Gesellschaft der Ichlinge Warum Egoismus den Geist unserer Zeit prägt

Das Marsfeld in Paris ist – wie viele andere Plätze auf der Welt auch – zum Exerzierplatz der Generation Selfie geworden. Foto: dianagrytsku/Adobe Stock

Lesenswert aus dem StZ-Plus-Archiv: Ich ist das neue Wir. Jeder will, soll, muss etwas Besonderes sein. Selbstsucht wird von der Unsitte zur Tugend, Rücksichtslosigkeit zum Rollenmodell. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Gesellschaft.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Das Marsfeld im Herzen von Paris war ursprünglich ein Exerzierplatz. Heutzutage paradieren dort keine Garderegimenter mehr, sondern Legionen von Touristen, die in ihr Mobiltelefon grinsen und sich dabei so verbiegen, dass der Eiffelturm im Hintergrund sich ins Bild fügt, als sei er extra für sie errichtet. Das Marsfeld ist zum Exerzierplatz der Generation Selfie geworden. Solche Plätze finden sich überall, wo die Welt prominent möbliert ist: am Brandenburger Tor in Berlin, auf der Fifth Avenue in New York oder vor dem Matterhorn. Leute, die unablässig daran denken, wie sie sich in Szene setzen könnten, für die wird der Globus zur Kulisse – er bietet einen imposanten Rahmen für ihr ansonsten belangloses Konterfei.

 

Die Rede ist nicht von einer Marotte, sondern von einem Massenphänomen. Ausgerechnet jene Medien, die sozial genannt werden, bergen unzählige Dokumente fortgeschrittener Egomanie. Manche Leute nutzen Facebook & Co überhaupt nur als Galerie ihrer selbst. Die einschlägige Ikonografie im Internet lässt keinen anderen Schluss zu, als dass ihr Denken rastlos um das eigene Ich kreist: ständig fotografieren sie ihr Essen, ihre Katze – oder noch viel lieber ihr Gesicht. Andauernd wechseln sie ihre Profilbilder, unermüdlich um eine Optimierung des Eindrucks bemüht, den die Welt von ihnen gewinnen soll – wenn sie sich denn für sie interessieren würde. Bisweilen scheint es, als seien Bits und Bytes ausschließlich zu diesem Zweck erfunden worden.

Selbstdarsteller und Beobachter der eigenen Selbstdarstellung

Die Subjekte dieses Universums beschreibt Beate Großegger vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung als „Selbstdarsteller und zugleich Zuschauer der eigenen Selbstdarstellung, aber auch scharfe Beobachter des mit der eigenen Selbstdarstellung erzielten Feedbacks“. Jedenfalls geht es dabei fortwährend um nichts anderes als das höchstpersönliche Ego. Und dafür sind nicht nur Jugendliche anfällig. Wir leben in einer „vor Narzissmen überbordenden Zeit“, so hat es die amerikanische Essayistin Kristin Dombek in ihrem neuen Buch über „Die Selbstsucht der anderen“ auf den Punkt gebracht. Für ihre Diagnose einer regelrechten „Narzissmusepidemie“ spricht nicht nur die Verkümmerung der Fotografie zum allgegenwärtigen Selbstporträt, sondern auch ein sprachlicher Wandel – hin zu einem verbalen Egoismus. Seit den 1960er Jahren, haben US-Psychologen ermittelt, hat der Gebrauch von „uns“ und „wir“ in der Literatur um zehn Prozent abgenommen. Die Vokabeln „ich“ und „mein“ kommen hingegen 42 Prozent häufiger vor. Die Feministinnen des Post-Macho-Zeitalters liegen mit ihrer #metoo-Kampagne offenbar im Trend.

Was ist eigentlich ein Narzisst? Der erste dieser Art – das Musterexemplar – wurde in der antiken Stadt Thespiai geboren. Der Sage nach war er ein Sprössling des Flussgottes Kephissos und der Wassernymphe Leiriope. Der Jüngling, den die alten Griechen Narkissos nannten, war so vom Stolz auf die eigene Schönheit erfüllt, dass er sich in sein Spiegelbild verliebte. Heute ersetzt der Handybildschirm den Spiegel. Seit dem Jahr 1980 sind narzisstische Persönlichkeitsstörungen offiziell als Krankheitsbild anerkannt. Zu den Symptomen zählen beispielsweise ein übersteigertes Gefühl der eigenen Wichtigkeit und das unablässige Verlangen nach Bewunderung.

