Gesellschaft Generation abgehängt?

Junge Klimaaktivisten demonstrieren für Umwelt- und Klimaschutz. Jugendliche und junge Erwachsene stehen vor einer Welt, in der prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen zur Norm werden könnten. Aber wer kümmert sich? Foto: imago images/Müller-Stauffenberg

Vor allem junge Menschen sind durch die Auswirkungen der Pandemie betroffen. Und die Politik müsste viel stärker fragen, welche Verantwortung sie gegenüber Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Corona, Klima, Bildung – viele junge Menschen sind wütend. Wütend auf die älteren Generationen. Wütend auf die Politik. Viele fühlen sich mit ihren Anliegen nicht gesehen. Sie haben das Gefühl, die älteren Generationen schöpfen in vielerlei Hinsicht aus den Vollen. Und sie müssen es ausbaden.

 

Bereits im Mai 2020 demonstrierten junge Menschen vor dem Deutschen Bundestag in Berlin. Mit orangenen Schirmen machten sie auf ihre Kampagne „Generationenrettungsschirm“ aufmerksam. Sie fürchten um eine Zukunft mit wachsenden Schuldenbergen und schmelzenden Eisbergen. „Wir leiden unter den Entscheidungen der älteren Generationen im Bundestag, sie entscheiden komplett gegen unser Leben“, sagte Rifka Lambrecht, eine der Rednerinnen.

Jugendliche und junge Erwachsene hat die Pandemie hart getroffen

Diese Aussage trifft durchaus auch auf die Politik während der Pandemie zu. Seit über 16 Monaten verzichten Kinder und Jugendliche auf vieles: keine Schule, keine Freunde, keine Hobbys, kein Impfstoff, keine Uni. Das hat Folgen: In keiner Generation hat die Pandemie so starke Auswirkungen hinterlassen wie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen – dabei sind sie durch das Coronavirus viel weniger gefährdet. Bereits im Januar schlugen Psychologenverbände Alarm. Thomas Pollmächer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), sah Kinder und Jugendliche in Gefahr: „Wenn diese in einer vulnerablen Phase ihrer Entwicklung getroffen werden, können bleibende psychische Erkrankungen resultieren.“

Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, für die von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als tausend Kinder und Jugendliche befragt worden sind, bezeichnet fast jeden dritten Jugendlichen als psychologisch auffällig. Im Verlauf der Pandemie habe sich die psychische Gesundheit verschlechtert. Politische Veränderungen? Fehlanzeige.

Wo bleibt die Solidarität mit den Jüngeren?

Zu Recht fühlen sich viele jüngere Menschen abgehängt und ignoriert. Im Teenageralter und als junge Erwachsene erleben wir viele Dinge zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Party mit Vollrausch, das Abitur und den Traum von der großen Freiheit. Das sind prägende Erfahrungen. Für die „Generation Corona“ sind viele dieser Erfahrungen in den letzten Monaten ausgefallen – aus Solidarität mit den Älteren.

Aber wo bleibt nun die Solidarität der Älteren mit den Jüngeren, wenn es um den Klimawandel, Umweltzerstörung, die wirtschaftliche Zukunft und den Schutz ihrer psychischen Gesundheit geht? In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb der Volontär Thomas Balbierer kürzlich in seinem Essay „Danke für nichts“, es brodele bei der jungen Generation: „Deutschland geht ungerecht mit jungen Menschen um: In der Coronakrise sind die Unis zu, die Büros offen. Der Klimaschutz wird auf kommende Generationen abgewälzt.“ Nun ist die Pandemie wie ein Brennglas. All das, was gesellschaftlich und politisch in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt wurde, ist uns komplett um die Ohren geflogen: Schulen mit maroder technischer Ausstattung, eine digitale Infrastruktur, für die man sich im Jahr 2021 schämen müsste, sowie prekäre Arbeitssituationen in vielen Branchen.

