Gesprächsformat in Maichingen Psychologe rät: „Achtet aufeinander und gebt positives Feedback“

Der Kinder- und Jugendpsychologe Matthias Backenstraß hat in Maichingen vor Schülern über psychische Probleme junger Menschen gesprochen. Foto: Stefanie Schlecht

Was zeichnet eine Depression aus? Wann wird Angst zum Problem? Psychologe Matthias Backenstraß beantwortet beim Couchgespräch des Maichinger Unterriedengymnasium viele Schülerfragen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Mal einen schlechten Tag erwischen, eine Liebe bleibt unerwidert oder man hat Angst vor einer Klausur? Das sind seit jeher klassische Sorgen von Schülerinnen und Schülern. Doch bei manchen bleibt es nicht bei diesen vorübergehenden Zuständen. Sie entwickeln Depressionen oder Angststörungen. Dann hilft in vielen Fällen nur eine professionelle Behandlung.

 

Eine WHO-Studie vom November 2025 legte jüngst offen, dass 25 Prozent der jungen Menschen in Europa an Angst- und rund 15 Prozent an Depressionssymptomen leiden. Der Trend verschlechterte sich zuletzt.

Wann ist es eine Depression?

Auch solche Patienten landen bei Matthias Backenstraß. Der Diplom-Psychologe und Leiter des Instituts für Klinische Psychologie, Neuropsychologie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart, referierte im Rahmen der „Couchgespräche“, einem Gesprächsformat des Maichinger Unterrieden-Gymnasiums, vor kurzem vor der Schülerschaft über psychische Erkrankungen. Im Maichinger Talkformat moderieren Schülerinnen oder Schüler die Couchgespräche, einen Gast spricht über ein bestimmtes Thema. Couchgespräche gab es bereits mit dem Moderator Mirko Drotschmann, der Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und mit der KI-Forscherin Ulrike von Luxburg.

Die Zahlen behandlungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher sind weiter angestiegen. Foto: picture alliance / Axel Heimken/

Dieses Mal ging es also um psychische Erkrankungen, darunter sind Depressionen eine der häufigsten Diagnosen. Woran merkt Matthias Backenstraß aber, ob eine einfache Verstimmung oder eine behandlungswürdige Depression vorliegt, wollten die Moderatorinnen von ihrem Gast wissen. „Es gibt eine Kriterienkatalog aus neun Symptomen, die eine Depression kennzeichnen. Wir sprechen von einer Depression, wenn über die Dauer von 14 Tagen an mehreren Tagen mindestens vier bis fünf Symptome erfüllt sind“, erklärt Backenstraß. Merkmale können Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen sein.

Suizide sind häufigste Todesursache

In drastischen Fällen kommen auch suizidale Gedanken hinzu. Dass dies zwar Ausnahmefälle, aber dennoch nicht selten sind, zeigen die WHO-Daten: Suizid ist die führende Todesursache bei den 15- bis 29-Jährigen. „Es ist wichtig, dass das Umfeld auf mögliche Veränderungen achtet und auf professionelle Hilfe verweist“, rät der Institutsleiter. Wer in der Schule zum Beispiel mitbekommt, dass ein Mitschüler oder eine Mitschülerin lebensmüde Gedanken ausspricht, sollte ins Gespräch mit der Person gehen und wenn nötig, Lehrkräfte, die Schulsozialarbeit und Eltern des Jugendlichen miteinbeziehen.

Wie schafft es der Psychotherapeut trotz der oftmals stark verzweifelten Menschen, die vor ihm sitzen, nicht abzustumpfen oder die Schicksale zu nah an sich heranzulassen? „Man muss in meiner Position immer unterscheiden, dass ich nicht diese Person bin. Aber ich muss so tun, als ob ich diese Person wäre, um mich in ihre Lage zu versetzen“, erläutert er. Eine Garantie, nichts davon mitzunehmen, gebe es nicht: „Ich habe zum Beispiel erst heute beim Rasieren über einen Fall nachgedacht.“ Einen bestimmten prägnanten Fall aus der Vergangenheit, der ihn bis heute beschäftigt, gebe es aber nicht.

Angst kann ein guter Mechanismus sein

Seine eigene Schulzeit, sagte der 61-Jährige, liege zwar lange zurück. Aus seiner Arbeit wisse er aber, dass Schule ein Ort mit Druck und sozialen Dynamiken sei, an dem Ängste auftreten können: „Das kann ein Referat sein, vor dem man Angst hat. Das ist noch kein psychisches Problem, denn Angst ist ein gesunder Mechanismus unseres Gehirns. Wenn man es aber auch nicht beim nächsten und übernächsten Mal vermeidet, könnte es pathologisch sein.“ Der Kipppunkt sei erreicht, wenn der Alltag beeinträchtigt sei und ein Leidensdruck herrsche.

Ängste gingen in einigen Fällen auch mit Panikattacken einher: „Bei manchen werden die körperlichen Symptome so stark, dass sie Herzrasen, Schwindel oder gar Todesangst bekommen und den Notarzt rufen.“ Dennoch betont der Verhaltenstherapeut: „Angsterkrankungen sind behandelbar.“

Therapieplätze fehlen weiterhin

Obwohl der Bedarf an psychologischen und psychiatrischen Plätzen in den vergangenen Jahren stetig, die Ressourcen aber nicht im selbem Tempo gestiegen sind, rät der Kliniker, wenige Selbsttests im Internet zu machen. Vielmehr hätten sich zuletzt auch spezielle psychotherapeutische Apps bewährt, die die Zeit überbrücken können, bis man einen Therapieplatz gefunden hat: „Hier gibt es gute Tools, die von Krankenkassen bezahlt werden.“ Ansonsten kann der 61-Jährige den Jugendlichen noch eines mit auf den Weg geben, das für viele leichter umsetzbar ist: „Achtet aufeinander, gebt positives Feedback. Intakte soziale Kontakte helfen präventiv, gesünder zu bleiben.“

Hilfe bei Suizidalen Gedanken

Aufmerksam bleiben
Wer unter Depressionen leidet oder Suizidgedanken hat, sollte sich sofort an die Telefonseelsorge wenden. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111.

Anlaufstellen
Auch hier gibt professionelle Hilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de, Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33, E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de, Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr). Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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