Gesundheitsindustrie in Baden-Württemberg Warum die Bürokratie die Medizintechnik gefährdet

Die Biopharmabranche steckt so viel von ihrem Umsatz in Forschung und Entwicklung wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Der Südwesten ist eine Hochburg. Foto: Adobe Stock//Wladimir Bulgar

Die Gesundheitsindustrie in Baden-Württemberg spielt bundesweit ganz vorne mit. Doch eine EU-Verordnung bereitet kleineren Herstellern von Prothesen, Spritzen oder medizinischen Geräten große Sorgen.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Stuttgart - Die Hochburg der Medizintechnik im Südwesten ist bedroht. „Wir hoffen, dass wir in fünf Jahren noch 300 unserer 400 Unternehmen in der Region haben“, sagt Yvonne Glienke, die Geschäftsführerin des Unternehmensnetzwerks Medical Mountains in Tuttlingen. Denn die Gegend um Tuttlingen ist eine Hochburg der Medizintechnik im Südwesten – jedes zweite der 800 Unternehmen aus Baden-Württemberg, das etwa Prothesen, Spritzen oder medizinische Geräte herstellt, hat dort seinen Sitz.

 

Glienke und auch andere Branchenexperten machen eine seit Mai geltende Verordnung der EU für die Zulassung medizintechnischer Produkte verantwortlich für ihre Lage. Nach dieser Regelung muss künftig auch für bereits zertifizierte Produkte eine neue Zulassung beantragt werden.

Kleine Firmen könnten aufgeben

Besonders problematisch ist das für kleinere Firmen – und davon gibt es gerade in der Medizintechnik genug: Mehr als die Hälfte der Medizintechnikunternehmen im Lande haben weniger als zehn Beschäftigte. Oft arbeiteten diese Firmen in einer Nische, stellten nur ein einziges Produkt her: „Die fragen sich dann, ob sich die Herstellung eines Produkts angesichts der Bürokratieaufwendungen noch lohnt“, sagt die Geschäftsführerin von Medical Mountains. Ihre Prognose: Kleine Firmen werden aufgeben, sich mit anderen zusammenschließen oder von größeren gekauft werden. Um die Beschäftigten macht sie sich angesichts des Mangels an Fachkräften weniger Sorgen.

Auch Professor Ralf Kindervater, der Geschäftsführer der Landesinnovationsagentur Biopro, sieht einen gravierenden Nachteil für die kleinen Firmen: „Wenn der Chef Formulare ausfüllen muss, hat er keine Zeit für Innovationen und neue Produkte.“ Änderungen in der EU-Regelung verlangt auch die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU): „Die Verordnungen müssen auch für kleine und mittlere Unternehmen umsetzbar bleiben.“

Der Aufwärtstrend der Branche hält an

In den vergangenen Jahren ist die Gesundheitsindustrie im Land schneller gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Zwischen 2016 und 2019 wurde etwa in der Pharmaindustrie ein Plus von 12,4 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro erzielt. Der Aufwärtstrend hält laut Biopro an.

Auch größere Medizintechnikunternehmen wollen sich in ihrer Expansion nicht bremsen lassen. So hat die Aesculap AG, 12 000 Mitarbeiter, davon 3500 am Hauptsitz in Tuttlingen, im April Schölly Fiberoptic aus dem südbadischen Denzlingen mit 750 Mitarbeitern übernommen. Im Coronajahr 2020 sank der Umsatz um elf Prozent auf 1,74 Milliarden Euro. Seit März laufen die Geschäfte bei Aesculap, das zum B.Braun-Konzern in Melsungen gehört und unter anderem Prothesen und Kniegelenke herstellt, wieder besser.

Größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte

Das mit Blick auf den Umsatz inzwischen größte Unternehmen in der Stadt ist das Familienunternehmen Karl Storz (8500 Mitarbeiter, davon 3500 in Tuttlingen und im nahen Neuhausen ob Eck). „2022 werden wir erstmals mehr als zwei Milliarden Euro umsetzen“, sagt Vizepräsident Michael Tröndle. In Neuhausen ob Eck werden für einen dreistelligen Millionenbetrag Fertigung und Logistik des Ausrüsters für Operationssäle erweitert.