Die Regierung hinkt beim Klimaschutz hinterher

Und vor allem junge Menschen sind von Arbeitslosigkeit durch die Krise betroffen: Die Internationale Arbeitsorganisation berichtete im Mai, dass weltweit 17 Prozent der 18- bis 29-Jährigen durch die Pandemie ihre Arbeit verloren haben. In Deutschland betrug die relative Zunahme der Arbeitslosigkeit durch die Pandemie im Juni 2020 bei den 15- bis unter 25-Jährigen 40 Prozent.

Ja, es brodelt zu Recht. Denn die politische Vernachlässigung der Belange von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist nicht neu in Deutschland.

Zwei Jahre gingen freitags Tausende auf die Straße, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Als bloße „Schulschwänzer“ wurden sie von manchen Parteigranden verspottet. Letztlich rügte das Bundesverfassungsgericht Ende April das Klimaschutzgesetz der regierenden Parteien in einem historischen Urteil und bezeichnete es schlicht als „ungenügend“: „Das Grundgesetz verpflichtet unter bestimmten Voraussetzungen zur Sicherung grundrechtsgeschützter Freiheit über die Zeit und zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen.“

Konflikt zwischen Jungen und Alten verschärft sich

Eingeklagt hatten dies junge Klimaschützer. Ein erster Sieg für die „Generation Greta“, jene Generation, der teilweise Umweltschutz offenbar mehr wert ist als ein SUV oder eine Reise in die Südsee.

Generationengerechtigkeit ist so ein Wort, dass jeder irgendwann einmal in der Schule hört, oft im Zusammenhang mit dem Rentensystem. Dabei geht es darum, dass materielle, aber auch ökologische Ressourcen sowie Lebensqualitäten und -chancen unter Generationen gerecht verteilt sind.

Manche halten das Wort teils für ungeeignet. Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge hält es zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Steuer- und Rentensystem für einen bloßen „politischen Kampfbegriff“, der vermeintliche Konflikt zwischen Jung und Alt sei konstruiert, um von dem eigentlichen Problem abzulenken: der Kluft zwischen Arm und Reich. Besonders das Vermögen sei in Deutschland immer ungerechter verteilt. „Die Frage ist ja: Wohin geht das Geld? Es verschwindet ja nicht, sondern wandert ja nur von einer Tasche in eine andere.“

In den Wahlprogrammen hat der Klimaschutz einen unterschiedlichen Stellenwert

Besonders in der Coronakrise seien Kinder und Jugendliche aus dem Blick geraten, sagte die Philosophin Kirsten Meyer von der Humboldt-Universität Berlin. Sie hält Generationengerechtigkeit nicht für einen „leeren Begriff“, vor allem auch im Hinblick auf den Klimawandel. Sie ist der Auffassung, dass der jetzigen, jungen Generation ebenso wie den zukünftigen Generationen viel an Freiheiten genommen wird, wenn gegen den Klimawandel nichts unternommen werde. „Sie werden den Lebensstil, den wir haben, nicht aufrechthalten können.“ Beim Klima weisen aus ihrer Sicht die Jugendlichen „vollkommen zu Recht“ auf ihre eigene Betroffenheit hin. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts wertet sie deshalb als „einen großen Erfolg“.

Einsicht ist in konservativen Kreisen deshalb aber noch nicht zu erkennen, lediglich die Grünen haben den Klimaschutz in ihrem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021 zur Priorität gemacht – in rechten und konservativen Kreisen werden sie deshalb als „Verbotspartei“ diffamiert. Die SPD wiederum wirbt in ihrem Parteiprogramm mit dem Motto „Klimaschutz – wir legen los“ und will vor allem die Verantwortung nicht auf die einzelnen Bürger abladen. Die Linke fordert „Klimagerechtigkeit“ und will im Zuge dessen „die Wirtschaft umbauen“. Die CDU/ CSU hinken da etwas hinterher, immerhin hat sich nun innerhalb der Parteien eine „Klimaunion“ gegründet. Und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder lässt sich zumindest auffällig oft mit Bienen und Bäumen ablichten.

