Gesellschaft Essay: Warum die Welt uns manchmal überfordert

  Foto:  

Corona, Naturkatastrophen, Klimazerstörung – und so richtig gut geordnet und auf einem neuen Weg wirkt die Bundesrepublik nach den Wahlen eigentlich auch noch nicht. Können wir keine (großen) Krisen mehr meistern?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Im Internet gibt es diese Witze über das Jahr 2020. Einer davon ist eine Fake-Internetbewertung: „2020 – very bad, would not recommend.“ (Deutsch: 2020 – sehr schlecht, würde ich nicht empfehlen.“) Während dem ersten Lockdown hangelte man sich so durch mit lustigen Sprüchen über das Jahr 2020 – in dem uns die Coronapandemie unser Leben diktiert hat. Viele trösteten sich jedoch: 2020 wird vorbeigehen, alles wird wieder gut.

 

Nach mehreren Monaten Lockdown haben wir uns nach einem entspannten Sommer gesehnt. Im Biergarten sitzen, Freunde treffen – einfach ein bisschen Dolce Vita. Stattdessen hat im Frühsommer das Hochwasser Teile von Nordrhein-Westfalen weggeschwemmt und Tausende Menschen verloren ihr Hab und Gut. In Italien, Griechenland, der Türkei und anderen Ländern kämpften die Menschen gegen verheerende Waldbrände. Menschen waren auf der Flucht vor den Flammen. Inzwischen verbreitet sich die Delta-Variante unter Ungeimpften, die Intensivstationen füllen sich wieder – die Pandemie ist nicht, wie so sehnlichst erhofft, vorbei.

Wird unser Leben wieder wie vor der Pandemie?

Statt Dolce Vita plagt uns kollektive Überforderung. Und die Angst, dass wir unser Leben, wie wir es vor Corona kannten, nicht wieder zurückbekommen. Manchmal möchte man sich einfach nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen und am Weltgeschehen nicht mehr teilnehmen. Die Welt spielt verrückt und wir schauen zu. Auch die Bundestagswahl hat das Vertrauen in unsere politisches System nicht gerade gestärkt. Bei keinem der Kandidaten hatte man das Gefühl: der kann Krise. Der holt uns da raus.

Ganz davon abgesehen, dass viele gern in den sozialen Medien ihren Brass loswerden – selbst die selbstkritischsten Menschen, denen durchaus bewusst ist, dass sie selbst oft ahnungslos und Politiker auch nur Menschen sind, beschleicht in letzter Zeit das Gefühl, dass irgendetwas nicht mehr richtig läuft: Fehleinschätzungen reihen sich aneinander und ansonsten wird blind dahingewurstelt.

Die Erwartungen an die Politik sind hoch

Ob Corona oder Klimazerstörung – immer häufiger stellen wir uns die Frage: Hat hier irgendjemand noch irgendetwas im Griff? Oder erwarten wir einfach zuviel von der Politik, weil wir selbst nicht resilient genug sind, um mit großen Krisen umzugehen?

Lesen Sie aus unserem Angebot: Wie man Krisen besser meistert

Die Fähigkeit, Krisen ohne psychischen Schaden zu überwinden, nennt sich Resilienz. Letzteres ist sicher ein Teil des Problems, wie der Politikberater und Erziehungswissenschaftler Horst Opaschowski in seinem Buch „Die semiglückliche Gesellschaft – Das neue Leben der Deutschen auf dem Weg in die Post-Corona-Zeit“ schreibt: „Wir dürsten nach Freiheit, Geborgenheit und Glück und wollen nicht länger in schwierigen Zeiten leben. In dieser Sehnsucht nach dem guten Leben fühlen wir uns bisher von Wissenschaft und Forschung vielfach alleingelassen und enttäuscht.“

Klimaschutz ja – aber bitte keine Umstände

In Umfragen geben viele Menschen immer pflichtbewusst an, dass sie Klimaschutz total wichtig finden – aber auf Auto und Flugreisen verzichten wollen sie doch lieber nicht. Auch die Erwartungshaltung, die Politik müsse die Menschen zum Klimaschutz verleiten, ist verbreitet. Dabei muss sich jeder doch auch selbst fragen: In welcher Welt will ich – oder meine Kinder – leben? Oft fehlt es uns an der nötigen Selbstverantwortung und wir beklagen uns leichtfertig über „Die da oben“.

