Gesundheitsatlas Wenn Kinder nicht mehr aus ihrem psychischen Tief finden

Ulrike Schulze leitet die Böblinger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerade dort sind die Nachwehen der Pandemie spürbar. Foto: Eibner/Roger Bürke

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Angst- und Essstörungen und Depressionen ist gestiegen, auch im Kreis Böblingen. Trotz der besorgniserregenden Entwicklung können Expertinnen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie und einer Psychotherapiepraxis betroffenen Familien Mut machen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Über drei Jahre ist der Beginn der Coronapandemie nun her. Schulschließungen gehören genauso der Vergangenheit an wie Shutdowns und Kontaktbeschränkungen. Wer glaubt, die Pandemie sei abgehakt, kann in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Böblingen eines Besseren belehrt werden. Denn hier treffen viele junge Patienten zusammen, die krank aus den Pandemiejahren gekommen sind.

 

„Wir verzeichnen eine starke Zunahme von Essstörungen, Ängsten, Depressionen, Zwangserkrankungen und sogar Suizidalität. Nicht bei allen sind die Erkrankungen neu aufgetreten, einige erleiden auch Rückfälle“, erklärt die Chefärztin der Böblinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, Ulrike Schulze. Gerade in den vergangenen drei Jahren sei das Belastungslevel vieler in die Höhe geschossen. „Kinder jeden Alters haben große Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Wenn diese Stufen nicht genommen werden können, so wie in den Pandemiephasen, in denen alterstypische Aktivitäten unmöglich waren, fehlt etwas Elementares, das oft nicht mehr nachzuholen ist“, erläutert die Ärztin.

Mädchen im Teenageralter sind deutlich häufiger betroffen

Eine große deutschlandweite Querschnittsstudie der DAK hatte 2022 offengelegt, dass vor allem weibliche Jugendliche stark psychisch gelitten haben und so erkrankt sind, dass sie wegen Essstörungen, Depressionen und Ängsten klinisch behandelt werden mussten. Daten der Krankenkasse AOK zeigen, dass der Trend vor allem auch bei Mädchen im Jugendlichenalter im Kreis Böblingen zu sehen ist. Vergleicht man den Anteil wegen Depressionen behandelter Mädchen 2021 mit jenen Daten aus 2012, ergibt sich eine Verdopplung der ärztlich behandelten Fälle. Ähnlich gelagert sind die Zahlen bei Angststörungen.

Zuletzt äußerten sich Angsterkrankungen immer häufiger auch im Phänomen des Schulabsentismus – dem Fernbleiben vom Unterricht aus psychischen Gründen. Damit einher geht auch eine soziale Isolation. Statt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, ziehen sich viele in die digitale Welt zurück. „In den sozialen Netzwerken treffen Jugendliche auf vermeintliche Vorbilder, die sie zwar nicht persönlich kennen, die aber großen Einfluss auf sie ausüben – teils auch negativ“, sagt Schulze. Da dieses Thema mittlerweile eng mit einigen Krankheitsbildern verknüpft ist, es aber auch nicht ausgeblendet werden kann, pflegt man in der Klinik einen „geregelten Umgang“. „Zu bestimmten Zeiten dürfen die Smartphones benutzt werden. Wir haben auch eine Mediengruppe“, erklärt die Kinderpsychiaterin Schulze.

Das Thema tritt auch bei Jennifer Spring, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Böblingen, vermehrt auf. „Der Medienkonsum spielt eine große Rolle. Ich habe Patienten, die 13 Stunden am Tag online sind. In solchen Fällen geht die Alltagsstruktur verloren, sie sehen kaum Freunde. Interessanterweise ist den meisten ihr problematisches Verhalten bewusst“, sagt die Psychotherapeutin. In ihrem Praxisalltag behandelt Spring vor allem Depressionen, Ängste und Zwänge, sowie Ess- und Anpassungsstörungen. Ein erheblicher Teil hätte vor allem seit Pandemiebeginn Probleme bekommen. „Kontaktverbote, Schulschließungen, aber auch die Angst vor Infektionen oder der Tod eines Familienmitglieds haben viele aus der Bahn geworfen. Die Vermutung, dass sich die Pandemie negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt, wurde mehrfach bestätigt. Das hat sich noch nicht wieder eingependelt“, berichtet Spring.

Bei manchen Anzeichen ist schnelles Handeln gefordert

Nicht alle Fällen, in denen Kinder und Jugendliche mit teils auch alterstypischen psychischen Belastungen zu kämpfen haben, sind medizinisch zu behandeln. Die vergangenen Jahre haben aber gezeigt, dass junge Menschen – und damit auch ihre Familien – immer öfter an die Grenzen kommen. Die Krisensymptome ähneln sich oft: Kinder ziehen sich zurück, wollen nicht mehr in die Schule, vernachlässigen Essen oder Körperhygiene. Manche äußern sogar suizidale Gedanken. Wenn solche Kipppunkte erreicht werden, empfiehlt sich der Gang in eine Psychotherapiepraxis oder notfalls auch in die Psychiatrie.

Einmal stationär aufgenommen, werden Gesprächs-, Bewegungs-, Musik- und Kunsttherapie angeboten. Sogar der Schulalltag wird weitergeführt. Dafür gibt es eine „Klinikschule“, in der ausgebildete Lehrkräfte altersgerecht unterrichten. Das Glück, in Kürze fachliche Hilfe zu erhalten, haben aber nicht alle Jugendliche. Therapieplätze – ambulant wie stationär – sind rar. Fast überall gibt es Wartelisten. „Kurz nach Praxiseröffnung war ich ausgelastet. Ich bekomme wöchentlich fünf bis zehn Neuanfragen“, sagt Jennifer Spring.

Am Behandlungslimit befindet sich auch die Böblinger Psychiatrie. „Die in Corona zusätzlich zur Verfügung gestellten Betten tragen zu einer leichten Verbesserung bei“, sagt Klinikärztin Schulze. Sie hofft, dass die landesweit 136 zusätzlich geschaffenen Kapazitäten dauerhaft finanziert werden und damit für Entlastung sorgen. Da viele Experten von einem langen psychischen Nachhall der Pandemie ausgehen, wird selbst die jüngste Aufstockung noch zu kurz greifen. „Die Lage ist prekär. Uns fehlt wie vielen anderen Einrichtungen auch das Fachpersonal“, klagt Ulrike Schulze.

Die Erfahrungen zeigen: Therapien wirken

Trotz der Negativentwicklung – aus zwei Punkten schöpfen die Expertinnen Hoffnung: Einerseits beweist die Praxis, wie gut die unterschiedlichen Therapieformen helfen. „Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Krisen überwunden werden können“, bekräftigt Schulze. Auch Jennifer Spring macht Mut: „Wenn es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die besonders widerstands- und anpassungsfähig ist, dann Kinder. Sie sind Bewältigungsspezialisten. Und: Wer ins Straucheln kommt, findet mit professioneller Hilfe wieder Halt.“

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