Gestohlener Autokran aus Stuttgart Jäger des verlorenen Krans

Von Wolf-Dieter Obst 

Der spektakuläre Diebstahl eines Autokrans in Stuttgart machte Schlagzeilen. Und er verwickelte den Geschäftsführer der bestohlenen Firma in einen Agententhriller.

Ein Geschäftsführer, der auch mal Geheimagent sein kann: Paule-Chef Rainer Schmid. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Ein Geschäftsführer, der auch mal Geheimagent sein kann: Paule-Chef Rainer Schmid. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Da stand er nun in Kairo unter der heißen Junisonne, wie ein Geheimagent. Zwei Kilometer von den Pyramiden von Gizeh entfernt, im Hof eines Stahlhändlers, hatte Rainer Schmid seinen Autokran gefunden. Jenen 48-Tonner, der Monate zuvor spurlos von seinem Werksgelände in Obertürkheim verschwunden war. Da stand er, der Kran, ganz nah und doch unerreichbar. „Ich war etwas blauäugig“, sagt der Geschäftsführer des Schwertransportunternehmens Paule. Er glaubte, den gestohlenen Kran einfach zurückfordern zu können, mit Besitzpapieren, die er den Behörden vorweisen würde. Doch Kairo ist eine andere Welt. Und es geht nicht nur um einen Kran.

Es geht um organisierte Kriminalität, die über Kontinente hinweg funktioniert. Das hat Rainer Schmid schnell gelernt, nicht nur wegen der finsteren Gestalten auf dem Firmenhof. Der 52-Jährige kennt die Geschichte von zwei erwischten Dieben eines Betonmischers, die in Deutschland vor Gericht beharrlich schwiegen und lieber länger ins Gefängnis gingen, als ihre Familien daheim zu gefährden. Schmids Kontaktleute in Kairo hatten ihm klar gemacht, dass man sich hier draußen lieber nicht als ein bestohlener Besitzer aus Europa zu erkennen gibt.

Das Netz der dunklen Märkte

Also machte Schmid den Geheimagenten. Mission impossible. Schmid spielte einen Geschäftsmann aus Europa, der sich wegen eines Hausbaus in Ägypten für Baustahl interessiert. Heimlich machte er Fotos mit dem Handy. Der Unterbau des Liebherr LTM 1070 war weiß umlackiert, hieß „Hamburg krandienst“. Mit kleinem „k“. Doch diverse Kratzer verrieten: Es war sein Paule-Kran.

Wie kam das Ungetüm überhaupt hierher? Noch immer ermitteln Spezialisten des Landeskriminalamts, wer hinter dem Kran-Diebstahl steckt. Die Zentrale Ermittlungsgruppe Grenzüberschreitende Kriminalität (ZEGK) in Kehl durchleuchtet die Strukturen. Ein Netz im Untergrund, das sich durch ganz Europa zieht. Ein Netz, das auch Betonmischer, Radlader, Betonpumpen auf dunkle Märkte nach Nordafrika verschiebt.

Und dann fälscht man einfach die Papiere

Warum die Kran-Diebe am 19. März auf dem Gelände an der Augsburger Straße den Paule-Autokran mit dem Kennzeichen S-HP 517 aussuchten, ist unklar. Daneben stand ein zwei Jahre jüngeres und damit wertvolleres Exemplar. Den Tätern war’s egal. Denn entscheidend ist ohnehin nur, was in den gefälschten Papieren steht.

Der Autokran, der am 14. Mai im belgischen Antwerpen auf ein Frachtschiff verladen wurde, ist nun sein eigener Zwilling. Zulassungspapiere, Fahrgestellnummer, Rechnungen, Kennzeichen, Lackierung – alles manipuliert. Die Daten für die Papiere sind zwar echt, aber von anderen Fahrzeugen und Firmen von Österreich bis Norddeutschland geklaut. Wie einfach sowas gehen kann, zeigt der Blick auf die Internetseite eines holländischen Anbieters für gebrauchte Baumaschinen: Dort werden Autokräne mit allen technischen Details angeboten – inklusive Serien- und Fahrgestellnummer. Die muss ein Fälscher also nicht mehr erfinden. Er kopiert sie.

Eine Spur führt nach Frankreich

Wie Rainer Schmid jetzt weiß, ging der Paule-Kran, der auf „Hamburg krandienst“ umlackiert wurde, in Antwerpen im Frachtschiff Grande Scandinavia auf große Reise. Ganz unauffällig. Kein Wunder, werden doch in einem Dreivierteljahr 920 000 Fahrzeuge umgeschlagen. In dem 182 Meter langen Schiff fällt selbst ein Autokran nicht weiter auf. Die Fracht hat plausible Papiere. Nur der Händler, dessen Namen die Täter für die Rechnungen verwendet haben, weiß nichts von seinem Glück.

Wo aber wurde der Kran in einen Zwilling verwandelt? Wie kam er nach Belgien? Vermutlich liegt die Antwort irgendwo in Frankreich. Das zeigt ein weiterer Autokran-Diebstahl. Denn während die Grande Scandinavia von Antwerpen nach Alexandria schipperte, wurde der nächste Autokran gestohlen. Diesmal in Rheinland-Pfalz, bei Worms, in Bobenheim-Roxheim. Der 40-Tonnen-Autokran sendete GPS-Signale noch bis an die Grenze nach Frankreich, schwieg plötzlich, funkte dann doch von einem Firmengelände im Elsass. Die betroffene Firma holte ihren Kran schnell mit einem Ersatzschlüssel zurück. Frankreich ist halt nicht so weit wie Ägypten.

Da ist Größeres im Gange

Dort, bei den Pyramiden, dort, wo gerade für eine Milliarde Dollar das größte archäologische Museum der Welt gebaut wird, hat Geheimagent Schmid noch einen Betonmischer auf diesem Firmenhof entdeckt. Seine Handyfotos hat jetzt das LKA. „Da geht es nicht nur um unseren Kran, da ist Größeres im Gange“, sagt Schmid. Für den Teilzeit-Agenten ist das eine Nummer zu groß.

Seinen Autokran, Zeitwert 200 000 Euro, wird Schmid nicht wiedersehen. „In Ägypten türmen sich die bürokratischen Hürden“, sagt er. Der Kran soll weiterverkauft worden sein. Die Polizei hat dem 52-Jährigen jede Illusion genommen: „Wissen Sie“, bekam Schmid von einem Ermittler zu hören, „es ist noch nie gelungen, ein Fahrzeug aus Nordafrika zurückzuholen.“

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