Aber: Zig Klimakatastrophen haben uns in den letzten Jahren latent daran erinnert: Die Welt brennt. Bisher wollen sich viele mit mit diesem Zustand nicht abfinden. Der Soziologe Heinz Bude schrieb schon vor einigen Jahren in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“: „Die Mehrheitsklasse, die nach wie vor zur Wahl geht, die Biokost bevorzugt und deren Kinder das Gymnasium besuchen, fühlt sich in ihrem sozialen Status bedroht und im Blick auf ihre Zukunft gefährdet. Man ist von dem Empfinden beherrscht, in eine Welt geworfen zu sein, die einem nicht mehr gehört.“ Dabei ist die von Bude erwähnte Zielgruppe immer noch die, die für demokratische Prozesse empfänglich ist.

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Hilfe, meine Mutter glaubt an Verschwörungsmythen“

Schwieriger wird es bei den Gruppen, denen diese immensen Veränderungen derart Angst machen, dass sie längst in extremistische Kreise abgedriftet sind, Verschwörungstheorien anhängen und für rationale Argumente nicht mehr zugänglich sind. Natürlich kann man all diese Menschen in ihren Ängsten einfangen und ihnen versprechen, dass sie ihr Auto behalten dürfen und nicht Vegetarier werden müssen.

Deutschland agiert oft zu langsam – und setzt lieber auf Stillstand

Am Ende bleibt dies aber doch nur ein halbherziges Krisenmanagement. Ein Krise löst sich ja in der Regel nicht auf, nur weil man so tut, als sei sie nicht da. Auch bei der Corona-Pandemie agierte Deutschland oft halbherzig. Zu sehr war man darum bemüht, Querdenker und Impfgegner nicht abzuhängen. Was die Impfquote angeht, rangiert Deutschland inzwischen auf Rang elf innerhalb Europas – hinter Malta, Island, Dänemark und Belgien.

Nicht nur in der Pandemie lassen wir es langsam angehen. Während Großstädte wie Paris, Kopenhagen und Dubai in ihren Innenstädten Platz für Fußgänger und Radfahrer schaffen und Autos aus der Stadt verbannen wollen, hat man in Deutschland Angst um den Autostandort. Man entscheidet sich dann lieber für Stillstand und redet von einer ominösen „Klimadiktatur“.

„Umweltängste“ plagen die Deutschen derzeit am meisten

Aber: Dieser Wunsch nach Stillstand entspricht oft gar nicht der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung: Die R+V Versicherung erhebt jedes Jahr die Ängste der Deutschen und befragt dafür rund 2400 Menschen zu ihren Sorgen rund um Politik, Wirtschaft und Familie. Das Ergebnis: 2021 seien bei den Deutschen die Angst vor Naturkatastrophen und dem Klimawandel immens gestiegen. „Umweltängste“ seien durch die Flutkatastrophe zu den größten Ängsten der Deutschen geworden, heißt es in dem Bericht.

Aber was wäre die Lösung? Markus K. Brunnermeier, Ökonomieprofessor an der Princeton University, schreibt in seinem Buch „Die resiliente Gesellschaft“, das Problem bestehe darin, dass Gesellschaften wenig resilient gegenüber den aktuellen Umbrüchen seien. Um mit diesen Brüchen umzugehen, plädiert er für einen nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen, zudem müsse das Wirtschaftssystem besser auf Schocks wie Pandemien oder andere Umweltkatastrophen vorbereitet werden.

Viele verdrängen die Krisen – oft auch aus machtstrategischen Gründen

Eine Krise birgt immer die Gefahr, dass sich alles zum Schlechten verändert – oder die Chance, dass etwas Gutes daraus wächst. Letzteres passiert aber eben nur dann, wenn man die Krise als solche erkennt, annimmt und veränderungsbereit ist. Doch häufig haben wir es mit politischen Kräften – wie zum Beispiel der AfD – zu tun, welche die komplette Gegenstrategie fahren und die Menschen aus machtstrategischen Gründen in ihren Ängsten abholt beziehungsweise diese sogar bewusst schürt.

