Gesundes Essen für Kinder „Ernährungsmuster behalten Kinder oft ein Leben lang bei“

Dass sie etwas essen sollen, weil es gesund ist, kommt bei Kindern meist nicht gut an. Foto:  

Eltern wünschen sich gesunde Ernährung für ihre Kinder – doch das wird im Alltag oft zum Kampf. Experten erklären, wie es trotzdem gelingen kann, Kinder dafür zu gewinnen.

Der Suppen-Kasper hungert lieber, als dass er seine Suppe isst. Was in Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter als überspitzte Karikatur daherkommt, ist in vielen Familien Alltag: Während die Mutter das Obst- und Gemüseangebot herunterbetet und die Vollkornbrotstulle als bessere Alternative zum Hamburger lobt, holt der kleine Trotzkopf das Totschlag-Argument hervor: „Mag ich nicht!“ Da helfen auch Überredungsversuche nichts. „Probier doch mal! Du weißt doch gar nicht, wie das schmeckt.“

 

Der Kampf am Abendbrottisch ist verloren und am Ende landen dann doch Nudeln mit Ketchup auf dem Kinderteller. Der Familienfrieden ist damit zwar vorerst wiederhergestellt – ein schlechtes Gewissen der Eltern bleibt jedoch zurück, weil sie dem Nachwuchs nicht konsequent genug etwas Gutes getan haben.

Jeden Tag fünf kleine Portionen Obst und Gemüse

Ob Vollkornnudeln oder Gemüse – gesunde Lebensmittel fallen bei Kindern häufig durch. Das fängt schon bei der Brotdose für Schule und Kindergarten an, wo Apfelschnitze und Cherry-Tomaten regelmäßig unberührt bleiben, und geht mit halb leer gegessenen Tellern am Mittag und Abend weiter. Dabei ist es in der Theorie eindeutig: Eltern, die auf gesunder Ernährung bestehen, haben recht. Nach der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO sollten Kinder jeden Tag fünf Portionen Gemüse und Obst verspeisen – dreimal Gemüse, zweimal Obst. Dabei ist eine Portion die Menge, die in unsere Handfläche passt.

Insgesamt ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung gerade für den Nachwuchs besonders wichtig. Im Prinzip gilt für Kinder das Gleiche wie für Erwachsene: Die Ernährung sollte ausgewogen und vollwertig sein, der Körper mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt werden. Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit empfiehlt sowohl für Kinder wie für Erwachsene größtenteils pflanzliche Lebensmittel: Obst, Gemüse, Getreideprodukte und Kartoffeln liefern wichtige Vitamine und Mineralstoffe. Tierische Nahrungsmittel wie Wurst, Fleisch und Eier, aber auch Milch und Milchprodukte wie Joghurt dürfen in Maßen verzehrt werden, während Süßes und Fettreiches die Ausnahme bleiben sollten. Und natürlich sollten Kinder genauso wie Erwachsene viel trinken.

„Eine gesunde Ernährung und Bewegung sind die wesentlichen Grundlagen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen“, betont Holger Hofmann, Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW). „Dabei ist das Ernährungsverhalten ein zentraler Bestandteil eines gesunden Lebensstils.“ Das werde wesentlich im Kindesalter erlernt und gebildet.

Kommen ausreichend Obst und Gemüse auf den Tisch, wirkt sich das nach einer britischen Studie auch positiv auf das seelische Wohlbefinden von Kindern aus. Insbesondere ältere Kinder in der Mittelstufe profitieren davon, wie die Untersuchung der University of East Anglia in Norwich zeigt. Eine weitere Erkenntnis: Auch ein reichhaltiges Frühstück und Mittagessen stehen in Verbindung mit einem besseren Wohlbefinden. Die Forscher hatten das Essensverhalten der Kinder abgefragt. Zudem ermittelten die Forscher in Tests Faktoren wie Fröhlichkeit, die Fähigkeit zur Entspannung und zwischenmenschliche Beziehungen – all das zahlte auf die Beurteilung der seelischen Gesundheit der Kinder ein. Andere Einflussfaktoren wie problematische Familienverhältnisse wurden ebenfalls berücksichtigt.

Psychologe: Zucker-Verbote erreichen das Gegenteil

Doch was, wenn die Kinder die gesunden Lebensmittel trotzdem verschmähen – und ihren Hunger zwischendurch lieber mit fett- und zuckerreichen Snacks stillen? Thomas Ellrott Professor für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen, rät zunächst zu Gelassenheit. Verbote und Zwang seien wenig zielführend und würden bei Kindern oft das Gegenteil bewirken. Auch mit Engelszungen auf die Kleinen einzureden, bringt nichts: Der Hinweis, dass man etwas essen soll, weil es gesund ist, werde von Kindern eher als Bevormundung verstanden.

