Gesundheit Demenz – was Angehörige wissen sollten

Man muss sich nicht gleich so verausgaben wie Dieter Hallervorden in dem Film „Sein letztes Rennen“, aber Bewegung bis ins hohe Alter senkt das Demenzrisiko. Foto: dpa
Man muss sich nicht gleich so verausgaben wie Dieter Hallervorden in dem Film „Sein letztes Rennen“, aber Bewegung bis ins hohe Alter senkt das Demenzrisiko. Foto: dpa

Die Zahl Betroffener steigt weiter –und bessere Medikamente sind vorerst nicht in Sicht. In der Reihe „Gesundheit beginnt im Kopf“ stand deshalb das menschenwürdige Leben mit der Krankheit im Vordergrund.

Leben: Werner Ludwig (lud)
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Stuttgart - Der ältere Herr hat Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. „Ich kann das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, sagt er. Es geht um seine 87-jährige demenzkranke Nachbarin, die er schon seit Jahren betreut. Der Umgang mit ihr sei zunehmend schwierig, erzählt der Mann, immer öfter werde sie ihm gegenüber aggressiv. Deshalb soll die Nachbarin jetzt in eine stationäre Einrichtung eingewiesen werden. „Das kann ich doch nicht zulassen“, findet der verzweifelte Mann.

„Solche Fälle haben wir häufiger“, sagt Ute Hauser, die bei der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg für Beratung und Fortbildung zuständig ist. Angehörige oder nahestehende Menschen fühlten sich oft verpflichtet, für Demenzkranke zu sorgen, obwohl sie selbst damit überfordert seien. Viele fühlten sich alleingelassen und würden mit der Zeit selber krank. „Sie dürfen nicht vergessen, auch an sich selber zu denken“, rät Hauser dem Fragesteller. „Vielleicht ist eine Einweisung ja in diesem Fall tatsächlich die bessere Lösung“, sagt die Expertin bei einer Veranstaltung der VHS Stuttgart im Rahmen der Reihe „Gesundheit beginnt im Kopf“. Thema des Abends: „Der lange Weg ins Vergessen“.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Demenzkranken wird an Brisanz gewinnen. Aktuell werde die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf gut 1,5 Millionen geschätzt, sagt Moderator Suso Lederle. „Für die nächsten 30 bis 50 Jahre wird mit einer Verdoppelung dieser Zahl gerechnet.“ Einer der Hauptgründe ist nach den Worten des Mediziners, der in Stuttgart als Internist praktiziert, die wachsende Zahl alter Menschen. Mit steigendem Alter erhöht sich das Risiko einer Demenz deutlich.

Alzheimer dominiert klar

Am häufigsten ist mit fast zwei Dritteln der Fälle die nach dem gleichnamigen Neuropathologen benannte Alzheimerdemenz, sagt der Chefarzt der Abteilung Akutgeriatrie am St. Hildegardis Krankenhaus in Köln, Jochen Hoffmann. Alzheimer führt zu einem Massensterben unter den rund 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn. Demenz kann aber auch Folge eines Schlaganfalls oder einer Durchblutungsstörung sein. Auf diese Form der Demenz entfällt ein Sechstel aller Fälle. Ein weiteres Sechstel der Dementen leidet unter einer Kombination aus Alzheimer und anderen neurodegenerativen Erkrankungen.

Die Möglichkeiten, Alzheimer mit Medikamenten zu behandeln, sind begrenzt. Verfügbar sind drei Wirkstofftypen: Ginkgo-Extrakte, die schädliche Stoffwechselprodukte neutralisieren sollen, Cholinesterasehemmer, die den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin bremsen, und Memantin, das der schädlichen Übererregung der Zellen entgegenwirkt. Diesen Medikamenten ist gemein, dass sie die Krankheit nicht heilen, sondern den geistigen Verfall der Betroffenen lediglich hinauszögern. „Der Untergang der Nervenzellen kann bis jetzt nicht verhindert werden“, sagt Hoffmann.

Die Wirkung der bislang verfügbaren Medikamente sei zwar „enttäuschend“, meint der Mediziner. Trotzdem hält er ihren Einsatz vor allem in den leichteren Stadien für sinnvoll. So führten Cholinesterasehemmer zumindest für ein bis zwei Jahre zu einer Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit und der Alltagskompetenz. Bei Memantin halte dieser Effekt bis zu eineinhalb Jahre lang an. Die zeitlich begrenzte Wirkung hängt damit zusammen, dass die degenerativen Veränderungen im Gehirn weitergehen.