Lesen Sie aus unserem Angebot: „Krisen sind immer auch ein Anfang“

Viele Länder drifteten in den letzten Jahren politisch nach rechts, weil die Trumps, Bolzonaros und Salvinis dieser Welt hehre Versprechen gegeben haben: Ich sorge dafür, dass dein Leben so sorglos bleibt wie es ist. Katastrophen? Weltschmerz? Nicht mit uns. Den Klimawandel gibt es nicht, die Pandemie ist ein Fake und gegen Geflüchtete aus Kriegsgebieten hilft eine radikale Abschottung. Auf der anderen Seite stehen häufig – hilflos – die engagierten Menschen, die auf die Straße gehen, um das inzwischen fast schon utopische 1,5 Grad-Ziel noch zu halten, die pflichtbewusst zur Impfung gehen, die aufs eigene Auto und Flugreisen verzichten, sich nebenbei noch für Gleichberechtigung und ein gerechteres Wirtschaftssystem einsetzen – und die oft das Gefühl haben, sie kämpfen gegen Windmühlen und ihr Engagement wird dazu noch kaum wertgeschätzt.

Die letzten Krisen haben tiefe Gräben hinterlassen

Von den Rechten und Querdenkern werden sie gerne als links-grün-versiffte Spinner verunglimpft. Tatsächlich sind diese vermeintlichen Spinner aber oft diejenigen, die sich an aktuellen wissenschaftlichen Fakten orientieren – und sich eben nicht nur von ihren spontanen Gefühlen leiten lassen. Diese Spaltung ist problematisch, denn: „Was uns als Gesellschaft zusammenhält ist der Gesellschaftsvertrag“, schreibt Brunnermeier. Damit dieser aber erfolgreich greifen könne, sei er auf das Zusammenspiel von Staat, Märkten und eben auch sozialen Normen angewiesen. Die Flüchtlingsbewegung, die Klimapolitik und die Coronakrise haben tiefe Gräben innerhalb der Gesellschaft hinterlassen. „Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Rassismus belasten den Gesellschaftsvertrag und rütteln an seiner Resilienz.“

Aus seiner Sicht müsse „das Vertrauen in wissenschaftliches, rationales Denken und eine Kultur der offenen Kommunikation“ diese gesellschaftliche Resilienz festigen. Dieses Vertrauen wiederherzustellen, ist aber eine politische Aufgabe, aus einer Gesellschaft heraus ist dies von alleine kaum zu bewältigen.

Die Zivilgesellschaft besitzt enorme Kräfte und wertvolle Ressourcen

Der promovierte Politikwissenschaftler Florian Roth forscht am Competence Center Politik und Gesellschaft am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI darüber, wie unsere Gesellschaft nach der Corona-Krise resilienter werden kann. „Für die erfolgreiche Bewältigung großer Schockereignisse sind alle Beteiligten gefordert – von der Politik über die Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Kultur bis hin zur bis hin zur Bevölkerung“, schreibt er.

Untersuchungen aus der Katastrophenforschung hätten wiederholt gezeigt, dass insbesondere die Zivilgesellschaft enorme Fähigkeiten zur Selbstorganisation besitze und wertvolle Ressourcen zur Krisenbewältigung bereitstellen könnte. „Entscheidend ist dabei aber, dass die Bürger effektiv einbezogen werden“, schreibt er. Dass es eine starke Zivilgesellschaft gibt, die auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, hat zum Beispiel die Flüchtlingsbewegung 2015 gezeigt. Aus Roths Sicht könnte sich die Corona-Krise als wichtiger Katalysator für zentrale wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformationsprozesse. „Voraussetzung hierfür ist, dass eine weitsichtige und nachhaltige Weiterentwicklung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme vorangetrieben wird.“

Es gibt kein Grundrecht auf eigene Fakten

Das heißt konkret: Jeder Mensch hat durchaus das Recht auf das Äußern seiner eigenen Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten – diese zu vermitteln ist Aufgabe des politischen Führungspersonals. Und ebenso wie bei der Coronapandemie das Vertrauen auf wissenschaftliche Erkenntnisprozesse den Weg aus der Pandemie weist, muss dies bei anderen wichtigen großen Zukunftsthemen wie der Klimazerstörung, Digitalisierung, Gleichberechtigung oder Armut geschehen.

Weitere Themen