Jörg Tremmel vertritt längst eine fundamentalere Ansicht. Der 50-Jährige ist Politikwissenschaftler, hat „Eine Theorie der Generationengerechtigkeit“ geschrieben sowie die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen vor rund 25 Jahren als junger Student mitgegründet. Tremmel erwischt man am Telefon, als er gerade mit 30 jungen Menschen unter dem Motto „Walk for the Future – Klima“ zu Fuß in Brandenburg unterwegs ist. Das gemeinsame Ziel: der Deutsche Bundestag in Berlin. Dort haben sie eine Klimaresolution an Bundestagsabgeordnete übergeben. Darin wird die Auffassung vertreten, dass wir zügig „Gerechtigkeit“ zwischen den Generationen herstellen müssen.

Wer ist eigentlich verantwortlich?

Die Pandemie ebenso wie die Klimakrise seien beides Krisen, die einen Zeitfaktor hätten. „Der Staat war bei Corona politisch ganz schnell in der Lage, einschneidende Maßnahmen zu erlassen“, sagt er. Beim Klima müsste dies auch passieren. „Aber man sieht die Folgen noch nicht so – deshalb passiert nichts.“ Ein Zitat eines Abgeordneten hat Tremmel noch parat, als er selber in einem Gespräch einmal darauf verwies, dass die Gletscher bis 2050 geschmolzen seien. „Dann kommen Sie 2049 wieder“ sei die Antwort gewesen. „Für die Politik ist das alles noch zu weit weg“, sagt Tremmel.

Aber sind ältere Generationen überhaupt für die nachfolgenden verantwortlich? „In puncto Umwelt- und Klimakrise auf jeden Fall“, sagt Tremmel. Viele Auswirkungen seien ja jetzt schon nicht mehr zu stoppen. „Wir haben diese Verantwortung. Peter Altmaier hat in seinem Leben schon mehr verbraucht, als Luisa Neubauer in Zukunft noch verbrauchen darf.“

Angst vor der Zukunft

Derzeit stehen Jugendliche und junge Erwachsene vor einer Welt, in der prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen zur Norm werden und die Wohnungsnot in den Städten immer größer wird – ebenso wie die Umwelt- und Klimazerstörung. In einer Befragung der Universitäten Hildesheim und Frankfurt im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung während der Pandemie gaben 69 Prozent der Jugendlichen an, Angst vor der Zukunft zu haben. Befragt wurden im ersten Durchgang 5500 junge Erwachsene zwischen 15 und 30 Jahren, im zweiten Durchgang waren es mehr als 7000 junge Erwachsene.

Das Bundesfamilienministerium will die Not von Kindern und Jugendlichen während der Pandemie zumindest erkannt haben. Damit Kinder und Jugendliche nach der Pandemie „wieder unbeschwert aufwachsen“ können, hat das Bundeskabinett ein Aktionsprogramm beschlossen. Zwei Milliarden Euro will man ausgeben, damit die Jungen nach mehreren Monaten Homeschooling nun „Lernrückstände“ aufholen können. Zum Vergleich: In die Rettung der Lufthansa investierte der Bund neun Milliarden Euro.

Zwischen Apathie und Wut

Als „Gerontokratie“ bezeichnet Jörg Tremmel deshalb die Bundesrepublik, eine „Herrschaft der Älteren“. Die größte Wählergruppe habe die größte Macht. Daher brauche es nun zweierlei: ein Wahlrecht ohne Altersgrenze durch freiwillige Eintragung sowie eine neue Institution, einen „Zukunftsrat“, der sich für die Interessen von Jüngeren und zukünftigen Generationen einsetzt. Die Philosophin Meyer spricht sich für eine Senkung des Wahlalters aus: „Die jüngere Generation muss bei der Entscheidung über die Belange, die sie betreffen, mitbestimmen können.“

Kann das so weitergehen? Seit Jahren ist klar, dass die politischen Entscheidungen die Belange kommender Generationen kaum berücksichtigen – und auch ältere Generationen zu sehr auf Kosten der kommenden leben. Das kann in Zukunft bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen entweder in völlige Apathie und Politikverdrossenheit umschlagen oder zu heftigeren Protestreaktionen und einer sich weiter aufheizenden Stimmung führen. Beides ist nicht gut – nicht für die Jungen, nicht für die Gesellschaft und nicht für unser demokratisches System.

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