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Auch Erbe Elektromedizin aus Tübingen hat die Bagger vorfahren lassen. Für 85 Millionen Euro soll das Werk in Rangendingen bei Hechingen erweitert werden. Wie Karl Storz mit dem Ausbau in Neuhausen ob Eck tätigt auch Erbe damit „die größte einzelne Investition in unserer Unternehmensgeschichte“, wie der geschäftsführende Gesellschafter Christian Erbe erklärt. Schon in wenigen Jahren könnten dort 500 Beschäftigte tätig sein – so viele wie auch am Firmensitz. Für 2021 rechnet der Hersteller von elektrochirurgischen Systemen und Instrumenten mit einem Umsatzplus um 15 Prozent auf 300 Millionen Euro.

Größere Wachstumschancen bei Pharma

Größere Wachstumschancen als in der Medizintechnik sieht Kindervater eher in den Bereichen Pharma und Biotechnologie. Baden-Württemberg ist nach den Angaben von Biopro Deutschlands größter Pharmastandort. Auch die Unternehmen setzen Zeichen der Zuversicht: Boehringer Ingelheim (Umsatz 19,6 Milliarden Euro, 52 000 Beschäftigte, davon 6500 in Biberach) baut in Biberach für 300 Millionen Euro ein Entwicklungszentrum für biopharmazeutische Medikamente.

Ebenfalls in Oberschwaben baut Rentschler Biopharma aus Laupheim seine Kapazitäten aus. Anfang 2020 nannte das Unternehmen noch einen Umsatz von 200 Millionen Euro – bis Ende 2021 sollen 300 Millionen Euro erreicht werden. „Der Markt für die Aufragsherstellung von Biopharmazeutika wird in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich jedes Jahr zweistellig wachsen“, sagt Unternehmenschef Frank Mathias – die Laupheimer wollen dabei noch stärker als der Markt zulegen. Der israelische Teva-Konzern (Umsatz 14,3 Milliarden Euro) investiert groß in Ulm: Eine 500 Millionen teure Anlage für die Herstellung biotechnischer Produkte hat ihren Probebetrieb aufgenommen, der Neubau soll auch 300 neue Arbeitsplätze bringen.

Curevac baut eine große Produktionshalle

Investiert aber wird auch dort, wo die Gesundheitsindustrie zuletzt die meisten Schlagzeilen produziert hat – in Tübingen. Curevac mit inzwischen mehr als 700 Mitarbeitern baut eine 8800 Quadratmeter große Produktionshalle. Die Hülle steht, der Innenausbau ist im Gange. Immatics, ein Unternehmen, das an einem Mittel gegen Krebs forscht, will kräftig erweitern, zu den 200 Mitarbeitern in Tübingen könnten weitere 100 Beschäftigte hinzukommen. Zwischen 20 und 30 Millionen Euro will Cegat in einen Anbau an das Firmengebäude stecken. Die Zahl der Beschäftigten könnte von 300 auf bis zu 500 Mitarbeiter steigen. Investiert wird auch vom Schweizer Roche-Konzern – so etwa rund 140 Millionen Euro in Mannheim und 80 Millionen Euro in ein neues Gebäude am Standort Ludwigsburg.

Die Branche im Südwesten

Umsatz
 Biopro gliedert die Gesundheitsindustrie in drei Bereiche. In der Medizintechnik stieg der Umsatz von 2016 bis 2019 um knapp zehn Prozent auf knapp 14,3 Milliarden Euro. Beschäftigt werden mehr als 53 000 Mitarbeiter. Die pharmazeutische Industrie erreichte ein Umsatzplus von mehr als zwölf Prozent auf 7,5 Milliarden Euro und hat 26 500 Mitarbeiter. In der Biotechnologie gab es ein Minus von sechs Prozent auf vier Milliarden Euro. Beschäftigt werden 18 900 Mitarbeiter. Tendenz steigend. Allerdings gibt es Firmen, die ohne Umsatz noch am Forschen sind, wie beispielsweise Curevac und Immatics in Tübingen.

Forschung
 Die Medizintechnik gibt sieben Prozent des Umsatzes für Forschung aus, die Pharmaindustrie etwa 17 Prozent.

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