Das Talkformat unserer Zeitung hat das Ziel, Sportstars abseits des Fußballs eine Plattform zu bieten. Der Para-Leichtathlet und der Turner geben interessante Einblicke.
Auf den ersten Blick haben Niko Kappel und Timo Eder nicht viel gemeinsam: hier der Paralympics-Gewinner und dreimalige Weltmeister im Kugelstoßen, dort Deutschlands bester Turner. Doch bei unserer Veranstaltungsreihe „Gespräche im Gottlieb – Stuttgarter Sportstars hautnah“ zeigte sich schnell, was die beiden Athleten verbindet: harte und intensive Trainingsarbeit, das Ziel, die eigenen Grenzen auszuloten, der Traum von den Olympischen Spielen in Los Angeles. Und natürlich ein höchst erfolgreiches Jahr 2025 – auch wenn nicht immer alles nach Plan lief.
Die sechste Ausgabe des Talkformats von „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten, die von Sportredakteur Dirk Preiß moderiert wurde, bot jedoch noch mehr: beste Unterhaltung, interessante Einblicke und sogar ein gelüftetes Geheimnis. „Als Jugendlicher“, verriet Niko Kappel (30), der kleinwüchsige Leichtathlet aus Welzheim im Schwäbischen Wald, „wollte ich Skispringer werden.“ Zum Überflieger hat er es tatsächlich gebracht. Allerdings in einer anderen Sportart.
Niko Kappel hat die Ellbogen-Operation gut überstanden
Bei den Paralympics 2016 holte Niko Kappel in Rio de Janeiro erstmals Gold, das gute Stück hatte er in die Cannstatter Café-Bar „Gottlieb“ mitgebracht. Wie auch seine jüngste Medaille. Ende September gewann der Kugelstoßer in Neu-Delhi seinen dritten WM-Titel – in einem Wettkampf, der ihm großen Schmerz bereitete. Sein Start stand wegen freier Gelenkkörper im rechten Ellbogen auf der Kippe, er hatte enormen Trainingsrückstand. Niko Kappel reiste trotzdem an und siegte am Ende mit 13,34 Metern. „Das war keine Glanzleistung, aber unter den Umständen war nicht mehr möglich“, sagte er, „diesen Erfolg habe ich vor allem den Ärzten und Physiotherapeuten zu verdanken.“ Mittlerweile hat sich der Athlet vom VfB Stuttgart operieren lassen, das Resultat fühlt sich gut an: „Es ist, als hätte ich eine neue TÜV-Plakette für die nächsten zwei Jahre erhalten.“
Timo Eder, der erst 20 und damit zehn Jahre jünger ist, spürt derartige Verschleißerscheinungen noch nicht. Er steht am Anfang einer vielversprechenden Karriere – die ihm aber schon einige tolle Erlebnisse und Ergebnisse beschert hat. 2024 war der Turner, der für seinen Heimatverein MTV Ludwigsburg startet, bei den Olympischen Spielen in Paris dabei, in diesem Jahr stand er bei seiner ersten WM gleich im Mehrkampffinale. Und zwischendurch wurde er in Leipzig an der Seite von Karina Schönmaier völlig überraschend Europameister im erstmals ausgetragenen Mixed-Wettbewerb. Zudem gewann er Bronze am Barren – in einem völlig verrückten Finale.
Nur ein Malheur verhindert EM-Gold am Barren
Timo Eder war der Turner, dessen Übung den geringsten Ausgangswert aufwies. Dazu kam ein Abzug von drei Zehnteln, weil er die erlaubte Einturnzeit um zwei Sekunden überschritten hatte. Dennoch landete der Außenseiter auf Rang drei, Gold verpasste er nur wegen des Malheurs beim Warmmachen. „Wie das alles zustande kam, war sehr überraschend“, sagte Timo Eder, „insgesamt bin ich mit meiner Saison sehr zufrieden, auch wenn sogar noch ein bisschen mehr drin war.“ Nun geht es darum, das vorhandene Potenzial zu nutzen – für beide Athleten.
Timo Eder will sich weiter auf den Mehrkampf fokussieren, auch wenn es einen enormen Aufwand bedeutet, an sechs Geräten ans Maximum heranzukommen. Nachdem er 2024 am Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkheim sein Abitur gemacht hat, ist der Turner mittlerweile Sportsoldat. Es gab schon Phasen, in denen er mehr als 40 Stunden (!) pro Woche trainiert hat, in der Regel sind es 34 Stunden an sechs Tagen. „Turnen ist sehr zeitaufwendig“, sagte Timo Eder, „doch mir macht es, außer vielleicht im Kraftraum, immer noch sehr viel Spaß. Es ist ein tolles Gefühl, neue Dinge so lange auszuprobieren, bis sie stabil gelingen. Ich kann an einzelnen Geräten sicher noch stärker werden und schwierigere Elemente turnen.“
Potenzial, sich weiter zu verbessern, sieht auch Niko Kappel – was nicht nur angesichts seines fortgeschrittenen Athleten-Alters eine bemerkenswerte Aussage ist, sondern auch, weil sich die Para-Leichtathletik im vergangenen Jahrzehnt enorm entwickelt hat und er selbst mit 15,07 Metern den Weltrekord im Kugelstoßen der Kleinwüchsigen ja schon hält. „Das ist nicht das Ende. Ich werde noch weiter stoßen – versprochen!“, erklärte Kappel, „30 bis 40 Zentimeter mehr sind möglich.“ Für diesen Optimismus gibt es Gründe.
Einmalige Kugelstoß-Trainingsgruppe in Stuttgart
Niko Kappel zählt zur ersten Generation von Para-Athleten, die ihren Sport unter Profibedingungen ausüben und ihre Leidenschaft leben können. Er hat dabei in Stuttgart eine enorm starke Gruppe um sich, zu der unter anderem Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye und Alina Kenzel gehören: „So viele Top-Leute aus einer Sportart, die zusammen trainieren, das gibt es nicht nochmal auf der Welt – das hilft extrem“, sagt Kappel. Zudem setzt Niko Kappel, der bis zu 26 Stunden pro Woche in der Halle und im Kraftraum verbringt, auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz. „Das macht sonst niemand in meinem Sport“, sagte er, „ich habe unendlich viele Daten gesammelt und will alles ausreizen. Die KI hilft mir, mein Training weiter zu optimieren.“ Was für eine gute Perspektive sorgt.
Timo Eder und Niko Kappel haben dasselbe Ziel: Los Angeles 2028. Für den Turner wären es die zweiten Olympischen Sommerspiele, für Niko Kappel bereits die vierten und wohl auch die letzten Paralympics. „Mein Traum ist, dort noch einmal Gold zu holen“, sagte er am Ende des Gesprächs im „Gottlieb“, „dafür werde ich alles geben.“ Timo Eder saß daneben und nickte zustimmend, als wolle er sagen: Auch das haben wir gemeinsam.