Die Egozentrik ist meist nur penetrant, manchmal auch pathologisch

Doch nicht jeder Fall von Egozentrik ist gleich pathologisch. Die meisten sind einfach nur penetrant. Da gibt es neben den Selfieknipsern auch Leute, die auf der Autobahn fortwährend auf der linken Spur fahren, sei es, weil sie glauben, sie allein hätten das Recht, unbehindert mit Tempo 220 unterwegs zu sein, sei es, weil sie es für ihre Mission halten, schnellere Autos auf Bummelgeschwindigkeit herunter zu bremsen – oder weil sie schlichtweg an nichts anderes denken als an ihr eigenes Fortkommen. Auch Schwimmbäder und Saunen locken Egozentriker an. Dort sind unter Garantie sämtliche Liegestühle mit einem Handtuch reserviert, auch wenn direkt daneben ein Schild hängt, auf dem dies untersagt wird. Kinos sind ein beliebter Treffpunkt solcher Leute. Sie besuchen sie nicht wegen der Filmkunst, sondern als Speiselokal und mampfen unverdrossen Nachos oder Popcorn, zerknirschen damit jeden Dialog auf der Leinwand. Zu den fortgeschrittenen Varianten des Egoismus zählen Verhaltensweisen, die sich karitativ tarnen. Die findet man an jeder Straßenecke. Es ist modern geworden, seinen Sperrmüll nicht einfach wegzubringen, sondern ihn vor die Haustür zu stellen, ein Schild daneben, das den Schrott zu einer großzügigen Offerte erklärt: Mit der Aufschrift „zu verschenken“ wird nur die Unlust übertüncht, den Krempel selbst zu entsorgen.

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern. Selbstsucht zeigt sich in jeder Lebenslage: im Fitnessstudio, wo Leute auf dem Laufband neben dir so laut telefonieren, dass deren Nonsensdialoge die Musik in deinen Ohrstöpseln überdröhnt; in der morgendlichen Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen, wo sich immer einer mit fadenscheinigen Ausflüchten vorbeidrängelt, weil er zu faul war, rechtzeitig aufzustehen; in der S-Bahn, wo es längst nicht mehr als Ausweis von Anstand gilt, schwangeren Frauen, Gehbehinderten oder älteren Menschen den Sitzplatz zu überlassen. Weitere Beispiele hat der Journalist Jörg Schindler in seinem Buch über die „Rüpel-Republik“ Deutschland aufgelistet. „Heute ist jeder so frei, sich um den anderen nicht zu scheren“, schreibt er. Manchmal bleibt es nicht bei schlichter Unhöflichkeit. Den Gaffern, die sich an jedem Unfallort wie die Geier sammeln, ist die Befriedigung der eigenen Neugier wichtiger als die Hilfsbedürftigkeit der Opfer. In Berlin attackierte jüngst ein Mann Sanitäter während eines Notfalleinsatzes, weil sie mit ihrem Rettungswagen seine Einfahrt zugeparkt hatten. Der „Tagesspiegel“ titelte dazu: „Lassen Sie mich durch, weil ich es bin!“

In den Kindergärten wächst schon die nächste „Generation me“ heran

Ruchlose Selbstbezogenheit ist auch dem Papst ein Gräuel. Er predigt bei jeder Gelegenheit gegen ichbezogenes Denken, sowohl in seiner Neujahrsmesse als auch an Ostern vor dem Petersdom. Für Franziskus ist der Egoismus Ausdruck einer „spirituellen Verwaisung“. Er zählt ihn zu den Sünden unserer Zeit. „Der Egoismus ist kolossal, er überragt die Welt“, mahnte der Philosoph Arthur Schopenhauer schon anno 1841. Im 21. Jahrhundert wird seine Warnung Wirklichkeit. Der Soziologe Andreas Reckwitz rechnet den Egoismus zum „postromantischen Erbe der Selbstverwirklichungsgesellschaft“, in der wir leben. Er beschreibt das so: „In der Gesellschaft der Singularitäten florieren immer mehr Besonderheiten, Außergewöhnlichkeiten, kulturelle Partikularismen.“

