Geschwächte Patienten So gefährlich sind Pilzinfektionen bei Corona
Viele indische Covid-19-Patienten erkranken zusätzlich an einer oft tödlichen Pilzinfektion. Droht das auch hierzulande?
Viele indische Covid-19-Patienten erkranken zusätzlich an einer oft tödlichen Pilzinfektion. Droht das auch hierzulande?
Stuttgart - Stark abwehrgeschwächte Menschen, Diabetiker oder Covid-19-Patienten können ein leichtes Opfer für die schwarzen Fadenpilze sein, die die sogenannte Mukormykose verursachen. In Indien wurden bei Covid-19-Patienten häufig höher dosierte Kortisonpräparate eingesetzt. Kortison hat aber den ungünstigen Nebeneffekt, dass der Blutzuckerspiegel ansteigt und das Immunsystem unterdrückt wird. Wird der Pilz dann eingeatmet, frisst er sich zügig und unerkannt durch die Schleimhaut ins Lungengewebe oder die Nasennebenhöhlen und von dort weiter durch Knochen und Muskeln, Nerven und Blutgefäße. Mittlerweile grassiert der Pilz auch in Chile und Uruguay.
Müssen wir in Deutschland Angst vor dem Killerpilz haben? „Prinzipiell nein“, so die Antwort des Pilz-Experten Jörg Steinmann, Ärztlicher Leiter des Instituts für Klinikhygiene, Medizinische Mikrobiologie und Klinische Infektiologie am Klinikum Nürnberg. „Diese Pilze fühlen sich zum Glück in wärmeren Ländern, wie Indien und Chile, deutlich wohler als bei uns in Mitteleuropa. In Holland wurden bislang vier Patienten gezählt, bei uns dürfte die Zahl ähnlich niedrig liegen.“ Allerdings könnte die Zahl der Betroffenen auch etwas höher sein, weil der gefährliche Fadenpilz im Lungensekret nicht so einfach nachweisbar ist.
„Der Schimmelpilz Aspergillus fumigatus ist dagegen bei Covid-19 häufiger zu finden“, sagt Steinmann. Er gefährdet Patienten mit Lungenversagen, die auf der Intensivstation beatmet werden oder bei denen das venöse Blut außerhalb des Körpers in einer Maschine mit Sauerstoff angereichert wird, einer Art „externen Lunge“. Bei diesen Patienten funktioniert der Gasaustausch in den Lungenbläschen nicht mehr richtig. „Bei – je nach Studie – drei bis 30 Prozent dieser immungeschwächten Patienten legt sich dann die Schimmelpilzinfektion als zweite Entzündung noch obendrauf“, erklärt der Pilz-Experte.
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In größeren Zentren wurden deshalb Diagnostikstandards etabliert. Sie sehen vor, Intensivpatienten mit Risikopotenzial wöchentlich speziell auf eine Schimmelpilzinfektion zu testen. „Gängige Antipilzmittel sind gegen Aspergillus fumigatus in der Regel wirksam, allerdings gibt es auch Resistenzen bei Schimmelpilzen“, so Steinmann.
Hefepilze können für Covid-19-Intensivpatienten gefährlich werden, die einen Katheter in der Leiste haben oder an eine „externe Lunge“ angeschlossen sind. „Diese Patienten bekommen zusätzlich häufig niedrig dosiertes Kortison oder Antibiotika und bringen noch andere Risikofaktoren für Infektionen durch ihre Grunderkrankung mit“, sagt Steinmann. Hefepilze können durch die Darmwand ins Blut und bis in die Leiste gelangen. Dort bilden sie auf der Innenseite des Katheters eine hauchdünne Schleimschicht, Biofilm genannt, die ein exzellenter Schutz vor Antipilzmitteln ist. Es besteht dann das hohe Risiko einer Sepsis beziehungsweise Blutvergiftung. „Deshalb müssen bei Patienten mit Zeichen einer den ganzen Körper betreffenden Infektion Blutkulturen angelegt werden, um etwaige Hefepilze oder andere Erreger- frühzeitig - zu entdecken“, warnt Steinmann.