Gesundheit Krankenbett im Rotlicht

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Jolanda hat starke Schmerzen, kann sich aber nicht operieren lassen. Das Los einer Stuttgarter Armutsprostituierten, die nicht krankenversichert ist.

Jolanda hat in ihrem Zimmer ein Foto: Martin Stollberg
Jolanda hat in ihrem Zimmer ein Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Jolanda sitzt breitbeinig auf einem weißen Ledersofa und wimmert. Die Perücke mit den langen glatten Haaren, die sie sonst für ihre Freier trägt, hat sie achtlos hinter sich geworfen. Über ihr an der Wand hängt ein pastellfarbener Jesus in einem goldenen Plastikrahmen. Der Sohn Gottes schaut geradeaus in den kleinen, schmucklosen Raum, der der Prostituierten als Küche, Wohn- und Esszimmer dient. Roter Stoff ist mit Reißzwecken an der Tapete befestigt, das Fenster ist abgehängt. Jolanda stöhnt.

Sie trägt nur eine Fleecejacke, ansonsten ist sie nackt. Ihre Brüste hängen auf ihren dicken Bauch herunter. Sie krümmt sich zusammen, die eine Hand reibt den Bauch, mit der anderen fasst sie sich an die Stirn. Ihre Augen sind feucht, doch es rinnt keine Träne über das breite, schmerzverzerrte Gesicht, das mal hübsch gewesen sein mag. Jolanda ist 46. Sie sieht älter aus.

„Willst sterben hier, oder was?“, fragt Martha und zieht an einer Zigarette. Der Rauch vermischt sich mit dem Geruch kalter Nudelsuppe. Auf einem Campingkocher steht ein Topf, in dem aufgequollene Fertignudeln in braunem Wasser schwimmen. „Bist krank oder bist nicht krank“, fragt die Zimmernachbarin, die wie Jolanda in Wirklichkeit anders heißt. Martha ist eine Institution im Leonhardsviertel. Viele Huren kommen zu ihr, wenn sie Sorgen und Probleme haben. Doch jetzt ist Martha genervt. Seit Tagen geht das so: Jolanda arbeitet nicht. Sie leidet nur.

Jolandas Problem ist so groß wie eine Kastanie: 32,6 mal 26,2 Millimeter misst der Gallenstein in ihrem Bauch. Erst vor fünf Tagen landete sie mit akuten Gallenkoliken in der Notaufnahme einer Stuttgarter Klinik. Mit Schmerztabletten in der Handtasche kehrte sie ins Leonhardsviertel zurück – und mit dem Wissen: die Entfernung des Steins würde mindestens 3000 Euro kosten. Jolanda hat keine 3000 Euro, und sie hat keine Krankenversicherung, die den Betrag für sie übernehmen würde.

Privatversicherung kommt für die Prostituierten nicht infrage

Die Armutsprostituierten aus dem Leonhardsviertel seien alle nicht krankenversichert, sagt die Sozialarbeiterin Sabine Constabel vom Sozialdienst des Gesundheitsamts, die das Prostituiertencafé La Strada im Rotlichtviertel betreut. Sie hätten kein Geld und seien überfordert.

Eigentlich müsste sich Jolanda privat krankenversichern. Wer nie angestellt, sondern nur selbstständig in Deutschland gearbeitet hat, muss von einer gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufgenommen werden. Auch sonst wäre ein Einstig in die gesetzliche Versicherung nach Jahren ohne Schutz teuer: Bis Dezember 2007 könnten die Kassen nicht bezahlte Beiträge rückfordern. Sich privat zu versichern komme für die Betroffenen nicht infrage, sagt die Sozialarbeiterin. Wegen der Berufsrisiken sind die Versicherungssätze für Prostituierte hoch, die Leistungen sind für sie meist eingeschränkt.

„Nicht Ambulanz“, haucht Jolanda mit dunkler, kratziger Stimme. „Kein Geld.“ Sie reibt sich wieder über den Bauch. Maria, eine dritte Prostituierte, massiert ihr den Rücken. „Bist krank“, meint Martha forsch und drückt ihre Zigarette in einem Teller aus. Da nickt Jolanda. Endlich. Die Frauen im Raum rufen den Rettungswagen. Sie hoffen, dass es diesmal anders läuft als vor fünf Tagen. Dass Jolanda diesmal operiert wird.




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