Herr Eininger, wenn Sie das Jahr 2022 mit einem einzigen Wort beschreiben müssten, welches wäre das?
Wir schauen auf ein politisch extremes Jahr zurück, deshalb ist die Frage nicht so leicht zu beantworten. Das Wort „herausfordernd“ beschreibt das Jahr wohl am besten. Die Folgen des Überfalls Russlands auf die Ukraine, die dramatisch gestiegenen Energiekosten, die angespannte wirtschaftliche Situation, die hohe Inflation, die Corona-Pandemie, mit der wir noch immer zu kämpfen haben, der fortschreitende Klimawandel – viele Krisen haben sich 2022 überlagert und alle Bereiche unseres Lebens erfasst. In noch nie gekanntem Maße treibt die Menschen deshalb die Sorge vor der Zukunft um. Es hat sich aber auch gezeigt: Die Menschen sind bereit, die Herausforderungen anzunehmen. Mich hat die Hilfsbereitschaft in unserem Landkreis beeindruckt. Daraus können wir Zuversicht schöpfen. Wenn wir zusammenstehen, werden wir diese schwierige Zeit überstehen.
Was hat die Esslinger Kreisverwaltung am stärksten gefordert?
Abgesehen davon, dass uns auch das dritte Corona-Jahr organisatorisch viel abverlangt hat, weil die Infrastruktur für die Impfkampagne des Landes auf- und dann wieder abgebaut werden musste, stand natürlich die Unterbringung und Betreuung geflüchteter Menschen im Mittelpunkt. Bis zum Jahresende ist es uns gelungen, allein rund 6800 Ukrainer im Kreis Esslingen aufzunehmen. Darüber hinaus haben etwa 1300 Asylsuchende aus anderen Krisenherden dieser Welt in der vorläufigen Unterbringung in Unterkünften des Kreises ein Dach über dem Kopf gefunden. Wir haben 2022 mehr geflüchtete Menschen aufgenommen als in der Flüchtlingskrise 2015/16 in zwei Jahren. Das ist ein enormer Kraftakt, den die Kreisverwaltung gemeinsam mit den Kommunen und bürgerschaftlich Engagierten schultert. Der Zustrom von Flüchtlingen wird weiter anhalten. Wir werden daher nicht umhinkommen, eine dauerhafte Unterbringungskapazität zu finanzieren.
Was ist dem Landkreis im Jahr 2022 gut gelungen?
Das Jahr hatte auch viele positive Seiten. Mir fällt mit zum Beispiel das Rohräckerschulzentrum in Esslingen ein. 2022 konnten wir den Abschluss der umfangreichen Generalsanierung feiern, immerhin ein Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 50 Millionen Euro. Auch die Eröffnung des neuen Verwaltungsgebäudes am Standort Plochingen mit einem Tag der offenen Tür war Anlass zur Freude, ebenso die Übergabe des ersten Brennstoffzellenfahrzeugs an unsere Straßenmeisterei. Wir haben einen On-Demand-Verkehr in Wernau eingeführt und gehören damit zu den Ersten in der Region, die dieses innovative ÖPNV-Konzept testen. Und nicht zuletzt arbeiten wir mit Hochdruck daran, das integrierte Klimaschutzkonzept für den Landkreis und 26 seiner Städte und Gemeinden konkret umzusetzen. Das mag manchem vielleicht nicht schnell genug gehen, aber ein so ambitioniertes Vorhaben braucht eben auch seine Zeit.
Was lief nicht so, wie Sie es sich gewünscht haben?
Der Kriegsausbruch in der Ukraine und die damit einhergehenden Folgen haben uns doch alle sehr überrascht. Die Welt hat sich seither gravierend verändert, wir stehen vor der größten Zeitenwende seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese unsichere Situation verlangt uns viel ab. Wir müssen befürchten, dass die Steuereinnahmen nicht mehr so sprudeln wie in den vergangenen Jahren. Die finanziellen Spielräume des Staates schwinden, gleichzeitig steigen die Sozialausgaben. Wir werden auf allen Ebenen Abstriche machen müssen; so manches Leistungsversprechen wird künftig nicht mehr zu halten sein. Wenn wir den Zusammenhalt in der Gesellschaft bewahren wollen, müssen wir eine Überforderung aller staatlichen Ebenen verhindern.
Sehen Sie den Landkreis Esslingen finanziell für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet?
Fakt ist: Dem Landkreis geht es nur gut, wenn er mit starken Städten und Gemeinden unterwegs ist. Wie sich die Finanzlage entwickelt, bleibt abzuwarten. Der Kreishaushalt ist wegen der aktuellen Krisen mit Unsicherheiten behaftet. Trotzdem sind wir in der Lage, in diesem Jahr knapp 60 Millionen Euro in Schulen, Flüchtlingsunterkünfte und den Verwaltungsneubau in den Pulverwiesen, in Verbesserungen im ÖPNV und in den Klimaschutz, in Kreisstraßen und Radwege zu investieren. Eine ähnliche Summe steht für das Jahr 2024 an. Das geht aber nur, weil wir neue Kredite aufnehmen. Es muss allen klar sein, dass eine hohe Verschuldung eine hohe Kreisumlage in den kommenden Jahren zur Folge hat. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.
Wenn Sie zurückblicken auf die vergangenen Monate, wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit der Kreisverwaltung?
Die gleichzeitige Bewältigung zahlreicher Herausforderungen hat die Kreisverwaltung über die Maßen gefordert. Und dafür gab es keine Blaupause. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebührt ein großes Lob. Sie haben außerordentliches Engagement gezeigt und flexibel auf die vielfältigen Anforderungen reagiert. Das ist bei einer so großen Verwaltung mit über 2000 Beschäftigten gar nicht so einfach. Wir haben fleißig gearbeitet, dabei vielleicht nicht immer fehlerfrei. Aber das muss man uns angesichts dieser Herausforderungen auch zugestehen.
Welche Hoffnungen haben Sie für 2023?
Ich habe die große Hoffnung, dass es gelingt, den Frieden in Europa wiederherzustellen. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir die langfristigen Herausforderungen einer klimagerechten, digitalen und demografischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft mit Verstand, Herz und Hand anpacken können. Dafür braucht es Mut und Entschlossenheit.
Worauf freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?
Der Landkreis Esslingen feiert 2023 sein 50-jähriges Bestehen, die Kreissparkasse wurde vor 175 Jahren aus der Taufe gehoben. Aus diesem Anlass haben wir gemeinsam ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm für die Bürgerschaft auf die Beine gestellt. Ich lade alle zum Mitfeiern ein und freue mich auf viele Begegnungen.
Dienstältester Landrat Baden-Württembergs
Karriere
Der im Jahr 1956 in Großbettlingen geborene Heinz Eininger trat nach seinem Studium der Rechtswissenschaften in die Steuerverwaltung des Landes ein, unter anderem in Oberndorf und im Finanzministerium. Im Jahr 1992 wechselte er als Bürgermeister nach Kirchheim.
Landratsamt
Seit dem 1. Oktober 2000 ist Heinz Eininger Landrat des Landkreises Esslingen. Der CDU-Politiker wurde bei den Wahlen 2008 und 2016 im Amt bestätigt und ist der dienstälteste Landrat Baden-Württembergs. Unter anderem ist er Verwaltungsratsvorsitzender der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und Aufsichtsratsvorsitzender der Kreiskliniken sowie Vizepräsident des Landkreistages und Mitglied im Präsidium des Deutschen Landkreistages.
Privat
Heinz Eininger ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.