Die Singularisierung bleibt nicht ohne Folgen für das Zusammenleben. Das Ich wird zum neuen Wir. Selbstdarsteller liefern dafür das vorherrschende Rollenmodell. Eigenvermarktung bestimmt die Ökonomie des persönlichen Handelns. Selbstverwirklichung wird zum Wert an sich. Rücksichtslosigkeit wandelt sich von einer Unsitte zur Tugend. Sie verdrängt den Respekt vor anderen. Schon im Kindergarten sind lauter kleine Kronprinzen und -prinzessinen zu beaufsichtigen. Da wächst die nächste „Generation me“ heran. Jeder soll ein kleiner Alleskönner werden. Und wer stolperfrei bis drei zählen kann, gilt gleich als hochbegabt. Die Freizeit der lieben Kleinen wird so verplant, dass ihr Spaß auch einen karrierefördernden Mehrwert hat. „Das sich selbst entfaltende Individuum wird zur neuen Leitfigur“, schreibt die Familienforscherin Christine Henry-Hutmacher. Von der Kehrseite dieses Trends kündet eine Fülle von Ratgeberliteratur. Unter den einschlägigen Bestsellern rangiert der Titel „Ichlinge“ ganz oben. Das Buch versucht zu erklären, „warum unsere Kinder keine Teamplayer sind“.

Die Gesellschaft atomisiert sich

„Die Massenkultur setzt das Sich-besser-als-andere-Machen voraus“, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. Für ihn ist das eine Art Rache der Geschichte am Ideal der Gleichheit. Selbstbezogenheit prägt in zunehmendem Maße auch die Politik. Mit Donald Trump ist der Narzissmus an die Macht gekommen. Seine Parole „America first“ bedeutet auch immer: Trump first. Der Twitter-Präsident ist der prominenteste und zugleich auch gefährlichste unter den Egomanen unserer Zeit.

Schwierig wird diese Deformation des Sozialverhaltens auch im Kleinen. Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sei „auseinandergerissen in ihre Atome“, meint der Historiker Paul Nolte. Da bleibt der Zusammenhalt auf der Strecke. In einer Welt voller Ichlinge wird das Veto zum vorherrschenden Bekenntnis: Ich bin gegen alles, was ich nicht verstehe, was mir nicht unmittelbar nützt, wofür ich ohne eigenen Profit zur Kasse gebeten werde, was in meinem Denken keinen Platz hat. In politischen Debatten ist es aus der Mode gekommen, mal einen Schritt neben sich zu treten, um zu verstehen, wie andere die Welt sehen, wie der eigene Standpunkt, mein schlichtes Gehabe Dritten erscheinen mag.

Das läuft auf Rechthaberei hinaus – die Gemütslage der Wutbürger. Politik im Zeitalter der Ichlinge wird von einer zunehmenden Hybris des Einzelnen bestimmt, der die Rolle des Souveräns, die einer Gemeinschaft vorbehalten ist, höchstselbst für sich und nur sich reklamiert. Jeder glaubt, überall mitreden und Beachtung finden zu müssen, Mitbestimmung wird zum individuellen Anspruch. Im gleichen Maße schwindet die Bereitschaft zur Akzeptanz fremder Ansichten, anderer Mehrheiten, gegenläufiger Interessen. Unterlegenheit wird als Skandal wahrgenommen. Überstimmt zu werden, halten viele nicht hat mehr für einen demokratischen Normalfall, sondern schlichtweg für eine Katastrophe: eine Beleidigung ihres Eigensinns.

Es bleibt die vage Hoffnung, dass ein neues Wir-Gefühl keimt

Was bleibt, ist eine vage Hoffnung, dass in den Nischen der Ich-Gesellschaft neue Formen eines Wir keimen könnten. Der (lobenswerte) Einsatz für Andere kann auch das Ego streicheln. Ulrich Beck nannte das in seinem Soziologendeutsch „solidarischen Individualismus“. Auch aus dem Wohl anderer lässt sich ein Nutzen für sich selbst ziehen. Schließlich wurzelt auch die christliche Caritas in der Wertschätzung der eigenen Person („Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es im dritten Buch Mose).

Gemeinschaftsbedürfnis erwächst gelegentlich aus schlichten Eigeninteressen. So formen sich bevorzugt in Single-Quartieren elektronisch vernetzte Nachbarschaften, finden sich Gleichgesinnte, sobald die dafür geeigneten Medien nicht ausschließlich zur Selbstbespiegelung, zur Propaganda in eigener Sache genutzt werden. Durchaus egoistische Motive bilden den Nährboden für Mitfahr- und Mitwohnprojekte, für Partnervermittlungsbörsen, Dating-Apps und für freiwillige Hilfsdienste in aller Welt. Die Zukunft der Ichlinge liegt ganz sicher jenseits des eigenen Selbst.

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