Der Gedenkstein für zwei ukrainische Zwangsarbeiter, die 1944 dem NS-Terror zum Opfer fielen, ist wieder vervollständigt. Fast auf den Tag genau 80 Jahre nach der Ermordung der beiden ukrainischen Zwangsarbeiter Wladymir Lirka und Trofin Balaban hatten die Stadt Wendlingen und die zum örtlichen Bürgerverein gehörende Stolperstein-Initiative das Denkmal im April eingeweiht. Kurz vor Pfingsten war die Bronzetafel am Waldrand, in der Nähe des Autobahnrastplatzes Rübholz, gestohlen worden, was für viel Aufruhr sorgte.
Bürgermeister Steffen Weigel schließt „gezielten Angriff“ nicht aus
Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel verurteilte die Tat damals als zutiefst menschenverachtend und versprach, die Tafel umgehend ersetzen zu lassen. Zudem brachten die Stadt und der Bürgerverein die Schändung der Gedenkstätte zur Anzeige. Laut dem Verwaltungschef brachten die Ermittlungen der Polizei bislang keine neuen Erkenntnisse. „Aber ich möchte nicht ausschließen, dass die Tat ein gezielter Angriff war“, betonte Weigel.
Für ihn ist es nun umso wichtiger zu zeigen, dass man sich in Wendlingen von solchen Übergriffen nicht abschrecken lässt. Der Stadt sei es ein Herzensanliegen, dass man in Wendlingen fest hinter dem in Deutschland mittlerweile fast schon routinemäßigen „Nie wieder“ steht: „Gerade in unseren Zeiten ist es besonders wichtig, sich daran zu erinnern.“
Wladymir Lirka und Trofin Balaban wurden am 19. April 1944 ermordet
Der Bürgervereinsvorsitzende Manfred Klumb will sich indes Spekulationen über einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund nicht anschließen: „Das hilft uns auch nicht weiter.“ Der Bürgerverein sei froh, dass die Tafel wieder angebracht sei, und der Stadt sehr dankbar, dass sie die Kosten übernommen habe. Und einen positiven Aspekt habe die Tat gehabt: „Dort sind unzählige Spaziergänger unterwegs und die schauen an der Gedenkstätte jetzt besonders intensiv, ob alles in Ordnung ist.“ Die beiden nach Wendlingen verfrachteten ukrainischen Zwangsarbeiter Wladymir Lirka und Trofin Balaban, damals gerade mal 18 und 21 Jahre alt, waren beschuldigt worden, Hühner gestohlen zu haben. Am 19. April 1944 wurden die beiden jungen Männer ohne Gerichtsverfahren auf direkten Befehl der Reichsführung SS im Wendlinger Wald erhängt. Alle Zwangsarbeiter, die in dieser Zeit in Wendlingen beschäftigt waren – die Zahlen schwanken je nach Quelle zwischen 300 und 800 Menschen, mussten damals der Ermordung der Ukrainer zusehen. Seitens der Stadt hatte schon länger der Wunsch bestanden, das Gedenken an Wladymir Lirka und Trofin Balaban wachzuhalten. Weigel ist dem Bürgerverein dankbar, dass er sich der Thematik angenommen hat: „Das war zuvor eine Leerstelle. Jetzt erinnern wir am Ort des Geschehens an die beiden jungen Männer.“
Recherchen bringen Namen weiterer Opfer zutage
Auch das Stolperstein-Projekt in Wendlingen wird fortgeführt. Laut Klumb wurden bei Recherchen weitere Opfer des NS-Regimes bekannt, die ihren letzten offiziellen Wohnort in Wendlingen hatten. „Vermutlich werden wir im kommenden Frühjahr neue Stolpersteine in der Stadt verlegen“, so der Bürgervereinsvorsitzende an.