Rätseln um die Rolle der Plaques

Bis bessere Wirkstoffe zur Verfügung stehen, könnten Jahre vergehen. Als aussichtsreiche Kandidaten nennt Hoffmann Antikörper, die sich gegen die schädlichen Eiweißablagerungen im Nervengewebe richten. In Studien sei tatsächlich ein Rückgang dieser sogenannten Plaques festgestellt worden – allerdings keine Verbesserung des klinischen Zustands der Patienten. „Eventuell ist die Schädigung der Hirnzellen schon vorher eingetreten“, meint Hoffmann. Wer mit 75 Alzheimer bekomme, habe oft schon seit Jahrzehnten Plaques im Gehirn. Auf der anderen Seite gebe es Menschen mit solchen Ablagerungen, die trotzdem nicht dement seien, sagt Lederle. Es könnte also auch sein, dass die Plaques gar nicht die eigentliche Ursache von Alzheimer sind, sondern nur eine Begleiterscheinung. Solche Unsicherheiten machen die Entwicklung neuer Wirkstoffe nach Lederles Worten zu einer „Herausforderung für Jahre und Jahrzehnte“.

Vorerst bleibt Betroffenen und Angehörigen nichts anderes übrig, als mit der Krankheit zu leben. Dazu gehört, bei Bedarf Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Doch die Hemmschwelle liegt hoch. „Viele Angehörige melden sich erst sehr spät bei uns“, sagt Ute Hauser. Nicht selten seien die Anrufer völlig überfordert mit der Betreuung dementer Angehöriger. „Man muss sich klarmachen, dass ein Alzheimerkranker in den späteren Phasen ein Fall für die Palliativmedizin ist. Das ist zu Hause kaum zu leisten“, sagt Hoffmann. Hilfreich seien deshalb niederschwellige Angebote wie Demenz-Cafés oder Demenz-Tagesstätten. Doch davon gebe es vor allem auf dem Land noch zu wenig.

Mangels besserer Pharmazeutika seien nichtmedikamentöse Behandlungsmethoden umso wichtiger, so Hoffmann. So wirke sich jede Form geistiger und körperlicher Aktivität positiv auf das Krankheitsbild aus. „Ideal ist ein täglicher Spaziergang in Begleitung. Dann bekommen sie beides gleichzeitig“, rät der Mediziner. „Man darf nie vergessen, dass ein Demenzpatient nicht nur ein Krankheitsfall ist, sondern ein Mensch, der merkt, dass er etwas verloren hat“, sagt Lederle. Das verstärke das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung. Doch es gebe Wege, um der Angst der Betroffenen entgegenzuzwirken, die auch in Aggression umschlagen kann. So sollten Angehörige bei gemeinsamen Arztbesuchen nicht nur über den Patienten reden, sondern diesen mit einbeziehen, rät Hauser.

Diagnose oft erst im Krankenhaus

Wichtig sei in jedem Fall, dass eine Demenz frühzeitig erkannt wird, so Hoffmann. „Viele bekommen die Diagnose erst im Krankenhaus“, sagt der Experte. Und wenn sie vorher zum Arzt gehen, geht der Impuls meist von Angehörigen aus. „Betroffene schieben das oft vor sich her“, berichtet Hauser. Auch vom Hausarzt würden die ersten Symptome nicht immer wahrgenommen, sagt Lederle. „Manchmal denkt man da zuerst an eine Depression.“ Eine umfassende Diagnose ist laut Hoffmann auch wichtig, um andere mögliche Ursachen für kognitive Defizite auszuschließen, die sich leicht behandeln ließen – etwa einen erhöhten Druck im Schädel durch angestaute Hirnflüssigkeit.

Wenn man ab und zu mal etwas vergisst – etwa einen Namen oder einen Termin –, sei das noch kein Grund, gleich an Alzheimer zu denken, beruhigen die Experten ihre Zuhörer. „Eine Demenz beginnt erst dann, wenn wichtige Alltagsfähigkeiten verloren gehen“, sagt Hauser. Das kann das Ablesen einer Uhr sein, fehlende räumliche Orientierung oder die plötzliche Unfähigkeit, einen Kuchen nach einem Rezept zu backen, das man jahrelang auswendig konnte.

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