Gesundheit vor Ort Die Medizin vor der Haustür ist in Gefahr
Lauterbachs Pläne könnten das Aus für die kleinen Kliniken bedeuten
Lauterbachs Pläne könnten das Aus für die kleinen Kliniken bedeuten
Karl Lauterbach ist in den Medien omnipräsent. In Corona-Zeiten übernahm er in Talkshows die Rolle der Kassandra. Mittlerweile – nicht zuletzt dank seiner Fernsehauftritte - in Ministerwürden, will er das Gesundheitssystem kräftig durchschütteln, besonders die die an chronischem Geldmangel erkrankte Kliniklandschaft.
Der Sozialdemokrat, von Haus aus Mediziner, setzt grundsätzlich am richtigen Hebel an: Die sogenannten Fallpauschalen, die, unabhängig von Dauer und Komplexität einer Krankheit, jeden Patienten mehr oder minder gleich betrachten, sind mitverantwortlich für die Finanzprobleme der Kliniken. Die Kassen bezahlen die Summe X, egal ob eine Operation schwierig oder ein Routineeingriff ist. Sind also die medizinischen und pflegerischen Aufwendungen für einen Patienten besonders hoch, heißt das nicht, dass auch die Vergütung entsprechend ist.
Dass dieses Modell auf Dauer nicht funktionieren kann, leuchtet ein. Dass aber Lauterbachs Expertenkommission das Heil fast ausschließlich in Großkliniken sieht, ist der falsche Weg. Es ist ohnehin schon bemerkenswert, dass Gesundheit nicht zu den Aufgaben der Daseinsfürsorge gehört, wie der Leonberger FDP-Chef Kurt Kindermann kürzlich bei einer Diskussion zur Lage der Kliniken anmerkte. Hat doch auch das System der Kassenfinanzierung dazu geführt, dass Pflege und Notstand in einem der reichsten Länder der Erde am Boden liegen.
Die Leidtragenden sind die Kranken sowie medizinisches und pflegerisches Personal gleichermaßen. „Viele von uns können einfach nicht mehr“, beschreibt die Leonberger Chefärztin Barbara John die Situation in ihrer Klinik. „Unsere Ärzte und Schwestern werden krank, die anderen müssen noch mehr arbeiten und kippen irgendwann um.“
Man darf davon ausgehen, dass solche drastischen Schilderungen keinesfalls übertrieben sind. Sie sind aus allen Krankenhäusern zu hören. Dennoch sind gerade die kleinen Kliniken medizinische Felsen in der Brandung einer alternden Gesellschaft, in der es immer mehr chronische Kranke gibt, die einen dauerhaften Betreuungsbedarf haben. Die meisten leben auf dem Land. Kaum vorstellbar, dass ihnen noch längere Wege aufgebürdet werden, als sie ohnehin schon haben.
Im Klinikverbund Südwest lässt sich das Dilemma gut nachvollziehen. Hier gibt es sie noch, die viel zitierte wohnortnahe Versorgung. Auch medizinisches Expertise ist hier zu finden. Barbara John und ihr Chefarzt-Kollege Wolfgang Steurer sind ausgewiesene Experten bei Darmbehandlungen und haben Leonberg zur Anlaufstelle für Darmpatienten aus ganz Deutschland gemacht.
In der Gynäkologie von Chefärztin Monica Diac wird der Kreißsaal von Hebammen geführt: Ein Angebot, das viele werdende Mütter anspricht und der Geburtshilfe hohe Zahlen beschert. In Berlin aber wird ernsthaft überlegt, den meisten Krankenhäusern die Geburtsstationen wegzunehmen. „Dann werden immer mehr Kinder im Auto geboren“, hat Barbara John diese Pläne jetzt zugespitzt kommentiert.
Ein Zerschlagen der Krankenhaus-Landschaft kann nur politisch verhindert werden. Dabei sind alle gefordert: Kommunal- und Landespolitiker, vor allem aber die Volksvertreter in der Hauptstadt. Die Leonberger FDP will ihren eigenen Abgeordneten Florian Toncar in die Pflicht nehmen. Der könnte bei einem Finanzierungskonzept für eine wohnortnahe Klinikversorgung eine wichtige Rolle spielen: Toncar ist Staatssekretär bei Bundesfinanzminister Christian Lindner.