Gesundheitsdaten Wenn Ärzte und Krankenkassen alles wissen

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Fitnessarmbänder, Gesundheits-Apps und die Analyse auf dem Smartphone: Immer mehr Menschen erfassen alle möglichen Daten ihrer Körperfunktionen. Doch was passiert mit diesen Daten?

Wer seine Gesundheitsdaten frei gibt, wird vielleicht zum Joggen geschickt. Foto: dpa
Wer seine Gesundheitsdaten frei gibt, wird vielleicht zum Joggen geschickt. Foto: dpa

Stuttgart - Sie werden von Film- und Popstars getragen und auch von vielen Krankenkassen bezuschusst: Fitness-Armbänder sind seit geraumer Zeit ziemlich angesagt. Es gibt sie aus buntem Silikon oder eher dezent silbern, schwarz oder weiß. Die Idee dahinter ist simpel. Positiv betrachtet könnte man vermuten, dass durch die Überwachung am Handgelenk – die im Übrigen auch von einer digitalen Smart-Watch übernommen werden kann – der Einzelne sich mehr bewegt und eher auf seine Gesundheit und sein Gewicht achtet. In der Praxis, so zeigen erste Studien aus den USA, hat sich am Verhalten derjenigen, die regelmäßig ein intelligentes Armband tragen, nur sehr wenig verändert.

Was genau kann solch ein Fitness-Armband leisten und wer könnte von den Daten profitieren? Diese Diskussion ist deutlich älter als die Jawbones, Withings, Activity-Tracker und Smart-Watches. Denn mit der Idee der Gesundheitskarte begann auch die Diskussion über die Datensicherheit und die Frage, was auf einer solchen Karte alles gespeichert werden sollte. Zwar handelt es sich bei der Krankenversichertenkarte um etwas vollkommen anderes als um ein Fitness-Armband, die Bedenken und die positiven Aspekte gleichen sich jedoch sehr.

Es geht einerseits darum, wie sicher so heikle Informationen auf einer Chipkarte oder in der Cloud des weltweiten Datennetzes sein können. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wer Zugriff auf welche Daten haben sollte.

Ist es wirklich im Sinne des Patienten, wenn jeder Arzt, den man aufsucht, Einsicht auf sämtliche Patientenakten hat? Möchte man als mündiger Patient – etwa vor einer anstehenden Operation – nicht vielleicht die Möglichkeit haben, sich eine zweite Meinung eines Facharztes einzuholen, ohne dass der jeweils andere Kollege davon erfährt? Natürlich stehen in diesem Punkt die Interessen des Patienten nicht im Einklang mit denen der Krankenkassen, die doppelte Arztbesuche zu verhindern suchen. Aus dem und weiteren Gründen wird die Debatte über sensi­ble, personenbezogene Gesundheitsdaten auch so intensiv und kontrovers geführt.

Gesundheitsdaten werden überprüft

Niemand würde wohl ernsthaft anzweifeln, dass es zum Wohle des Patienten wäre, wenn ein Arzt unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten ausschließen könnte, indem er mit einem schnellen Blick in eine digitale Patientenakte überprüfen könnte, ob der Patient ein Präparat einnimmt, welches sich mit anderen Wirkstoffen nicht verträgt. Demgegenüber stehen Bedenken von Datenschützern und die Tatsache, dass Gesundheitsdaten nun mal extrem vertraulich zu behandeln sind. Ein Dilemma, das mit dem Boom der Fitness-Armbänder noch mehr an Brisanz gewonnen hat, weil Gesundheitsdaten auch auf weltweit verteilten Servern lagern, deren Sicherheit nicht garantiert ist.

In diesem Punkt aber hat – zumindest bis jetzt noch – jeder Nutzer selbst in der Hand, ob und in welchem Umfang er die neue Technik nutzen möchte. Wer sich durch ein von der Krankenkasse subventioniertes Fitness-Armband und der Aussicht auf Rabatte bei seinem Krankenkassenbeitrag ködern lässt, darf sich anschließend nicht darüber wundern, wenn er Post von seiner Versicherung bekommt, in der er dazu aufgefordert wird, sein Gewicht um ein paar Pfunde zu reduzieren und sich mehr zu bewegen. Wer nicht bereit ist, sein Bewegungsprofil, sein wöchentliches Sportprogramm, sein Gewicht und Essverhalten zu dokumentieren und digital seiner Krankenkasse zur Verfügung zu stellen, muss vielleicht langfristig mit einem etwas höheren Beitrag rechnen – bleibt dafür aber Herr über seine ganz privaten Daten.

Das Prinzip kennt man von Payback-Karten: wer bereit ist, sein Konsumverhalten preiszugeben, bekommt im Gegenzug Rabatte angeboten. Dass auch Krankenkassen versuchen, von diesem Bonus-Denken zu profitieren, kann man ihnen nicht verübeln. Wer nicht raucht, bekommt vielleicht pro Quartal 50 Euro gutgeschrieben, wer Margarine statt Butter isst, bekommt die Margarine kostenlos frei Haus geliefert. Wer verspricht, niemals einen Bungee-Sprung zu wagen, bekommt einen Yoga-Kurs geschenkt. Und wer seinen Body-Mass-Index (BMI) im Normalbereich – also zwischen 20 und 25 hält –, darf ein Wochenende zu zweit in einem Wellnesshotel verbringen. Noch sind dies Gedankenspiele und doch nicht fern der Realität. Denn gerade erst kam bei einem Vergleich der Bonusprogramme von gesetzlichen Krankenkassen heraus, dass eine Kasse ihren Versicherten bis zu 200 Euro auszahlt. So habe ein Nichtraucher, der einmal jährlich zum Zahnarzt gehe und einen BMI im Normalbereich nachweise, bereits die Voraussetzung erfüllt, die 200 Euro zu bekommen. Andere Krankenkassen beteiligen sich mit einem Zuschuss bei der Anschaffung eines Fitness-Trackers.

Medizin und Datenschutz gehören noch zusammen

Medizin und Datenschutz gehören bis jetzt noch eng zusammen. Doch in Zeiten von Gesundheits-Apps und elektronischen Lifestyle-Accessoires muss möglicherweise umgedacht werden. Schon heute übermitteln Millionen von Nutzern freiwillig Daten zu ihrer Lebensweise an die Betreiber von Apps und die Hersteller von Fitness-Armbändern. Setzt sich ein System aus Bonuszahlungen und Rabatten für die besonders Fitten durch, stehen auf der anderen Seite die Verlierer mit gesundheitlichen Einschränkungen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Daten im Internet niemals ganz sicher sein werden.

Schon heute versuchten Hacker, berichtete der Medizin-IT-Spezialist Frank Nelles kürzlich im WDR-Fernsehen, mehrmals täglich Rechner mit Gesundheitsdaten anzugreifen. Denn diese Daten seien Gold wert, sagt Nelles, der sich im Europäischen Verband für die persönliche Datenwirtschaft engagiert. Er selbst hat gerade erst eine App für Patienten entwickelt, mit der ärztliche Daten mit selbst gesammelten Patientendaten kombiniert werden und in einer digitalen Akte abgelegt werden können. Es stellt sich die Frage, ob den Trägern von Fitness-Armbändern all dies bewusst ist und ob man sie ausreichend warnt.

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