Geschwister und ihre Probleme Geliebtes Scheusal
Drei von vier Kindern in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf. Interessen, Charakterzüge und Ansichten sind oft unterschiedlich. Wie kann ein Miteinander dennoch gelingen?
Drei von vier Kindern in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf. Interessen, Charakterzüge und Ansichten sind oft unterschiedlich. Wie kann ein Miteinander dennoch gelingen?
Stuttgart - Die Frau rief in einer Radiosendung an, in der Jürg Frick erklärte, warum die Beziehung zu Geschwistern so komplex sei – und daher oft verfahren. „Sie erzählte, dass sie sich mit ihrer jüngeren Schwester noch nie verstanden hätte“, schildert der Schweizer Entwicklungspsychologe. In den Vierzigern, so die Anruferin, sei sie schwer krank geworden und brauchte eine neue Niere. Umso überraschter sei sie gewesen, als die Schwester, die sie stets für dumm und oberflächlich gehalten habe, bei ihr anrief und sagte: Ich gebe dir meine Niere. Seitdem feiern sie jedes Jahr gemeinsam den Wendepunkt ihrer Beziehung wie einen Festtag.
Für Jürg Frick verdeutlicht dieses Beispiel, dass unter Geschwistern alles möglich ist: „Es ist ein Spannungsfeld von Nähe und Abgrenzung, von Zuneigung und Rivalität“, sagt der Psychologieprofessor aus Zürich. Mal überwiege das eine Gefühl, mal das Gegenteil.
Mit niemand anderem ist der Mensch so lange verbunden wie mit seinen Geschwistern. Drei von vier Kindern in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf – die oftmals Begleiter bis ins hohe Alter sind. Und trotz des biologischen Erbes und der familiären Herkunft können ihre Interessen, Charakterzüge und Ansichten oft unterschiedlicher nicht sein. „Das liegt daran, dass die Kinder zwar in der gleichen Familie aufwachsen, aber dort nicht dieselben Erfahrungen machen“, erläutert Frick.
Darüber entscheidet unter anderem schon die Reihenfolge, nach der Kinder auf die Welt kommen. So haben Jüngere mindestens ein Kind vor sich, das bestimmte Fähigkeiten und seine Rolle in der Familie eingenommen hat. Auch reagieren Eltern nicht gleich auf ihre Kinder: Sie haben diverse Erwartungen, die ihre Töchter und Söhne auf unterschiedliche Weise zu erfüllen versuchen: „Ist die Schwester tüchtig und zuverlässig, versucht das Geschwister durch andere Eigenschaften die Eltern zu beeindrucken“, so Frick. Experten nennen dies „De-Identifikation“.
Eltern können diese Tendenzen noch verstärken – etwa, wenn sie glauben, sich selbst in ihren Kindern wiederzufinden. Das weckt unterschiedlich starke Sympathien und führt unbewusst häufig zu Bevorzugungen, wie Studien insbesondere in den USA und jüngst auch hierzulande gezeigt haben. „Und das spüren Kinder mit ihren feinen Antennen schnell“, sagt Frick.
Insbesondere im Kindesalter kennen sich Geschwister genau, wissen um ihre Stärken und Schwächen. Konflikte werden öfter ausgetragen als in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen: „Geschwister streiten sich häufiger und heftiger, als es beispielsweise zwischen Freunden der Fall ist“, sagt Susanne Witte vom Deutschen Jugendinstitut in München. Denn während Kinder mit Freunden brechen können, müssen sie Streitereien mit Brüdern und Schwestern aushalten. Andererseits führt dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht selten dazu, dass sich Geschwister vor allem in Notlagen unterstützen. Etwa bei Umzügen, bei Krankheiten oder der Betreuung der Kinder.
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Häufig wird in der Wissenschaft der Vergleich mit einer U-Kurve herangezogen – mit einer engen Beziehung in der Kindheit, die sich im Erwachsenenalter etwas auflöst, um sich im Alter wieder anzunähern. Dem Zürcher Psychologieprofessor Frick ist das zu pauschal. „Das Grundproblem bei der Geschwisterforschung besteht darin, dass man viel zu sehr nur quantitative Studien macht und so viele individuelle Varianten übersieht.“ Aus der Praxis kennt er Geschwister, die sich in der Kindheit nicht ausstehen konnten, aber im Erwachsenenalter harmonieren und umgekehrt. „Man darf den Einfluss des Lebens nicht unterschätzen“, sagt Frick.
Hat der eine Bruder eher Pech im Beruf, während der andere die Karriereleiter emporklettert, kann dies zu Zerwürfnissen führen. Ebenso kann die Pflege der Eltern im Alter zum Streitthema werden. Und dann wird oft noch um den Nachlass gezankt – wobei unausgefochtene Konflikte der Kindheit aufbrechen.
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Auch Jürg Frick kennt diese immer aufkeimende Rivalität, die nicht zur Ruhe kommen will. Er habe schon erwachsene Geschwisterpaare bei sich gehabt, die sich prügeln wollten. „Die Veränderung der Beziehung kann nur gelingen, wenn die Geschwister bereit sind, ihre Rollen, die sie von klein auf innehaben, auch zu hinterfragen – und auch zu verändern“, sagt der Psychologe.
Bestenfalls lassen es die Eltern auch gar nicht so weit kommen: „Kinder sollten nicht von vorneherein in eine Rolle gedrängt, sondern als eigenständige Wesen wahrgenommen werden“, sagt Frick. Vielen Eltern sei es nicht bewusst, wie prägend Bevorzugung oder Benachteiligung für die geschwisterliche Beziehung sein kann. Susanne Witte gibt zudem Vätern und Müttern den Rat, Konflikte zwischen ihren Kindern frühzeitig zu begleiten und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen zu suchen, statt in die Rolle des Richters zu schlüpfen.
Dies zahlt sich aus: Studien zufolge wirkt sich eine gute Beziehung unter Geschwistern bis ins hohe Alter auf die psychische und körperliche Gesundheit aus und verbessert die Lebensqualität.