Laurin Schwetz läuft auf dem Band. Um seine Orthesen abzuholen, ist er an diesem Morgen aus Starnberg nach Markgröningen gefahren. „Ich habe gehört, dass sie hier die besten Schienen machen, die es gibt“, sagt der 33-jährige Kfz-Mechatronikermeister. „Und die bestpassenden, wie sich gerade bestätigt.“ Orthopädietechniker Sven Stephan, der Schwetz seine Kohlefaser-Schutzschienen nach einem Scan gefertigt hat, hört das gern. Trotz mehrerer schwerer Knieverletzungen wird sein Kunde aus Bayern wieder schnittig Ski fahren können.
Die Orthopädietechnikfirma in Markgröningen mit 260 Beschäftigten gehört zu den Spitzenplayern in ihrer Branche. Auf ihre Orthesen, Protektoren und Spezialbandagen, die verletzte oder funktionseingeschränkte Körperteile unterstützen und wieder belastbar machen, schwören Hobby- und Spitzensportler – die Wände im Eingangsbereich in Markgröningen sind übersät mit Dankeskarten und Autogrammen.
Eine noch elementarere Bedeutung haben die Ortema-Produkte, die in den eigenen Werkstätten vor Ort gefertigt werden, wenn es sich um die Versorgung nach einer Amputation dreht. „Für die Patienten ändert sich erst einmal alles, und sie wissen nicht, wie es weitergehen soll“, erzählt Heiko Hecht von der Unternehmenskommunikation. „Sie brauchen dann schnell ihre Prothese, damit sie nach vorne schauen können.“
In Markgröningen ist man darauf durch die enge räumliche und inhaltliche Zusammenarbeit mit der Orthopädischen Klinik besonders gut eingestellt: Im Zusammenspiel von Ärzten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Masseuren, Sportwissenschaftlern und Orthopädietechnikern können Patienten interdisziplinär und engmaschig betreut werden. Wenn sich beispielsweise bei der Gangschule herausstellt, dass es mit der Prothese noch nicht rundläuft, können Orthopädietechniker und Physiotherapeut gemeinsam beratschlagen.
Es sei meist ein längerer Prozess, die Patienten dabei zu unterstützen, dass sie den Lebensmut nicht verlieren, dass sie gut in die Abläufe mit der Prothese hineinfinden und mit Schmerzen und Rückschlägen zurechtzukommen. Hauptursache für Amputationen, erklärt Hecht, sind – auch wenn einem das kaum gegenwärtig ist – arterielle Verschlusskrankheiten, die meist im fortgeschrittenen Alter auftreten. Amputationen infolge von Tumoren oder Unfällen sind weitaus seltener. Auf Letztere aber kann man sich nicht einmal mental vorbereiten – sie passieren so abrupt, dass die Verzweiflung zunächst unsagbar groß ist. „Gerade die Physiotherapeuten spielen für die Stabilisierung der Psyche neben der Familie und Freunden eine sehr wichtige Rolle“, sagt Hecht. „Denn für viele Patienten bricht erst einmal eine Welt zusammen.“
Manche nutzen ihre Prothese aber auch selbstbewusst für ein Statement. „Hier“, sagt Heiko Hecht und zeigt beim Gang durch das Unternehmen auf ein Prothesenmodell mit Tom-Petty-Aufdruck: „Die Schäfte gestalten wir auf Wunsch individuell, auch mit Lieblings-Rockstar. Früher war eine Prothese oft schambehaftet, und man hat sie zu kaschieren versucht“, erinnert sich Hecht, der selbst Orthopädietechniker ist. „Heute gehen viele Betroffene offensiver damit um und sagen: Man sieht es sowieso.“ Sie verzichten auf Silikonimitate der verlorenen Gliedmaßen und zeigen ihre teils bionisch gesteuerten Hightechprothesen offen.
Ortema hat eine weitere Spezialität: die ganzheitliche ambulante orthopädische Rehabilitation mit 60 Plätzen. „Es gibt Menschen, für die es Sinn ergibt, dass sie ganz aus dem Alltag herausgenommen werden und eine stationäre Reha machen“, sagt Hecht. Aber für viele Menschen mit Problemen des Bewegungssystems könne eine ambulante Therapie besser geeignet sein.
Ebenfalls im Portfolio hat das Unternehmen im Bereich „Medical Fitness & Gesundheit“ ein, so Hecht, „gesundheitsorientiertes“ Sportstudio für Selbstzahler, das auf mehr als 1000 Quadratmetern gezielte Trainingsmöglichkeiten für die Gesunderhaltung anbietet. „Da geht es weniger um schöner, schneller und stärker.“ In einer alternden Gesellschaft würden immer mehr Menschen erkennen, dass sie für die Gesundheit auch Geld ausgeben müssen.
In den Bereich Vorsorge fällt das jüngste Angebot von Ortema: die Beratung beim Arthrose-Kompetenzzentrum. Oft könne man an kleineren Stellschrauben drehen, was Patienten aber mitunter gar nicht bewusst sei, sagt Heiko Hecht. „Die kommen mit einem Rezept, haben aber ansonsten oft keine Informationen über ihre Probleme und Linderungsmöglichkeiten.“ Bei Beratungsgesprächen könnten spezialisierte Physiotherapeuten Lösungswege für Beschwerden zeigen – ob sie nun einen schlechten Muskelstatus erkennen und Muskelaufbautipps geben oder ob womöglich ein Schuh einfach nicht mit der richtigen Einlage versehen ist.
„Eine Arthrose aufhalten kann auch Ortema nicht“, sagt Heiko Hecht hingegen. „Aber man kann die Knochen und Gelenke durch Schienen, Einlagen und Übungen sehr gut unterstützen und dadurch den Aktivitätsgrad steigern.“ Es komme schon mal vor, dass die Bemerkung „Meine Frau schickt mich“ falle. „Manchmal braucht es einfach eine Initialzündung, und manche Leute müssen es noch mal von außen gesagt bekommen“, so Hecht. Die Beratung im Arthrose-Kompetenzzentrum – es wird nicht untersucht und keine Diagnose gestellt – kostet nichts. Warum der Uneigennutz? Heiko Hecht hat dafür eine knappe Antwort: „Wir sind der Überzeugung: Wenn ein Patient zufrieden war, kommt er wieder.“ Überdies sei es schön, Patienten auch mal zu beraten, ohne ans Verkaufen zu denken.