Wie sieht „Armut heute“ aus? Das legten vier Fachfrauen aus dem Diakonieverband im Böblinger Bauernkriegsmuseum dar.
Was, wenn die Waschmaschine kaputt geht und eine Reparatur oder gar Ersatz die finanzielle Leistungsfähigkeit einer Familie überfordert? Mit diesem und ähnlichen ganz praktischen Problemen zum Thema „Armut heute“ beschäftigte sich ein Gesprächsabend am Donnerstag im Böblinger Bauernkriegsmuseum. Eingeladen hatten die Museumsfreunde und die Evangelische Erwachsenenbildung. Vier Fachfrauen aus dem Evangelischen Diakonieverband stellten sich den Fragen von Moderator und Publikum. Das war mit rund 20 Interessierten allerdings eher spärlich besetzt.
Eigentlich hätte Moderator Martin Frey gerne persönlich Betroffene mit in der Runde gehabt, doch die fehlten nicht nur zu seinem Bedauern. Was aber wiederum zur These der Veranstaltung im Rahmen von „500 Jahre Bauernkrieg“ passte, dass Armut selbst im wohlhabenden Kreis Böblingen oft nur im Verborgenen existiert und häufig tabuisiert wird. Denn was vor einem halben Jahrtausend die Menschen mit in den Aufstand trieb – das Luther-Zitat, „... damit ein armer Mann auch etwas behalten könnte“ stand als Motto über dem Gesprächsabend –, wird heute wohl vielfach stillschweigend erduldet.
Immer mehr Aufstocker
Wie die alltäglichen Folgen von Armut aussehen, davon wissen die Sozialberaterinnen Karin Fichter und Bettina Hartig, Tafelladen-Leiterin Petra Ländner und Diakonie-Geschäftsführerin Manuela Weis ein Lied zu singen. Krankheit, Trennung oder Wohnungsverlust sind Gründe für Armut, die viele Bevölkerungsgruppen treffen kann, aber auch der mangelnde Schulbesuch. „Durch Bildung kommen wir aus der Armut“, ist sich Bettina Hartig sicher. Seit 25 Jahren im Beruf, berichtete sie zusammen mit ihrer Kollegin außerdem, dass früher überwiegend Arbeitslose, heute aber auch viele ‚Aufstocker’, insgesamt mehrere Hundert im Jahr, zu ihnen kämen. „Wenn Arbeit zum Leben nicht reicht, läuft gewaltig etwas schief“, formulierte Hartig.
„Menschen in absoluter Armut“ würde sie im Tafelladen zwar nicht sehen, meinte Petra Ländner, doch dafür hätte sich die Zahl der Kunden seit dem Ukraine-Krieg verdoppelt. Neben der Bereitstellung günstiger Lebensmittel aus Spenden gehe es zumindest bei der Einrichtung in Böblingen immer auch um zwischenmenschliche Kontakte. „Dass immer mehr junge Menschen keine Ausbildung oder Studium mehr machen wollen, sondern gleich arbeiten, stimmt mich sehr nachdenklich“, sagte sie unter Bezugnahme auf Gespräche und Erfahrungen. „Die Menschen müssen die Hilfe auch annehmen“, unterstrich Manuela Weis.
Vorschlag, Stiftung oder Förderverein zu gründen
Momentan stehen und fallen fast alle Angebote der Diakonie von der Sozial- und Sucht- bis hin zur ambulanten Krebsberatung mit den zurückgehenden finanziellen Mitteln der evangelischen Kirche und zusätzlichen Spenden. Einen „Lastenausgleich einer Stadtgesellschaft“ würde Martin Frey deshalb aus seinem christlichen Glauben heraus gerne anstoßen. „Eine Stiftung oder ein Förderverein wären eine gute Hilfe“, regte aus dem Publikum heraus Dekan Markus Frasch an.
„Es gibt einen Zusammenhang zwischen Armut und Reichtum, die Schere geht immer weiter auseinander“, formulierte Martin Frey abschließend. Hier sei letztendlich auch die Politik gefordert, damit solch wachsende Gegensätze nicht zur Gefahr für die Demokratie werden.