Hui Jing Qiu, Leiterin des Gefäßzentrums am Marienhospital in Stuttgart, erklärt, wann man bei Schwellungen an den Knöcheln einen Arzt aufsuchen sollte. Foto: Marienhospital Stuttgart/Montage: Pichlmaier
Wer an Sommertagen über ständig dicke Knöchel klagt, sollte den Hausarzt aufsuchen: Nicht selten kann ein gestörtes Lymphsystem die Ursache sein, sagt die Spezialistin Hui Jing Qiu.
Einfach mal die Füße hochlegen, kalt abduschen und mehr in Bewegung kommen – so lautet der wohlwollende Rat bei geschwollenen Beinen. Insbesondere im Sommer, wenn die Knöchel und Fußrücken aufgrund der Hitze schnell dick werden und das Schuhe an- und ausziehen zur Qual machen. Doch so manche Schwellung bleibt trotz aller Bemühungen bestehen. Und das tagelang. Spätestens dann sollte ein Arzt aufgesucht werden, so lautet der Rat von Hui Jing Qiu, Leiterin des Gefäßzentrums am Marienhospital in Stuttgart.
Die Oberärztin sieht in der Sprechstunde häufig Patienten, die mit Schwellungen an Armen und Beinen zu kämpfen haben. „Tritt diese einseitig auf, kann es ein gestörtes Lymphgefäßsystem sein, das ihnen zu schaffen macht“, sagt Qiu. Das Lymphsystem ist ein hochsensibles Gefäßsystem, das eigentlich dazu dient, Flüssigkeiten, abgestorbene Zellen, Fett, Eiweiß und Keime aus dem Gewebe in den Blutkreislauf zu transportieren. In den Lymphknoten wird der körpereigene Abfall herausgefiltert und die Transportflüssigkeit – die sogenannte Lymphe – fließt wieder zurück ins Blut.
Lymphödem: Risikofaktoren sind Infektionen, Übergewicht oder Verletzungen
„Doch es gibt einiges, was diesen Abfluss stören kann“, sagt Qiu. Dazu gehören beispielsweise Infektionen, starkes Übergewicht oder weil die Lymphbahnen aufgrund einer Verletzung oder medizinischen Eingriffen geschädigt worden sind. So haben beispielsweise Krebspatienten aufgrund der Tumoroperation mit Lymphknotenentfernung und auch nach Strahlentherapie ein höheres Risiko auf ein Lymphödem – selbst Jahre nach der eigentlichen Behandlung.
Es gibt aber auch Frauen und Männer, bei denen die Lymphödemprobleme erblich bedingt sind. Solche sogenannten primären Lymphödeme können in jedem Alter entstehen, heißt es auch bei der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie, insbesondere aber nach der Pubertät, der Schwangerschaft oder anderen hormonellen Umstellungen. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer.
Hitze verstärkt Lymphödeme und geschwollene Beine
Bei steigenden Temperaturen – wie jetzt an heißen Sommertagen – können sich die Ödeme verschlimmern: Die Lymphe fließt langsamer, auch das Blut zirkuliert nicht mehr so schnell. Verbringen die Betroffenen obendrein noch viel Zeit im Sitzen, tut die Schwerkraft ihr Übriges: Noch mehr Flüssigkeit lagert sich in das umliegende Gewebe der Gliedmaßen ein.
An heißen Tagen können die Knöchel schnell dick werden. Abkühlung hilft, löst aber nicht auf Dauer das gesundheitliche Problem. Foto: Jenny Sturm - stock.adobe.com
Hochlagern hilft dann nicht mehr viel. Denn wenn sich einmal ein Lymphödem gebildet hat, ist das wie ein Schalter, der umgelegt wird: Man wird ständig dagegen ankämpfen müssen, um diese Form der Ödeme in Schach zu halten, sagt die Expertin Qui. Je früher die Behandlung beginnt, umso besser für den Patienten. Weshalb die Oberärztin Betroffenen egal welchen Alters rät, immer wieder auftretende oder anhaltende Schwellungen an den Armen und Beinen möglichst rasch ärztlich abklären zu lassen: „Auch wenn Lymphödeme keine akute Gefahr darstellen, so ist es doch eine chronische Erkrankung“, sagt Qiu. „Sind diese erst einmal in ein fortgeschrittenes Stadium übergegangen, wird es deutlich länger dauern, bis das Gewebe wieder weicher wird.“
Auch wenn es schwerfällt: Bei Lymphödem müssen Kompressionsstrümpfe sein
Es ist eine komplexe Therapie, in der hauptsächlich versucht wird, mit Druck die Lymphe aus dem Gewebe abzutransportieren:
Flüssigkeitsansammlung kann mit einer Lymphmassage ausgestrichen werden
viel Bewegung etwa mit Sportarten wie Schwimmen, Aquafitness oder Radfahren
So kann der Lymphfluss angeregt werden und helfen, Schwellungen zu reduzieren.
„Wichtig ist, dass der Patient hier gut mitmacht“, sagt Qiu. Das gilt auch an heißen Sommertagen, an denen man die Bandagen oder Strümpfe zu gerne weglassen würde. Auch eine gute Hautpflege und ein guter Hautschutz sind essenziell, weil Lymphödeme sich bei Wundinfektionen verstärken können.
Lymphödem: Es gibt Möglichkeiten einer Operation
Chirurgische Maßnahmen wie ein Lymphknotentransfer oder ein Lymphgefäßbypass spielen in der Therapie nur eine sehr kleine Rolle. Dabei können Betroffene mittels eines kleinen operativen Eingriffs durchaus profitieren, so die Fachärztin. Das Marienhospital Stuttgart gehört zu den wenigen spezialisierten Einrichtungen, in denen solche Eingriffe vorgenommen werden.
Von rezeptfrei verkäuflichen Mitteln aus Drogerien oder Apotheken hält die Gefäßspezialistin allerdings nichts: Die Studienlage zu Lymph-Reinigung sowie zu stimulierenden Gels und dergleichen ist doch sehr dünn. Einen echten Beweis für die Wirksamkeit gebe es nicht. Besser sei es, auf einen gesunden Lebensstil zu achten – und dabei sich und damit auch das Lymphsystem im Schwung zu halten.
Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2025 und wurde am 14. August aktualisiert.
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