Gesellschaft und Moral Menschen sind doch ehrlicher als gedacht

Von dpa/ 

Eine Geldbörse wird gefunden und an einer Rezeption oder Kasse abgegeben. Verleitet es Menschen, die Börse einzustecken, wenn sie viel Geld enthält? Ein Experiment mit unerwartetem Ausgang.

Wie ehrlich gehen Menschen mit einer gefundenen Geldbörse um? Macht es einen Unterschied, ob viel oder wenig Geld darin ist? Forscher  haben bei einer Studie Überraschendes herausgefunden. Foto: dpa
Wie ehrlich gehen Menschen mit einer gefundenen Geldbörse um? Macht es einen Unterschied, ob viel oder wenig Geld darin ist? Forscher  haben bei einer Studie Überraschendes herausgefunden. Foto: dpa

Zürich - Steuern hinterziehen, Schwarzfahren oder die Haushaltshilfe schwarz bezahlen: Um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit im Alltag ist es in der Gesellschaft nicht immer gut bestellt. Gelegenheit macht Diebe, sagt das Sprichwort. Dabei steht die Anleitung zur Ehrlichkeit in der erzieherischen Praxis bei Eltern und Schulen ganz oben.

Wie ehrlich sind Menschen, wenn es um Geld geht? Wie gehen Menschen mit einer gefundenen Geldbörse um? Macht es einen Unterschied, ob viel oder wenig Geld darin ist? Das haben Forscher aus der Schweiz und den USA bei einer Studie in 355 Städten in 40 Ländern untersucht – mit überraschendem Resultat: Je mehr Geld in der Brieftasche war, desto ehrlicher waren die Menschen. Das berichtet das Team um Michel André Maréchal von der Universität Zürich im Fachblatt „Science“.

Forscher: Menschen sind ehrlicher als gedacht

Die Wissenschaftler befragten zudem Top-Ökonomen und Bürger nach ihrer Einschätzung, wie Menschen mit gefundenen Geldbörsen umgehen würden. Beide Gruppen erwarteten mehrheitlich, dass Menschen größere Beträge eher behalten würden. „Die Studie zeigt, dass wir ein zu negatives Menschenbild haben“, sagt Mitautor Christian Lukas Zünd von der Universität Zürich.

Zu dem Versuch gehörten gut 17 000 Geldbörsen mit Visitenkarten, teils mit Schlüsseln und Geldbeträgen verschiedener Höhe. Helfer der Forscher behaupteten, sie gefunden zu haben, und gaben sie am Empfang von Institutionen ab – etwa an Hotelrezeptionen, Banken, Kinokassen, Poststellen, Polizeiwachen oder Ämtern. Die Forscher achteten darauf, wie oft die Brieftaschen ihren Weg zurück zum vermeintlichen Besitzer fanden.

Je höher die Beträge waren, desto mehr Geldbörsen wurden zurückgegeben

Die Resultate: Zum einen wurden Geldbörsen mit Schlüssel unabhängig vom Geldbetrag öfter zurückgegeben als solche ohne Schlüssel. Insgesamt fanden mehr als 8000 der gut 17 000 Börsen zu ihren vermeintlichen Besitzern zurück.

Nicht wieder aufgetaucht sind unter anderem Fundstücke, die bei zwei Korruptionsbehörden abgegeben worden waren. Die Forscher schließen daraus, dass Finder – in diesem Fall also die Menschen am Empfang von Institutionen – oft selbstlose Motive haben, denn der Schlüssel hat für den Besitzer Wert, nicht für den Finder.

Schweizer sind am ehrlichsten

Die große Überraschung für die Forscher war aber, dass zwar der Geldbetrag in der Börse einen Unterschied machte, aber umgekehrt wie erwartet: Je höher die Beträge waren, desto mehr Geldbörsen wurden zurückgegeben. Die Besitzer von 51 Prozent der Geldbörsen, die etwa zwölf Euro enthielten, wurden kontaktiert, bei den Börsen ohne Geld wurden nur 40 Prozent kontaktiert.

In einer kleineren Nachstudie in Polen, den USA und Großbritannien stieg die Quote bei 80 Euro im Portemonnaie sogar auf 71 Prozent.

Dieses Muster fanden die Forscher zwar in nahezu allen 40 Ländern. Allerdings war die Rückgabequote insgesamt sehr unterschiedlich: Bei Geldbörsen ohne Geld waren die Schweizer am ehrlichsten, bei größeren Geldbeträgen Dänen, Schweden und Neuseeländer. Deutschland lag bei Börsen ohne Geld an neunter, bei Börsen mit Geld an elfter Stelle.

Menschen wollen sich nicht als Diebe fühlen

Die Autoren – Verhaltensforscher und Ökonomen – erklären das Resultat damit, dass Menschen sich beim Einbehalten größerer Beträge eher als Diebe fühlen. Mit diesem Selbstbild könnten viele aber schlecht leben. „Die psychologischen Kosten sind gewichtiger als der materielle Gewinn“, folgert Mitautor Alain Cohn von der Universität von Michigan. „Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe“, sagt Maréchal.

Was bringt die Studie? Einzelne Studien hätten wiederholt gezeigt, dass Menschen ehrlich sein wollten, sagt Zünd. „Unsere Studie zeigt nun, dass dies ein globales Phänomen ist, in armen und reichen Ländern, bei Männern und Frauen, bei jung und alt.“

Nutzen aus solchen Studien könnten Behörden und Unternehmen ziehen. „Man kann Menschen besser motivieren, ehrliche Antworten zu geben, wenn man sie bei ihrer Ehre packt“, erläutert Zünd. Der häufig am Ende von Formularen gedruckte Zusatz „Ich versichere, alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet zu haben“ sollte besser am Anfang stehen, dann gebe es mehr wahre Antworten.

Sind Menschen von sich aus ehrlich?

Die Frage ist: Sind Menschen ehrlich, weil sie von sich aus ehrlich sind? Oder sind sie sich dessen bewusst, dass sie für Unehrlichkeit bestraft werden? „Bei Bagatellbeträgen ist es einfach: Die Leute haben es vermutlich im Hinterkopf, dass es sinnlos ist, dem Besitzer hinterherzulaufen“ betont Johannes Knoepffler, der Angewandte Ethik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena lehrt. „Da steht der Aufwand in keinem Verhältnis zu dem kleinen Betrag. Bei großen Beträgen weiß jeder sehr genau, dass das Diebstahl ist. Das Bewusstsein, dass etwas eine strafbare Handlung ist, verändert bei vielen die Einstellung.“

Für die Menschen habe es sich bewährt zu kooperieren. Das sei in der Evolution grundgelegt, so Knoepffler. Und Ehrlichkeit sei eine Form der Kooperation. „Dabei spielt sehr stark eine Rolle, ob sich Ehrlichkeit in irgendeiner Weise auszahlt und lohnt. Ein tugendhaftes Verhalten hängt auch davon ab, wie eine Gesellschaft auf bestimmtes Verhalten reagiert.“

Macht Gelegenheit als doch Diebe, wie das Sprichwort sagt? „Ich will es mal so sagen“, antwortet der Jenaer Philosoph. „Vielleicht hatten die Teilnehmer am Experiment auch das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Es ist zu billig, dass man an viel kommen kann. Die meisten haben da einen Schutzmechanismus.“