Gesundheitsrisiko Die meisten gefährlichen Produkte kommen aus China

Von Markus Grabitz 

Ein Fledermauskostüm, mit dem sich Kinder strangulieren können, oder Schadstoffe im Auto: Die EU-Kommission hat einen Liste für gefährliche Produkte vorgestellt.

Von Ikea wurde ein Fledermauskostüm beanstandet. Foto: Ikea
Von Ikea wurde ein Fledermauskostüm beanstandet. Foto: Ikea

Brüssel - Den Kostüm-Artikel für Kinder führte ein großes skandinavisches Möbelhaus. Es ist ein schwarzer Umhang, mit dem sich die Kleinen in eine Fledermaus verwandeln können. Doch aus dem harmlosen Spiel kann schnell eine brenzlige Situation entstehen: Der Verschluss im Nacken hakt, lässt sich nur schwer lösen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass Kinder sich strangulieren können. Das Spielzeug entspricht auch nicht den Vorgaben der EU-Spielzeugrichtlinie.

Auf die Gefahren durch dieses Batman-Kostüm hat das Europäische Schnell-Warn-System für gefährliche Produkte (Rapex) bereits am Freitag das erste Mal hingewiesen. Drei Zwischenfälle mit diesem gefährlichen Produkt wurden bereits registriert. Inzwischen hat die Industrie reagiert. Der Hersteller hat einen Rückruf gestartet und sorgt dafür, dass das Produkt nicht mehr ausgeliefert wird. Jeden Freitag geht eine neue Liste mit für Verbraucher gefährlichen Produkten online. Beim letzten Mal wurde auf zahlreiche andere Produkte hingewiesen, darunter das Sauna-Düfte-Set „Rento“, dessen Chemie-Cocktail Haut und Augen reizt. Der Lieferant hat das Produkt inzwischen zerstört, die Behörden haben dafür gesorgt, dass es aus dem Verkauf verschwindet. Weitere Beispiele: Arbeitshandschuhe mit dem Logo von „Würth“ und der Bezeichnung Welderking. Grund der Beanstandung: zu viele Schwermetalle.

EU-Verbraucherschutzkommissarin Vera Jourova hat in Brüssel die Bilanz des Schnell-Warn-Systems für 2015 vorgestellt. „Wie im vergangenen Jahr sind Spielzeuge auch 2015 wieder am häufigsten auf unserer Liste.“ Insgesamt wurden 2015 2123 Beanstandungen festgestellt, davon 1752, bei denen ein gravierendes Risiko für die Gesundheit der Verbraucher bestand. Damit ist ein leichter Rückgang der Fallzahlen aus dem Vorjahr zu verzeichnen. 2014 rügte die Behörde 2435 Mal ein Produkt, 2153 Mal verbunden mit einem hohen Risiko. Seitdem das Warnsystem der EU 2003 aufgebaut wurde, gab es über 20 000 Beanstandungen. 2015 waren 27 Prozent der beanstandeten Produkte Spielzeuge, 17 Prozent waren Kleidungsstücke, Textilien und Modeartikel. Aber auch Elektroartikel (neun Prozent), ja sogar Autos (rund zehn Prozent) finden sich in der Liste wieder. Bei jedem vierten bemängelten Produkt war die chemische Belastung zu hoch. Betroffen von einer zu hohen Schadstoffbelastung waren vor allem Spielzeuge, gefolgt von Modeschmuck. Bei etwas mehr als jedem fünften gerügten Produkt drohte Verbrauchern eine Verletzung. Weitere Gefahren sind Strangulieren oder Brandgefahr.

Auch Deutschland schneidet schlecht ab

Unangefochten Spitzenreiter als Lieferant von gefährlichen Produkten ist China. 1262 Rügen betreffen Exportartikel, die aus diesem Land stammen. Kommissarin Jourova will aber China nicht als Sündenbock hinstellen. „Diese hohe Zahl der beanstandeten Produkte ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass China gerade bei Spielzeugen und Textilien ein großer Lieferant ist.“ In 214 Fällen konnte nicht ermittelt werden, aus welchem Land das beanstandete Produkt stammte. Nach China ist übrigens Deutschland weltweit das Land mit den meisten Beanstandungen. Allerdings: 1262 Beanstandungen von Produkten aus China stehen lediglich 63 Beanstandungen aus Deutschland gegenüber. Bei Produkten aus deutscher Herkunft trifft es immer wieder Autos. So in der Vorwoche, als etwa ein BMW der Siebener Reihe wegen möglicher Probleme beim Airbag moniert wurde. Autohersteller kooperieren in der Regel sofort und rufen die betroffenen Fahrzeuge in die Werkstätten zurück.

31 Länder beteiligen sich am Schnellwarnsystem, außer den 28 EU-Mitgliedsstaaten sind noch Norwegen und zwei andere Anrainer dabei. Über 500 Millionen Verbraucher leben in den angeschlossenen Ländern. Die Kommissarin unterstrich, wie wichtig es sei, dass die beteiligten Länder kooperieren. „Behörden einschließlich Zoll, aber auch die Hersteller und der Handel arbeiten Hand in Hand, um die Sicherheit der Verbraucher zu erhöhen.“ Die steigenden Marktanteile des Onlinehandels erschweren den Experten von Rapex indes das Geschäft. Wenn ein Produkt im Internet geordert wird, fällt die Kontrolle durch die Behörden naturgemäß schwerer. Jourova sagte aber: „Wir haben das im Blick.“ Auch die Angebote von Onlinehändlern würden überprüft. Es gebe auch schon Kooperationen mit großen Internet-Kaufhäusern. Bei Beanstandungen zögen sie die Produkte aus dem Verkehr.

Die Verbraucherschutzexpertin der SPD, Evelyne Gebhardt, ist mit dem Erreichten überhaupt nicht zufrieden. „Der europäische Markt wird mit gefährlichen Produkten überschwemmt“, kritisiert die Europaabgeordnete aus dem Südwesten. Der Bericht zeige, dass die Rückrufquote viel zu hoch sei. Dies sei ein untrügliches Zeichen dafür, „dass die europäische Gesetzgebung im Bereich Produktsicherheit mangelhaft ist“. Zudem wirft sie den Mitgliedsstaaten vor, schärfere Reglungen zu blockieren. Das EU-Parlament habe längst grünes Licht gegeben für eine Verschärfung der Produktrichtlinie und für eine bessere Marktüberwachung. „Allerdings blockieren die Regierungen im Ministerrat seit mittlerweile zweieinhalb Jahren – sehr zum Schaden der Verbraucher.“