Geschwister bei Olympia 2022 Johannes und Coletta Rydzek teilen einen Traum
Der nordische Kombinierer Johannes Rydzek tritt in Peking zum vierten Mal bei Olympia an, seine Schwester Coletta, Langläuferin, ist das erste Mal dabei.
Der nordische Kombinierer Johannes Rydzek tritt in Peking zum vierten Mal bei Olympia an, seine Schwester Coletta, Langläuferin, ist das erste Mal dabei.
Zhangjiakou - Mögen die Umstände in China auch noch so skurril, seltsam und schmerzlich sein, Olympische Spiele bleiben etwas Außergewöhnliches. Für alle Athletinnen und Athleten, die teilnehmen. Aber ganz besonders für Coletta und Johannes Rydzek. Sie ist Langläuferin, er Kombinierer. Gemeinsam sind sie das einzige Geschwister-Paar in der deutschen Mannschaft. „Unsere Eindrücke und Erlebnisse in Zhangjiakou in der Familie teilen zu können ist unglaublich schön“, sagt Johannes Rydzek (30) „das wird sicher auch in der Blase möglich sein.“ Und wenn doch nicht? Kann Coletta Rydzek (24) immer noch die Wand in ihrer Unterkunft betrachten.
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Als das Langlaufteam vor gut einer Woche ins olympische Dorf einzog, entdeckte die Oberstdorferin schnell die Überraschung, die fleißige und kreative Geister aus dem Team D für sie vorbereitet hatten. In ihrem Zimmer hing ein Poster. Darauf zu sehen ist ihr Bruder bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang just in dem Moment, als er Gold im Einzel gewann. In seinem Gesicht spiegelt sich die pure Freude wider, seine Emotionen zeigen, welche Bedeutung ein olympischer Erfolg hat. Eine anschaulichere Motivationshilfe hätte sich kaum finden lassen. „Als Johannes 2010 in Vancouver erstmals bei Olympischen Spielen war, bin ich gerade zwölf Jahre alt gewesen“, sagt Coletta Rydzek, „er war immer mein größtes sportliches Vorbild. Ich bin megahappy, dass wir nun zusammen hier sind. Das ist der Optimalfall.“ Familiär. Sportlich darf ruhig noch etwas dazukommen.
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Coletta Rydzek startet an diesem Dienstag im Sprint (Qualifikation ab 9 Uhr/MEZ), qualifiziert hat sie sich Ende Dezember mit Platz sechs beim Auftakt der Tour de Ski in Lenzerheide. Es war ihr erster Einzug in ein Weltcup-Finale. „Ich habe mir schon zugetraut, es ins Olympiateam schaffen zu können“, sagt sie, „dass mir dies mit dem besten Ergebnis meiner Karriere gelingen würde, hat aber sogar mich selbst überrascht.“ Was nun in Zhangjiakou drin ist? Ist schwer vorherzusagen. „Wenn es taktisch wird, kann auf der neuen Strecke, die niemand kennt, viel passieren. Das Halbfinale ist möglich, vielleicht sogar das Finale. Ich traue ihr einiges zu, ohne sie unter Druck setzen zu wollen“, meint Bruder Johannes Rydzek, „ich hoffe für sie, dass die den olympischen Spirit aufnehmen und alles genießen kann.“ Wie das geht, weiß er allzu gut.
Rydzek ist einer der erfolgreichsten Kombinierer der Geschichte. Nur er gewann alle vier möglichen Titel bei einer WM (2017 in Lahti), zudem ist er Doppel-Olympiasieger (2018 in Pyeongchang) – und im Gegensatz zu seiner Schwester hat er durchaus Chancen, in Zhangjiakou erneut aufs Podium zu laufen. In der Staffel, aber nach den coronabedingten Ausfällen von Topfavorit Jarl Magnus Riiber (Norwegen) sowie den Teamkollegen Eric Frenzel und Terence Weber womöglich auch im Einzel-Wettbewerb von der Normalschanze an diesem Mittwoch (Springen 9 Uhr, 10-km-Lauf 12 Uhr/MEZ). Sollte es nicht klappen, stünde Coletta Rydzek bereit, um seelischen Beistand zu leisten. Am Blick auf ihren Bruder würde das aber, logisch, nichts verändern: „Eine Karriere hinzulegen, wie er es getan hat, das schaffen nur die wenigsten.“
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Diese gegenseitige Wertschätzung ist nicht aufgesetzt – die Rydzeks leben sie. Gedanklich sind sie sich immer nahe, und wann immer es geht, treffen sie sich auch. Zu Ski- und Bergtouren. Oder zum gemeinsamen Training. Es sind Momente, die nur ihnen beiden gehören, in denen sie Zeit haben, zu reden, zuzuhören, sich aufzubauen, zu motivieren, Tipps zu geben. „Wir leben dieselbe Passion“, sagt er. Und sie fügt hinzu: „Der Sport verbindet uns – auch deshalb haben wir ein sehr enges Verhältnis.“ Zu dem gehört, sich auch mal ausprobieren zu dürfen.
Kurz vor dem Abflug nach China, bei der letzten gemeinsamen Einheit, sind sie in der Loipe zu einem 100-Meter-Spurt gegeneinander angetreten. Auf den ersten Metern gelang es der gelernten Sprinterin, schneller Geschwindigkeit aufzunehmen, am Ende setzte sich der ausdauerndere Kombinierer dann aber doch noch durch. „Er ist halt auch kein ganz schlechter Läufer“, sagt Coletta Rydzek mit einem Lächeln, „insgesamt ist es natürlich ziemlich cool, einen familieninternen Trainingspartner zu haben.“
In den nächsten Tagen stehen nun aber erst einmal zwei Rennen im Fokus. Um die Gemeinsamkeiten wird es danach wieder gehen. Einen Plan haben die Rydzeks allerdings schon umgesetzt. Sie hatten sich vorgenommen, zusammen ein Foto zu schießen: Schwester und Bruder vor den olympischen Ringen. Als Andenken für ihre Eltern. Schließlich wäre es ohne sie nicht möglich gewesen, diese Winterspiele als einziges deutsches Geschwister-Paar zu erleben.