Die Pfarrerin der Böblinger Stadtkirche und unsere Redakteurin Leonie Schüler kennen sich aus vergangenen Tagen: 1997 hat Gerlinde Feine als Vikarin an der Tübinger Albert-Schweitzer-Kirche Leonie Schüler durch die Konfirmationszeit begleitet. Nach 26 Jahren sind sie sich zufällig wieder begegnet und haben das zum Anlass genommen, um über das religiöse Fest zu sprechen. Mit dazu kam Tülay Sanmaz, Grünen-Stadträtin im Gemeinderat, ebenfalls einst von Gerlinde Feine konfirmiert.
Frau Feine, wie es der Zufall will, jährt sich exakt heute, da wir zusammensitzen, meine Konfirmation. Als wir uns kürzlich wiedergetroffen haben, meinten Sie, dass Sie sich noch gut an meinen Jahrgang erinnern. „Die ersten vergisst man nicht“, sagten Sie. Inwiefern war die erste Konfirmation für Sie prägend?
Feine: Ich war unglaublich nervös. Ich habe meinen Ausbildungspfarrer gefragt, was ich mache, wenn ich den Segen vergesse. Er meinte: „Sagen Sie den Schluss ,Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.‘ Dann merkt es keiner.“
Welche Erinnerung haben Sie an Ihre eigene Konfirmation?
Feine: Sie war ziemlich fürchterlich. Die Konfirmation selbst war ein schönes Fest, aber die Konfi-Zeit bestand nur aus Auswendiglernen. Mittwochs bin ich wie ein Tiger im Käfig um den Esstisch gelaufen und habe Verse aufgesagt. Der Pfarrer war autoritär, hat rumgeschrien und war hoffnungslos überfordert. Alles war angstbesetzt. Wir waren 80 Konfirmanden, der Gottesdienst hat drei Stunden gedauert.
Frau Sanmaz, an was erinnern Sie sich noch von Ihrer Konfirmation 2001?
Sanmaz: Ich erinnere mich nicht an Details, aber an die Freude, die ich hatte. Ich war sehr aufgeregt, es waren so viele Menschen da. Und ich erinnere mich noch gut an den Hosenanzug, den ich trug. Darin habe ich mich überhaupt nicht wohlgefühlt.
Welche Rolle spielt der Glaube heute noch für Sie?
Sanmaz: Ich muss gestehen, dass ich seit Langem nicht mehr in die Kirche gegangen bin. Aber mein Glaube ist dennoch da. Neulich war ich bei einer Beerdigung, da konnte ich noch das Vaterunser. Es sitzt ganz tief.
Feine: Wir machen die Erfahrung, dass viele bis zur Konfirmation eine enge Verbindung zur Kirche haben. Danach hört es auf. Leute sagen mir: „Ich bete und die Kirche ist mir Heimat, aber ich nutze sie nicht. “ Das muss ich akzeptieren. Auch du, Tülay, sagst, die Kirche ist dir keine Verbündete mehr.
Sanmaz: Als Kind war ich gerne sonntags in der Kirche, da gab es eine Spielgruppe, Gitarre wurde gespielt. Als Erwachsene ging die Verbindung zur Kirche weg.
Haben Sie Konsequenzen gezogen?
Sanmaz: Ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich will aber trotzdem, dass meine Söhne in den Religionsunterricht gehen. Ich fand es hilfreich, was ich mitgenommen habe. Mein Mann ist Muslim, ich möchte, dass sie beide Religionen kennenlernen. Ob sie später Christ oder Muslim werden oder keiner Religion angehören wollen, steht ihnen offen.
Ich erinnere mich, dass meine Konfirmandengruppe auf zwei Sonntage aufgeteilt wurde, weil wir so viele waren. Heute sind es oft nur eine Handvoll Jugendliche. Warum ist das so?
Feine: Früher haben 98 Prozent eines evangelischen Jahrgangs mitgemacht, heute ist es die Hälfte. Das hat verschiedene Gründe wie schulische Verpflichtungen, Sport. Der Konfis-Unterricht hat nicht mehr die Selbstverständlichkeit. Und natürlich werden auch weniger getauft. In Böblingen ist etwa noch ein Drittel der Bevölkerung evangelisch.
Was möchten Sie Ihren Konfirmanden mitgeben?
Feine: Ich möchte, dass sie den Mut haben, selber auszusprechen, was sie glauben. Sie sollen nicht nur nachplappern, sondern selber Position beziehen. Sie sollen sich damit auseinandersetzen, was unsere Glaubenstraditionen sind und sich dazu verhalten.
