würden, Naturwissenschaftler umgekehrt Wissenschaftsphilosophie oder Soziologie hören müssten. Als Naturwissenschaftler plädiere ich aber vor allem für eines: Orientiert euch an Daten, an Fakten, an Ergebnissen von gut gemachten Experimenten. Und nicht an Anekdoten, Einzelbeispielen und an denen, die am lautesten brüllen.