Gesundheitsatlas Depressionen: Was raten Betroffene anderen Betroffenen?

Wenn man an Depressionen leidet, sitzt die Scham oft tief, wissen Betroffene. Foto: saran – stock.adobe.com

Viele Depressive eint der Wunsch, sie hätten schon früher Hilfe angenommen. Drei erfahrene Betroffene aus dem Enzkreis geben Ratschläge.

Im Jahr 2022 war Nadine Siebler aus dem Enzkreis zum ersten Mal in einer Klinik wegen ihrer Depressionen. Dabei fiel ihr auf, wie viele sowohl junge als auch alte Menschen dort waren. „Ich fand es super, dass die Jüngeren ihre Probleme heute ernster nehmen und früh sagen: Ich hole mir Hilfe.“ Gleichzeitig habe sie die hohe Anzahl an Senioren erschreckt. „Ich dachte: Wie traurig ist es, wenn man erst 60 Jahre so lebt, bis man sich Hilfe holt.“ Auch Anna L. und Rainer Weber (Name von der Redaktion geändert) wünschen sich im Nachhinein, sie hätten sich schon früher Hilfe gesucht – und geben diesen Rat an andere weiter.

 

„Natürlich sind die Grenzen oft fließend“, sagt Rainer Weber. Nicht jede Traurigkeit, auch wenn sie tief reicht, ist gleich eine Depression. Doch auf Termine bei Psychiatern oder Psychologen, um Gewissheit zu erlangen, wartet man oft Monate. „Ein erstes Gespräch mit dem Hausarzt ist daher sinnvoll.“

Selbsthilfegruppen können eine erste Anlaufstelle sein

Anna L. hat sich hinter dem Gedanken der Traurigkeit lange „versteckt“. „Ich hatte immer Gründe für meine Traurigkeit“, sagt die 28-Jährige, unter anderen ist ihr Bruder früh verstorben. „Ich habe das daher immer von mir weggeschoben.“ Ihr Freund habe sie schließlich dazu gedrängt, zur Therapie zu gehen. Erst im Laufe dieser Therapie habe sie erkannt und akzeptiert, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Trauer und Traurigkeit nach dem Tod eines geliebten Menschen und der depressiven Grundstimmung, die sie schon seit vielen Jahren begleitete. Eine sehr bemerkenswerte Erkenntnis: „Ich habe dabei auch gelernt, dass es okay ist zu fühlen, aber dass das, was ich fühle, nicht immer die Wahrheit ist.“

Selbsthilfegruppen können für Betroffene eine gute erste Anlaufstelle sein, findet Anna L. „Ich war auch in so einer Gruppe vor meiner Reha. Das war richtig gut, man hatte oft das Gefühl: Ich bin nicht allein, wenn andere sagen: Genauso geht es mir auch manchmal.“ Heute sei zwar das nichts mehr für ihn, sagt Rainer Weber. „Ich spreche lieber mit Nichtbetroffenen, um nicht mehr ständig darüber nachzudenken.“ Als neu Betroffener sei das aber sehr hilfreich. „Man trifft dort sehr verständnisvolle Leute.“

Eine gebrochene Seele braucht Hilfe wie ein gebrochenes Bein

Klar ist für Anna L.: „In einem zweiten Leben würde ich mehr auf mich aufpassen und die Möglichkeiten, die es gibt, nutzen.“ Diesen Rat gibt die junge Erzieherin auch allen anderen Betroffenen. „Ich hatte erst Angst, wenn ich mich der Therapeutin öffne, dass ich damit Wunden aufreiße, die zu sehr wehtun, dass ich in ein Loch falle, aus dem ich nicht mehr herauskomme.“ Doch davor sollte man nach ihrer Erfahrung keine Angst haben. Denn nur durch dieses Öffnen könne ein heilender Prozess angeregt werden.

„Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Scham“, weiß Rainer Weber. „Man schämt sich bei Depressionen für die eigene Unfähigkeit – die Unfähigkeit, den Alltag, die Arbeit nicht mehr zu bewältigen.“ Es ist die Scham, Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, andere mit sich selbst zu belasten. Man müsse sich aber vor Augen führen: So wie man bei einem gebrochenen Fuß Gehhilfen benötigt, für die sich auch niemand schämt, „braucht eine gebrochene Seele psychologische Gehhilfen“. Man müsse für sich akzeptieren, dass Depression eine Krankheit ist wie andere auch, nur dass man sie nicht sehen kann.

Wer Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe sucht, kann sich im Enzkreis an die Kiss (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen) unter www.enzkreis.de/selbsthilfe wenden. Mehr zum Kreis Böblingen unter www.move-bb.de/unterstuetzungsangebote oder zu Ludwigsburg unter www.landkreis-ludwigsburg.de unter dem Reiter „Gesundheit“.

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