Gesundheit Darmbakterien behindern Diäten

Gibt es die guten „Futterverwerter“ tatsächlich? Foto: dpa
Gibt es die guten „Futterverwerter“ tatsächlich? Foto: dpa

Wenn die Pfunde nicht so schnell verschwinden, wie sie sollten, dann könnten Mikroben dafür verantwortlich sein. Mediziner der Universität Hohenheim untersuchen, wie die Darmflora das Gewicht beeinflusst.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)

Stuttgart - Manche Menschen können sich noch so sehr bemühen, ein paar Pfunde zu verlieren. Sie halten sich strikt an die vorgeschriebene Diät und bewegen sich ausreichend. Doch im Vergleich zu anderen Übergewichtigen tut sich auf der Waage nichts oder fast nichts. Das erleben die Hohenheimer Ernährungswissenschaftler immer wieder. Am Institut für Ernährungsmedizin der Universität werden Adipöse beim Abnehmen wissenschaftlich begleitet – 20 bis 30 Kilogramm können dabei abgenommen werden. „Ob das klappt, hängt auch von den Bakterien im Darm der Menschen ab“, sagt Stephan C. Bischoff, Leiter des Instituts.

Seit etwa zehn Jahren gibt es das Abnehmprogramm an der Uni Hohenheim, und neben anderen Faktoren wird auch die Darmflora erfasst. „Es zeigt sich immer deutlicher, dass eine bestimmte Bakterienkonstellation für den Erfolg der Diät mitverantwortlich ist“, erklärt Bischoff das Ergebnis der jüngsten Studie, die demnächst veröffentlicht wird. Somit könne man möglicherweise durch eine Stuhlprobe vor der Diät voraussagen, ob diese überhaupt sinnvoll sei – und dem Betroffenen vergebliche Mühe und viel Frust ersparen. Patienten, die diese Bakterienzusammensetzung nicht aufweisen, müsse man zu einer anderen Art der Gewichtsreduktion raten, beispielsweise zu einer Operation.

Im Prinzip könne man sich vorstellen, diese Bakterien als probiotische Mittel vor der Gewichtsreduktion zu geben, sagt Bischoff. „Doch das ist bis jetzt noch reine Theorie. Das muss in klinischen Studien untersucht werden, denn es heißt ja noch lange nicht, dass wir alle Bakterienarten kennen, die am Erfolg der Gewichtsreduktion beteiligt sind“, schränkt er ein. Schließlich sei die Darmflora sehr vielfältig – mehr als 1000 Bakterienarten sind an der Verdauung im Dickdarm beteiligt, anderthalb Kilogramm wiegen diese Darmbakterien. Sie unterstützen jedoch nicht nur die Verdauung der Nahrung, sie beeinflussen zudem den gesamten Stoffwechsel und spielen eine wichtige Rolle für das Immunsystem.

Antibiotika verändern die Darmflora

Die Welt der Mikroben im Dickdarm scheint für jeden Menschen unterschiedlich zu sein. Dennoch gibt es einen gemeinsamen Nenner: das Core-Mikrobiom. Dieses Kerngerüst an Bakterien ist dafür verantwortlich, dass die Enzyme der Bakterien die Bestandteile in der Nahrung knacken, die der Mensch alleine nicht verdauen könnte. Dazu zählen die komplexen pflanzlichen Kohlenhydrate, die ohne Bakterien ungenutzt ausgeschieden würden. Außerdem gibt es bestimmte Vitamine, die der Mensch nicht selbst bilden kann. Auch hier helfen Bakterien bei der Gewinnung dieser Vitamine oder Vorstufen davon.

Neben diesem Core-Mikrobiom gibt es eine Vielfalt von Bakterien, die den Menschen individuell verdauen lassen: Daher liegt es nahe zu untersuchen, wie sich die Darmflora bei übergewichtigen Menschen von denen der Normalgewichtigen unterscheidet. Gibt es die guten „Futterverwerter“ tatsächlich? Es scheint so: bereits vor vier Jahren hatten Wissenschaftler internationaler Forschergruppen berichtet, dass sich die Menschen nach drei Darmtypen einordnen lassen: Die Gruppen unterscheiden sich unter anderem darin, wie erfolgreich sie Energie aus der Nahrung gewinnen können. So gibt es verschiedene Bakterien, die schwer verdaubare Kohlenhydrate knacken können – es wird also mehr Energie gewonnen, die in den Körperzellen als Fett gespeichert wird. So wird die Zahl dieser Bakterien beispielsweise auch bei Normalgewichtigen erhöht, wenn sie übermäßig viel essen – eine Art Teufelskreis ergibt sich damit für Übergewichtige: Je mehr sie essen, desto besser wird dieses auch noch verwertet – sie nehmen unaufhaltsam zu. „Für etwa zehn Prozent der Energieaufnahme sind die im Darm angesiedelten Bakterienstämme verantwortlich“, fasst Bischoff zusammen.

Auch die Gabe von Antibiotika kann einen Einfluss auf das Gewicht haben. Vor allem bei Kleinkindern scheint dies eine Rolle zu spielen. Die Darmflora entwickelt sich vor allem während des ersten Lebensjahres. Dabei spielen Gene, die Umwelt und die Ernährung eine Rolle. Studien haben ergeben, dass die häufige Gabe von Antibiotika bei Kleinkindern die Darmflora stört und diese Kinder später dann zum Dickwerden neigen. Doch auch bei Erwachsenen spielen die Medikamente noch eine Rolle: Antibiotika können das Mikrobiom im Darm teilweise über Monate hinweg verändern. Der Hohenheimer Wissenschaftler und Mediziner plädiert daher für einen achtsamen Umgang mit diesen Medikamenten: „Es ist ein Segen, dass es Antibiotika gibt, doch man muss nicht bei jedem Schnupfen ein Breitbandantibiotikum verordnen. Das zudem bei einer viralen Infektion gar nichts nützt.“

Manchen Patienten hat eine Stuhl-Transplantation geholfen

Bei Darmerkrankungen allerdings sind antibiotische Mittel manchmal die einzige Chance: Durch Störungen in der Darmflora können sich beispielsweise Durchfallkeime wie Clostridium difficile ausbreiten. Das Bakterium entzündet die Darmwand und stellt Proteine her, die eine abführende Wirkung haben. Die Auszehrung kann tödlich enden. Eine Antibiotikatherapie soll den krank machenden Keimen den Garaus machen. Doch das funktioniert nicht immer. Den austherapierten Patienten kann eine Stuhltransplantation helfen: „Es gibt erstaunliche Erfolge bei chronisch kranken Menschen“, berichtet Bischoff.

Diese Darmpatienten wurden geheilt, indem ihnen Stuhlproben von gesunden Spendern übertragen wurden. Das verpflanzte Material der gesunden Menschen ersetzt die krank machende Darmflora des Patienten. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass diese Operation funktioniert. Sofort keimte die Hoffnung auf, auch Adipösen mit einer derartigen Stuhlübertragung helfen zu können. Davon jedoch rät Bischoff kategorisch ab: „Man weiß noch viel zu wenig über die Rolle der einzelnen Bakterienstämme“, warnt er. „Zudem hat man keine Ahnung über die Nebenwirkungen.“ Hier müsse man im Kleinen anfangen und Stück für Stück die Bakterien, ihre Anzahl, ihre Funktion und das Zusammenwirken mit anderen Bakterien analysieren – dann könnte vielleicht einmal eine probiotische Kur entwickelt werden, die beim Abnehmen hilft.

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