Sanmaz: Die Jugendlichen wollen die Konfizeit nicht so verbringen, wie sie schon die Schulzeit verbringen.
Feine: Mir geht es weniger darum, den Stoff zu lernen, da vertraue ich auf den Religionsunterricht. Viel wichtiger ist mir, Begegnungen zu schaffen. Wir besuchen zum Beispiel den Tafelladen, backen Brot für „Brot für die Welt“ und feiern damit Abendmahl, unser Kantor lässt sie durch die Orgel klettern. Bei der Konfi-Freizeit waren wir auf einem Biathloncamp in einer sehr einfachen Hütte im Allgäu. Das gab uns Zusammenhalt. Sprich, mir geht es mehr um den Beziehungsbogen. Kirche ist ein Ort des Vertrauens. Da sind Leute, die haben auch Fragen und Zweifel, selbst der Pfarrer. Aber sie sind füreinander da. Kirche als Solidargemeinschaft, das ist mir wichtig. Ich will Beheimatung schaffen.
Denken Sie, dass die Konfirmation für die wenigen, die sich noch dafür entscheiden, wichtiger geworden ist?
Feine: Ich unterstelle, dass sie es früher auch ernst genommen haben. Warum habt ihr euch konfirmieren lassen?
Sanmaz: Es hat dazugehört.
Feine: Ich denke, es tut gut, wenn man einen Übergang hat. In fast jeder Kultur gibt es einen Ritus, einen Übergang ins Erwachsenenleben. Ich nenne es Schwellensegen. 50 Jahre später bei der Goldenen Konfirmation stehen die Leute wieder an so einer Schwelle. Es ist gut, sich an solchen Stellen im Leben zu vergewissern: Was trägt mich? Was will ich? Der Glaube kann helfen, mein Leben so zu führen, dass ich mich aufgehoben und geborgen fühle.
Was genau bedeutet die Konfirmation im evangelischen Glauben?
Feine: In der alten Kirche wurden Erwachsene getauft. Irgendwann ging man dazu über, Säuglinge zu taufen, um sicherzustellen, dass auch früh Verstorbene in den Himmel kommen. In der Reformationszeit kam dann die Frage auf: Wie kann die Taufe zu einem Zeitpunkt stattfinden, wenn die Person es noch nicht selbst entscheiden kann? So kam die Konfirmation auf. Da sage ich Ja zu meiner Taufe, Ja zu meinem Glauben. Ich werde in die christliche Gemeinschaft aufgenommen und bin ein mündiges Gemeindemitglied, darf selbst Pate werden.
Sanmaz: Die Frage ist, ob das mit 14 gut ist oder ob man mit 16 anders denken würde?
Feine: In der Schweiz konfirmieren sie erst mit 17, 18. Ich bin gespaltener Meinung. Gerade mit 14 brauchen die jungen Menschen jemanden. Mein Ausbildungspfarrer hat gesagt: „In dem Alter sind die Konfirmanden kratzbürstig, die will keiner. Wer soll sie wollen, wenn nicht wir?“ Ich glaube, dass sie es auch mit 14 ernst meinen.
Was sagen Sie jungen Menschen, die noch unsicher sind, ob sie sich konfirmieren lassen sollen oder nicht?
Feine: Ich sage ihnen, dass es ein ergebnisoffener Prozess ist. Am Ende der Konfi-Zeit muss keine Konfirmation stehen. Ich kann den Jugendlichen versprechen, dass sie ein schönes Jahr erleben. Sie werden mit Fragen konfrontiert, die wichtig sind fürs ganze Leben und helfen, einen Platz im Leben zu finden. Was sie daraus machen, ist ihre Sache. Auf jeden Fall soll die Konfi-Zeit Spaß machen.
Starke Frauen
Gerlinde Feine
Die Pfarrerin wurde 1967 in Arzberg im Fichtelgebirge geboren. Sie hat in Erlangen und Tübingen Theologie studiert. Nach ihrem Vikariat in Tübingen war sie Gemeindepfarrerin in Böblingen und Ofterdingen. Nach einigen Jahren als Referentin am Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Landeskirche ist sie seit 2013 Gemeindepfarrerin der Stadtkirche Böblingen. Seit 2019 sitzt sie für die SPD im Gemeinderat.
Tülay Sanmaz
Die Informatikerin wurde 1988 in der Türkei geboren und kam mit einem Jahr nach Deutschland. Sie ist christlich getauft, inzwischen aber aus der Kirche ausgetreten. Die Kurdin ist mit einem Muslim verheiratet und hat zwei Söhne. Seit 2018 sitzt sie für die Grünen im Böblinger Gemeinderat.