Es komme eher darauf an, die Information richtig zu verpacken. Denn Begriffe wie „Vollkorn“ seien bei vielen Kindern negativ besetzt, sagt Ellrott. Gleiches gilt für die „Brotdose“ – denn der Nachwuchs weiß seit dem Kindergarten, dass darin eben das gesunde Vollkorn-Pausenbrot darauf wartet, verspeist zu werden.

Brotdose? Snackbox!

Den Schlüssel liefern psychologische Tricks aus dem Marketing: Wer keine „Brotdose“ mit in die Schule gibt, sondern vielleicht eher eine „Snackbox“, in der auch kein „Pausenbrot“ steckt, sondern ein „Sandwich“, meint zwar das Gleiche – hat aber bessere Karten, den Nachwuchs zu überzeugen. Und wer mittags nicht „Fischfilet mit Gemüsereis“ kocht, sondern eine „Meeresbrise-Pfanne“, hat auch gleich bessere Chancen, dass der Teller tatsächlich leer gegessen wird. Denn nicht nur das Auge isst mit, sondern auch der Kopf. Letztlich geht es dabei um eine Art Selbsttäuschung, der auch Erwachsene regelmäßig erliegen, etwa wenn sie teuren Wein für besonders schmackhaft halten.

Gesunde Lebensmittel wie Brokkoli sind dem Nachwuchs manchmal schwer vermittelbar. Foto: Unsplash/ Tyrell

Grundsätzlich wichtig sei es, die Ernährung möglichst aufzulockern, sagt Ellrot. Denn sonst tritt das ein, was Ernährungswissenschaftler als „sensorische Sättigung“ bezeichnen – dass die Lust auf ein bestimmtes Lebensmittel abnimmt, wenn man es allzu regelmäßig zu sich nimmt.

Für unsere Vorfahren waren viel Fett und Zucker wichtig

Dass Kinder ungesunde Lebensmittel mit viel Fett und Zucker gerne essen, ist übrigens ganz natürlich. Es hat mit der Evolution zu tun: „Für unsere Vorfahren war es wichtig, fett- und zuckerreiche Nahrungsmittel sofort zu konsumieren, wenn sie zur Verfügung standen. Denn sie erlegten nicht jeden Tag ein Reh oder fanden süße Beeren“, erklärt Laura König, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Wien.

Für Kinder und Jugendliche gilt das ganz besonders, denn schließlich brauchen sie viel Energie aus der Nahrung, um zu wachsen. „Es gibt also eine biologische Veranlagung, die ungesundes Essen für Kinder attraktiv macht“, so König.

Das heutige Überangebot an Nahrung hierzulande gibt es erst seit 50 bis 60 Jahren – und das ist evolutionär gesehen eine viel zu kurze Zeitspanne, um die Lebensweise anzupassen. Auch dass Kinder am Essen herummäkeln und manche – oft gesunde – Lebensmittel einfach verschmähen, ist erst mal ganz natürlich und hat auch durchaus positive Seiten. Denn dadurch treffen sie eigene Entscheidungen, was wiederum ein wichtiger Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung ist.

Tiefkühlpizza? Kinder eifern ihren Eltern beim Essen nach

Kinder müssten das Verständnis für gesunde Ernährung erst ausbilden, erklärt Gesundheitspsychologin König. „Dies geschieht in der Regel durch den Einfluss der Eltern und der Schule.“ Die Eltern spielen hier eine besonders wichtige Rolle: Sie haben nämlich eine Vorbildfunktion. Wer selbst zwischendurch selbst gerne zum Schokoriegel greift und sich abends nach der Arbeit eine Tiefkühlpizza in den Ofen schiebt, kann von seinem Kind nicht erwarten, es grundsätzlich anders zu machen. „Kinder eifern Erwachsenen bis zu einem gewissen Alter nach“, so König. „Beim gemeinsamen Essen lässt sich gesunde Ernährung am besten vorleben.“ Wenn die Kinder also sehen, dass ihre Eltern authentisch gern Gemüse essen, werden sie das wahrscheinlich auch tun.

Holger Hofmann vom Kinderhilfswerk pflichtet ihr bei: Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie, frisch zubereitet, seien essenziell, um früh eine gute Basis zu schaffen und Kindern vorzuleben, „dass gesunde Ernährung eigentlich ganz einfach ist und auch Spaß machen kann“. Denn: „Ernährungsmuster behalten Kinder oft ein Leben lang bei“, so der Experte. Und Kinder lernen vor allem durch Nachahmung – auch bei der Ernährung.

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